Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

Hier stehe ich

Es existiert eine objektive und ewige Wahrheit - sie zu finden allerdings, ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Dennoch lohnt die Suche, so wir uns als politisches Subjekt ernst nehmen.

„Was ist Wahrheit?“ Aristoteles gab darauf eine einfache Antwort: „Von etwas, was ist, zu sagen, dass es ist, und von etwas, was nicht ist, dass es nicht ist, ist wahr.“ Wahrheit ist also eine Eigenschaft von Aussagen. Der Skeptiker Pilatus hingegen interessierte sich weder für eine Definition von Wahrheit noch wollte er wissen: „Welche der mir vorliegenden Aussagen ist die wahre?“ Seine rhetorische Frage „Was ist (schon) Wahrheit?“ zeigt lediglich an, dass es ihm zu anstrengend war, sich Gedanken zur Wahrheit und zu dem, was wahr ist, zu machen.

„Ich bin hier“

Diese Bequemlichkeit des Pilatus, nicht zwischen der Frage nach dem, was Wahrheit ist, und dem, was wahr ist, zu unterscheiden, wird gerne zur Legitimation des beliebten Vorurteils herangezogen, es gebe keine Wahrheit. Dies ist jedoch nicht richtig, denn 1. gibt es Wahrheit, 2. ist Wahrheit immer objektiv, 3. ist Wahrheit ewig und 4. setzt echte Meinungsverschiedenheit ein Konzept von Wahrheit voraus.

Die Eigenschaft Wahrheit gibt es, wenn von mindestens einer Aussage unkontrovers ausgesagt werden kann, dass sie wahr ist. Ein Beispiel dafür ist die Aussage „Ich bin hier.“ Sie ist immer dann wahr, wenn sie von einer beliebigen anwesenden Person gemacht wird. Folglich gibt es Wahrheit.

  1. Wahrheit ist objektiv, weil das Gegenteil dieser Aussage, nämlich dass Wahrheit subjektiv ist, zu Widersprüchen führt. Wenn jeder „seine eigene Wahrheit“ hätte, dann würde man entweder permanent aneinander vorbei reden, oder sich widersprechen. Da zwei Aussagen, die sich widersprechen, nicht beide wahr sein können, ist Wahrheit objektiv.
  2. Aus demselben Grund ist Wahrheit auch ewig. Eine Aussage, die wahr ist, wird nicht einfach falsch, da sich daraus ein Widerspruch herleiten lässt.
  3. Echte Meinungsverschiedenheiten setzen das Konzept der Wahrheit voraus: Sind zwei Aussagen zum gleichen Sachverhalt widersprüchlich, so kann nur eine der beiden wahr sein.

Die Frage, welche Aussage wahr und welche Aussage falsch ist, ist oft nicht leicht zu entscheiden, doch sie ist nicht mit der Frage nach dem, was Wahrheit ist, zu verwechseln. Die Einsicht, dass man oft nicht, oder oft noch nicht sagen kann, ob eine Aussage wahr ist, mag für manche nicht leicht zu ertragen sein. Es ist aber allemal besser, diese Unsicherheit zu ertragen, Geduld bei der Wahrheitssuche aufzubringen und sich der Anstrengung präziser Begriffsbildung zu unterziehen, als mit dem Skeptiker Pilatus – und möglicherweise auch mit dessen gelangweiltem Gestus – die Idee der Wahrheit zu leugnen und damit – ebenso wie Pilatus – keine Meinung mehr zu akzeptieren.

Wahrheit gehört zum politischen Subjekt

Es mag Diskurse geben, in denen die Wahrheitsfindung nur eine untergeordnete Rolle spielt, ja es mag sogar Diskurse geben, die ohne eine einzige wahre Aussage funktionieren, doch wir würden uns auch als politische Subjekte nicht mehr ernst nehmen, wenn wir auf Wahrheitsansprüche verzichten und nur noch Meinungen gelten ließen. Denn redliche Aussagen werden selbstverständlich mit dem Anspruch gemacht, wahr zu sein. Die Frage ist also nicht, ob es Wahrheit gibt, sondern welche Aussagen wahr sind und welche nicht wahr sind.

Dieser Debatte, egal wie schwer sie im Einzelnen zu führen ist, entkommen wir nicht durch den vorschnellen Hinweis, es gäbe keine Wahrheit. So sehr es uns auch aus unserem allgemeinen Wunsch nach Harmonie aufschrecken mag: Es können nicht alle recht haben mit ihren Meinungen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Fabisan – 12.12.2011 - 03:36

    „Von etwas, was ist zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas was ist, dass es nicht ist, ist falsch" – da hat wohl das Lektorat gepennt.;-)

  • Theeuropean-placeholder
    Franz – 12.12.2011 - 03:57

    “Es können nicht alle recht haben mit ihren Meinungen.” Das gilt genauso für Ihre Meinung, es gäbe gewiss eine Wahrheit. Die wirklich starken skeptischen Positionen findet man hierzu nicht bei Pilatus, sehr wohl dafür bei Agrippa und anderen: Ihm zufolge kann jemand, der eine Aussage tätigt und aufgefordert wird, sie zu begründet, hierfür nur einen von drei Wegen einschlagen: 1. Er setzt ein Dogma voraus. 2. Er begibt sich in einen Zirkelschluss. 3. Er begibt sich in einen unendlichen Regress. Hier wird gerne behauptet, Agrippa habe unrecht mit seiner Aussage, da er von ihr behauptet, dass sie wahr sei, gleichzeitig aber meint, es gäbe keine wahren Aussagen. Schon die bis heute währende Auseinandersetzung mit Agrippas Trilemma in beinahe jeder erkenntnistheoretischen Schrift lässt vermuten, dass es sich derjenige, der es so halten mag, aber zu einfach macht.

    Auch die von Ihnen als (unter bestimmten Umständen) immer wahr bezeichnete Aussage “Ich bin hier” lässt sich durchaus infrage stellen, die skeptizistische Position, die dies vermag, bestimmte Hilary Putnam in seinem Aufsatz “Brain in a vat” (“Gehirn im Tank”), derzufolge es unmöglich ist, mit Gewissheit auszusagen, dass unser Erleben der Welt nicht nur eine Simulation ist, die uns ein Computer vorspielt, an den unser in einer Schale liegendes Gehirn angeschlossen ist. (Das Motiv wurde von “Matrix” und anderen Science-Fiction-Streifen aufgegriffen).

    Sollten Sie sich mit Erkenntnistheorie auseinandersetzen, so wird Ihnen auch geläufig sein, dass die Standarddefinition von Wissen bis heute nicht unstrittig abgeschlossen werden konnte. (Was ist Wissen/Was können wir wissen?)

    Der Skeptizismus macht es sich nicht leicht oder interessiert sich einfach nicht für die Frage, was Wahrheit ist. Meine eigene Antwort darauf weicht von der Ihren weit ab. Man sollte vorsichtiger formulieren, weniger endgültig vor allem, wenn man sich auf Diskurse bezieht, die seit Jahrtausenden zu keinem Ende finden.

  • Theeuropean-placeholder
    Wastl – 12.12.2011 - 12:20

    “Echte Meinungsverschiedenheiten setzen das Konzept der Wahrheit voraus: Sind zwei Aussagen zum gleichen Sachverhalt widersprüchlich, so kann nur eine der beiden wahr sein.”

    Oder beide sind unwahr. Oder nicht ausreichend wahr.

  • Theeuropean-placeholder
    Christine W. – 12.12.2011 - 18:16

    Sehr erfrischend! Danke!

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 14.12.2011 - 21:44

    Wirklich erfrischend, bezogen auf die heutige Zeit immer noch passend.

    Sehe ich unsere “angeblichen” Volksvertreter erhärtet sich der Verdacht das es sich bei diesen letztlich nur noch um Industrievertreter und Wirtschaftsmanager handelt und diese Ihrem Eid als Bundestagsabgeordnete mehr als untreu handeln- nicht im Dienste und dem Wohl des Volkes dienen.

    Danke für den Beitrag

    Marc

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