Es sind die Bürger, die dem Staat die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte zugestehen. Sebastian Blumenthal

Kabel-Gate

So richtig es ist, übertriebener Panik vor Cyberattacken Einhalt zu gebieten, so wichtig ist dennoch ein Wort der Warnung. Anders als behauptet sind Hackerangriffe durchaus dazu geeignet, massiven Schaden anzurichten. Sie können anonym durchgeführt werden und gefährden nicht zwangsläufig eigene Server.

Myriam Dunn hat in ihrem Beitrag auf eine wichtige Begleiterscheinung des Cyberwar hingewiesen: "Cyberangst“ als übertriebene Panik vor Cyberattacken und ihren Folgen. Die Thematisierung als solche ist richtig und verdienstvoll. Jedoch verweigert die Autorin in ihrer Absage an die Angst auch den Sabotageangriffen auf Industrie und kritische Infrastrukturen den Status einer realen Bedrohung. Das muss verwundern, denn an diesen Stellen kann Cyberwar hoch effizient sein.

Dunns Argumente sind nicht tragfähig

Warum also stuft Dunn diese Variante als "Blödsinn“ ein? Sie bringt drei Argumente. Erstens: Cyberwaffen lassen sich nicht kontrolliert einsetzen. Sie sind leicht fehlerhaft und produzieren Kollateralschäden bis hin zum Schaden an eigenen Systemen. Zweitens: Cyberwar ist nicht billig, und Cyberwaffen können nicht auf Vorrat produziert werden. Drittens: Schwache Staaten werden Cyberwar nicht gegen Supermächte einsetzen, weil sie die konventionellen Rückschläge fürchten, während Supermächte Cyberwar nicht brauchen, weil sie ihre konventionellen Apparate haben.

Alle drei Argumente sind nicht tragfähig. Das erste Argument gilt inzwischen als überholt. Die hoch individuellen Konfigurationen von Anlagen und Begrenzungen der Propagationsmechanismen in den Cyberwaffen selbst machen eine präzise Kontrolle und den fehlerfreien Betrieb durchaus möglich. Das zweite Argument relativiert sich, wenn man nicht nur die Kosten, sondern auch den Nutzen beachtet. Ein gut entwickelter Hack kann einige (wenige) Millionen kosten, bietet dafür aber meist ein breites funktionales Spektrum – von Spionage, Sabotage, gezielter Manipulation bis zur großformatigen Abschaltung. Zudem kann so ein Angriff oft über Jahre und in ganz unterschiedlichen Kontexten wiederholt benutzt werden. Damit ist der Nutzen so hoch, dass die Kosten erträglich werden. Zudem können Angriffe sehr wohl auf Vorrat produziert werden.

Cyberoperationen sind also jederzeit möglich

Bei ausreichend raffinierten und vielschichtigen Angriffen mit modularem Aufbau ist das Risiko einer vorzeitigen vollständigen Veralterung nur gering. Und auch das letzte Argument ist schwierig. Hier vergisst Myriam Dunn, dass Cyberangreifer prinzipiell nicht identifiziert werden können. Mangelnde Identifizierung bedeutet, dass Angreifer nicht durch Sanktionen oder Militärschläge abgeschreckt werden können. Cyberoperationen sind also jederzeit möglich. Das ermöglicht eine Reihe von Szenarien, die eben ohne konventionelle Konflikte auskommen.

Schwache Staaten könnten Serien solcher Angriffe nutzen, um die Kräfte starker Gegner kontinuierlich zu schwächen. Es können damit gigantische Ablenkungen produziert werden. Wirtschaften können in langfristigen Operationen geschädigt werden. Es ließen sich Konflikte anheizen, andere Staaten agitieren. Man könnte die Effizienz von entwickelten Waffen testen. Und so weiter. Und schließlich ist der Einsatz von Cyberwaffen auch in konventionellen Konflikten sinnvoll. Wenn viele Ziele angegriffen werden sollen, ist er m. E. kostengünstiger, risikofreier, taktisch flexibler, er kostet weniger zivile Menschenleben und verursacht weniger irreversible Zerstörungen. Optionen, die auch für Supermächte attraktiv sein werden.

Die Bewertung Dunns ist also differenziert zu betrachten. Eine Mahnung vor Cyberangst ist wichtig. Allerdings ist Cyberwar in der einen oder anderen Form trotzdem wahrscheinlich. Stuxnet ist immerhin ein erster Fall. Da die Schäden dazu ausnehmend hoch sein können, besteht ein hohes Risiko. Eine differenzierte "Cybersorge“ hat also doch einige Berechtigung.

Gayckens neues Buch “Cyberwar – Das Internet als Kriegsschauplatz” (Open Source Press) behandelt das Phänomen des digitalen Kriegs aus technischer und sicherheitspolitischer Perspektive.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Boué, Dennis Schmidt-Bordemann, Arne Schönbohm.

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