Kein pauschaler Anstieg der Kriminalität durch Flüchtlingszuzug

von RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung10.02.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Der starke Flüchtlingszustrom nach Deutschland zwischen den Jahren 2010 und 2015 hat keinen pauschalen Anstieg der Kriminalität zur Folge, so eine Studie es RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

_Der Zuzug von Asylbewerbern in einen Kreis erhöht die Kriminalitätsrate mit Ausnahme migrationsspezifischer Vergehen nicht. Auch die einheimische Bevölkerung wird nicht häufiger kriminell. Anerkannte Flüchtlinge lassen das durchschnittliche Kriminalitätsniveau zwar ansteigen, dies aber vor allem durch gewaltfreie Delikte wie Diebstahl und Betrug. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle RWI-Studie, die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik und des Ausländerzentralregisters aus den Jahren 2010 bis 2015 auswertet und erstmals für diesen Zeitraum den ursächlichen Einfluss von Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen auf verschiedene Deliktarten in Deutschland untersucht._

Die Zuwanderung von Asylbewerbern hat in Deutschland mit Ausnahme migrationsspezifischer Vergehen nicht zu mehr Kriminalität geführt. Die Gruppe anerkannter Flüchtlinge hingegen erhöht das durchschnittliche Kriminalitätsniveau durch gewaltfreie Delikte wie Diebstahl und Betrug. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Sie untersucht erstmals getrennt den ursächlichen Einfluss der Zuwanderung von Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen auf verschiedene Deliktarten in Deutschland.

Grundlage der Studie sind Informationen der Polizeilichen Kriminalstatistik und des Ausländerzentralregisters auf Kreisebene aus den Jahren 2010 bis 2015. In diesem Zeitraum hat sich die Zahl der jährlichen Asylanträge in Deutschland auf nahezu 477.000 im Jahr 2015 fast verzehnfacht.

Asylsuchende begehen vor allem Regelverstöße

Eine erste Analyse aller Deliktarten zeigt, dass ein Anstieg des Anteils von Asylbewerbern in einem Kreis um einen Prozentpunkt den dortigen Anteil der tatverdächtigen Asylbewerber um ungefähr 0,01 erhöht. Das entspricht einem tatverdächtigen Asylbewerber pro 100 Einwohner. Die genauere Betrachtung offenbart jedoch, dass die kriminellen Aktivitäten, die zu diesem Anstieg führen, vor allem migrationsspezifische Delikte sind, die von Einheimischen nicht begangen werden können. Hierzu gehören beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz. Rechnet man diese Art der Delikte aus der Kriminalstatistik heraus, verändert sich die Kriminalitätsrate in einem Kreis durch den Zuzug Asylsuchender nicht signifikant.

Anders sieht es bei der Gruppe der anerkannten Flüchtlinge aus, selbst wenn man migrationsspezifische Delikte herausrechnet. Steigt der Anteil der anerkannten Flüchtlinge im Kreis um einen Prozentpunkt, so erhöht dies den Anteil der tatverdächtigen anerkannten Flüchtlinge um gut 0,4 Tatverdächtige pro 100 Einwohner. Dabei geht es vor allem um gewaltfreie Delikte wie Diebstahl und Betrug. Mit Blick auf Gewaltverbrechen, Raub oder Sexualdelikte lässt sich kein signifikanter Anstieg der Kriminalitätsraten feststellen. Der beobachtete Anstieg von Kriminalität ist durch diejenigen anerkannten Flüchtlinge getrieben, die in Regionen ziehen, in denen schon weitere Migranten gleicher Nationalität leben. Dies betrifft vor allem Großstädte wie Berlin, München, Hamburg und Köln sowie Regionen wie das Ruhrgebiet und die Rhein-Main-Region. Denn anerkannte Flüchtlinge sind nach erfolgreichem Asylantrag und Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus nicht mehr in ihrer regionalen Mobilität eingeschränkt (Residenzpflicht) und dürfen ihren Wohnsitz frei wählen.

Frühere Analysen haben gezeigt, dass insbesondere Einwanderer mit niedrigem Bildungsniveau einen Wohnort wählen, an dem bereits viele Mitbürger der eigenen Ethnie leben. Gleichzeitig erhöht ein niedriges Bildungs- und Qualifikationsniveau die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden. Dies könnte den positiven Zusammenhang erklären.

Kein Hinweis auf pauschalen Anstieg der Kriminalität durch Flüchtlingsmigration

Wie die Studie auch zeigt, ändert sich das Kriminalitätsverhalten der einheimischen Bevölkerung nicht, wenn sich der Anteil der Asylbewerber oder Flüchtlinge in ihrem Kreis erhöht.

Die RWI-Studie liefert keine Hinweise darauf, dass die Kriminalität in Deutschland durch die gestiegene Flüchtlingseinwanderung kurzfristig pauschal zugenommen hat. Wissenschaftlich fundierte Aussagen zu langfristigen Auswirkungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Hierzu sollten weiterhin Daten zu möglichst ausdifferenzierten Gruppen erhoben und öffentlich zugänglich gemacht werden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Wenn Merkel geht, müssen wir das Land neu aufbauen

An diesem kalten Julitag, an dem man heizen müsste, um eine erträgliche Raumtemperatur für Schreibtischarbeit zu bekommen, hat Kanzlerin Merkel Geburtstag.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu