Das Wort „alternativlos“ benutze ich nie. Denn es gibt immer Alternativen. Die Frage ist nur: Sind die besser? Jörg Asmussen

Lesen lernt man nur durch Lesen

Lesen ist eine unerlässliche Schlüsselkompetenz. Unsere Lesegewohnheiten haben sich durch das Internet verändert, doch es besteht kein Grund, der "guten alten Lesekultur“ nachzutrauern. Im Gegenteil, die Neuen Medien sollten genutzt werden, um Lesekompetenz zu stärken. Nur so kann die Fähigkeit des Lesens auch erhalten bleiben.

Achtung: Ihre geistigen Fähigkeiten lassen nach, wenn Sie jetzt beginnen, diesen Text zu lesen. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Sie spüren schon erste Vorboten? Dann hier sofort die Entwarnung: Meine Ankündigung stammt nicht aus der aktuellen Leseforschung, sondern von dem vor rund 2400 Jahren verstorbenen Schriftverächter Sokrates. Er zitiert im Dialog “Phaidros” sehr wohlwollend einen König, der über die Erfindung der Schrift so urteilt: “Diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen.” Denn die Schrift dient für den großen Philosophen nicht der “Kräftigung des Gedächtnisses”. Nun, die mediengeschichtliche Entwicklung orientierte sich nicht an Sokrates’ Kritik. Und das aus Sicht heutiger Wissenschaftler ganz zu Recht: Lesen gilt als Schlüsselkompetenz für Informationserwerb und verarbeitung in der Medien und Kommunikationsgesellschaft. Der Computerpionier Joseph Weizenbaum ging noch weiter und setzte – auf unsere aktuelle Lebensumwelt bezogen – Lesefähigkeit mit der Fähigkeit, kritisch zu denken, gleich.

Zunahme von “Lese-Zapping”

Die Lesefähigkeit bildet ein Fundament für die sinnvolle Nutzung der modernen Informationstechnologie, das sich bewegt. Die regelmäßig von der Stiftung Lesen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellten Studien zum Leseverhalten in Deutschland belegen, wie sehr "Lese-Zapping“ zunimmt. Texte werden nicht als Ganzes rezipiert, oft wird eine Passage übersprungen – oder die Lektüre abgebrochen.

Auf diese Entwicklung sind zwei gegensätzliche Reaktionen zu beobachten. Zum einen die Strategie der Harmonisierung: Zeitungs- und Buchverlage reagieren auf die veränderten Lesegewohnheiten, indem sie ihre Produkte auf diese Gewohnheiten abstimmen. Zum anderen ist eine Polarisierung festzustellen: Der renommierte Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer warnt etwa vor dem Phänomen einer durch digitales Multitasking bzw. exzessive Internetnutzung antrainierten “Aufmerksamkeitsstörung”. Viele andere, nicht weniger pointierte, wenn auch nicht immer so fundierte Aussagen gehen in diese Richtung und zeichnen das Bild einer Medienwelt, die in Schwarz-Weiß gehalten ist: hier die “verdummenden” Neuen Medien, dort die “gute alte Lesekultur”.

Möglichkeiten der Neuen Medien nutzen

So dringend notwendig es ist, sich für den Erhalt letzterer einzusetzen, und so ehrenwert die Motive vieler Polarisierer sind: Das aus langjähriger Projekterfahrung von der Stiftung Lesen erfolgreich praktizierte Prinzip lautet “Leseförderung im Medienverbund”. Im Klartext: Die Möglichkeiten der (immer wieder) neuen Medien nutzen, um Lesefreude zu wecken und so Lesekompetenz zu stärken. Die Fähigkeiten des Lesens, des reflektierenden Lesens und Gesprächs über Gelesenes müssen erhalten bleiben. Denn eine zentrale Erkenntnis der Lesesozialisation lautet: Lesen lernt man vor allem durch – Lesen. Mehr liest man vor allem durch Anreize anderer Leser. Egal, in welchem Medium: gedruckt oder digital. Möglichst viel und durch stete Impulse. Diese Impulse sind ohne eine entsprechende Bildungsinfrastruktur nicht leistbar: von der Unterstützung junger Eltern in der Spracherziehung über ein regelmäßiges Vorleseangebot für Vorschul- und Grundschulkinder bis hin zu gut ausgebauten Bibliotheken in erreichbarer Nähe für möglichst viele. Sicher ist: Wer die (gerade) neuen Medien pauschal als Verursacher für den Niedergang von Lesekultur sieht, lässt die Gestaltungsmöglichkeiten der erziehenden Vorbilder und die Verantwortung der Politik außer Acht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Heinz Bonfadelli, Florian Meimberg.

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