Politik im Mittleren Osten erscheint der westlichen Welt oftmals als Wahl zwischen zwei Alternativen: Diktatorische Regimes oder extremistische Gruppen kämpfen angeblich um die Macht. Diese Vorstellung ist obsolet. Wir sehen momentan – zur Verwunderung vieler Beobachter – die Macht der Jugend. 50 Prozent der Bevölkerung der muslimischen Welt sind jünger als 30. Bisher waren sie oftmals apolitisch. Doch von Tunesien aus verbreitet sich eine Welle der Entrüstung nach Ägypten und in den Jemen.
In Kairo rede ich momentan mit vielen Augenzeugen und Teilnehmern der Proteste. Fast jeder meiner Bekannten war am 25. Januar auf der Straße – der Organisation per Netz sei Dank. Auch Menschen, die sonst aufgrund ihrer privilegierten Herkunft oder Stellung eher nicht die offene Konfrontation suchen, beteiligen sich an den Protesten.
Neue Taktik
Und auch die Dynamik des Protests hat sich verändert. Die junge Generation verhält sich anders. Sie hat von den Demonstrationen gebloggt, getwittert, Facebook-Nachrichten geschrieben und mithilfe von Smartphones Videos und Fotos nahezu in Echtzeit ins Netz gestellt. Die Teilnahme der gebildeten Mittelschicht verändert die Taktiken der Revolution.
Diese Menschen gehen nicht auf die Straße, um für Essensmarken oder Arbeit zu demonstrieren. Sie folgen nicht blind den Predigten eines religiösen Ideologen. Sie sind zu patriotisch, um sich weiterhin von Präsident Mubarak bevormunden zu lassen – und sie haben doch mehr gemeinsam mit der wachsenden armen Bevölkerung als die Abgeordneten im Parlament. Sie sind eine bunte Gruppe, Linke, Muslime, Christen, Atheisten, die alle eines wollen: eine bessere Gesellschaft. Sie haben viel zu gewinnen, denn ihr Leben liegt noch vor ihnen.
Es ist eine Bewegung der Menschen, (noch) ohne einzelne Anführer. Nobelpreisgewinner Mohammed ElBaradei, ein möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Herbst, verkündete in der New York Times seine Überraschung über die aktuelle Entwicklung: “Ich hatte nicht geglaubt, dass die Menschen bereit [für die Demonstration] wären.” Kein Wunder, Herr ElBaradei – die politischen Eliten verstehen momentan wenig von der Dynamik der Demonstrationen.
Ort der Träume
Während die Politik sich in den Zimmern der Macht verschanzte und die Ereignisse in Tunesien zu bewerten versuchte, bildete sich im Internet bereits eine Welle der Opposition. In einem Land wie Ägypten ist das Netz der einzige Ort, an dem die Menschen ihre Sorgen und Klagen laut herausschreien können, an dem Träume beschrieben werden dürfen. In den Foren und Blogs des Netzes haben diese Träume Form angenommen. Es überrascht daher nicht, dass die erste Reaktion der Regierung auf eine Zensur des Netzes abzielte.
Und doch hat sich die Bewegung vom Netz gelöst und ihre Anliegen auf die Straße gebracht. Muslime sind neben Christen marschiert, allem Medienhype über religiöse Spannungen zum Trotz. Alte und Kinder kamen und stellten sich furchtlos vor die Hundertschaften der Polizei. Als die Gewalt eskalierte, haben sie die Verletzten gemeinsam zum nächsten Krankenwagen bugsiert. Als Polizisten ihre Uniformen wegwarfen, haben sie gemeinsam gejubelt. Zum ersten Mal wurden ägyptische Flaggen nicht aufgrund eines Fußballspiels gekauft. Allen Schlagstöcken und Wasserwerfern zum Trotz haben die Menschen die Macht der Straße genutzt, für Freiheit, Demokratie und eine Verbesserung des Lebensstandards. Und dann doch wieder auf die Struktur des Netzes zurückgegriffen. Wir demonstrieren zusammen, schrieb ein Nutzer auf Facebook, “weil wir alle Ägypter sind”.





















@ mr.el-nadi
ausgewogen und sehr eng an der warheit
glueckwunsch!!
Ich habe die größte Achtung vor dem ägytischen Volk!