Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Günter Grass

Volkstrauer, jetzt auch mit Volk

Die Rolle der Wehrmacht darf in Deutschland nicht verklärt werden. Aber das Gedenken an Veteranen würde dabei helfen, die Bundeswehr in die Gesellschaft zu integrieren.

Geht man dieser Tage durch die Straßen von London, sticht einem eine kleine rote Blume ins Auge, die nahezu jeder Passant ganz egal welchen Alters, Geschlechts oder Hautfarbe gut sichtbar am Revers seiner Jacke trägt. Es ist diese kleine Mohnblume, die seit 1921 zum Gedenksymbol der verwundeten und gefallenen Soldaten geworden ist. Die Royal British Legion sammelt nunmehr seit 90 Jahren durch den Verkauf dieser kleinen „Poppies“ immense Spendensummen, voriges Jahr waren es 36 Mio. Pfund, für die Versorgung der Kriegsversehrten und für die Hinterbliebenen derer, die von den zahlreichen Schlachtfeldern der vergangenen 90 Jahre nicht zurückgekehrt sind. Für dieses Jahr ist erklärt worden, die 40-Mio.-Pfund-Marke zu knacken und damit einen neuen Spendenrekord aufzustellen.

Anerkennung und Erinnerung

Es sind aber nicht die Millionensummen, die im Mittelpunkt dieser nationalen Gedenkaktion stehen, sondern die Anerkennung und die Erinnerung derer, die als Teil der Gesellschaft ihren Beitrag leisten, damit die Werte, für die ein freiheitlicher und demokratischer Rechtsstaat steht, auch in Zukunft ein friedliches und tolerantes Miteinander garantieren. Von Heldenverehrung kann hier keine Rede sein! Ganz im Gegenteil, nur wenn die Arbeit der Streitkräfte einen breite gesellschaftliche Würdigung und Akzeptanz erfährt, gewährleistet man, Armeen nicht zum Staat im Staate werden zu lassen.

Der Volkstrauertag in Deutschland ist zwar fester Bestandteil des parlamentarischen und kirchlichen Kalenders, jedoch fehlt ihm zum einen die breite gesellschaftliche Bedeutung über alle Altersklassen hinweg und zum anderen tut er sich schwer, nicht nur als Gedenktag der Weltkriegsgefallenen zu gelten. In Zeiten von internationalen Auslandseinsätzen der Bundeswehr, in denen Jahr für Jahr eine junge Generation ihr Leben im Kampf für die Freiheit und zur Verteidigung unserer demokratischen Prinzipien einsetzt und opfert, ist es überfällig, den Volkstrauertag neu zu definieren.

Die allgemeine Wehrpflicht machte die Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil unseres öffentlichen Lebens. Der sicherlich notwendige Wandel zur Berufsarmee birgt aber die Gefahr der gesellschaftlichen Desintegration. So ist es nun umso wichtiger, dass alle Teile der Bevölkerung die Arbeit der Soldatinnen und Soldaten als gesellschaftlichen Auftrag anerkennen und verstehen, für welche Werte und Ideale sich deutsche Soldaten im 21. Jahrhundert einsetzen und damit uns allen einen großen Dienst erweisen. Gesellschaftliche Solidaritätsbekundungen mit den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ist weder Vergessen noch Schönreden der menschenverachtenden Geschichte des deutschen Militarismus vor 1945. Dass die Erinnerung an die Verbrechen der Wehrmacht wach gehalten werden, ist wichtig, sie darf aber nicht zu einer generellen Verurteilung und Stigmatisierung der Bundeswehr führen, was leider allzu oft immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.
Die private Initiative der „Gelben Schleife“ zur Solidarität mit der Truppe, die 2007 in Oldenburg geboren wurde, ist der Anfang eines Prozesses, der Arbeit der einzelnen Soldaten einen breiten Rückhalt in der Gesellschaft zu geben und somit auch auf die Gefahren und Trauerfälle aufmerksam zu machen, die Teil der Auslandseinsätze sind. Die Verleihung des Sonderpreises der Bambi-Jury an den Soldaten Ralf Rönckendorf trägt ebenso hierzu bei und ist ein großartiger Multiplikator für eine breite öffentliche Aufmerksamkeit.

Unterstützung für den Volkstrauertag

Die politische Forderung hingegen, den 12. November als Tag der Solidarität für die Bundeswehr zu etablieren, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, wäre aber deutlich wirkungsvoller, wenn nicht die Einführung eines eigenen Solidaritätstags verlangt würde, sondern der Beginn einer Bewegung darstellte, den Volkstrauertag aufzuwerten, zu verjüngen und ihm eine breite, gesamtgesellschaftliche Unterstützung zukommen zu lassen. Es herrscht Handlungsbedarf!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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