Es wäre inhuman, wenn Fleiß, Talent und Lebensentscheidungen keinen Unterschied mehr machten. Christian Lindner

Poesie statt Panzer

Nicht immer braucht man Panzer und Kampfflugzeuge, um nationale Eigenständigkeit und Stärke gegen unliebsame große Nachbarn zu verteidigen. Am Anfang stand oft das Wort als stärkere Waffe, verknüpft mit Buch, Literatur und sogar Poesie. Das will Litauen belegen mit seiner Teilnahme als Gastland der Leipziger Buchmesse 2017.

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Sein Land sei Ostpreußen in Dankbarkeit verbunden: Wohl nicht gerade oft wird man einen solchen Satz von einem ausländischen Botschafter in Berlin hören. Deividas Matulionis, litauischer Botschafter in Berlin, begründet das damit, das damalige – deutsche – Ostpreußen sei ein wichtiger Stützpfeiler gewesen für die litauische Literatur, ihr Verlagswesen und Druckereien, vor allem in Jahren zaristischer Zensur und Unterdrückung des neunzehnten Jahrhunderts. Nun zählt das ehemals ostpreußische Memelland zu Litauen und damit zur EU.

Bücher und Literatur stehen derzeit im Mittelpunkt der litauischen Kulturpolitik. Erstmals ist ein kleines Land Gastland beider deutschen Buchmessen von Bedeutung – im Jahr 2002 in Frankfurt, damals als kleine Sensation empfunden, und im kommenden März in Leipzig. Zudem wird die Buchmesse 2018 in London sich allen drei baltischen Ländern zuwenden, also auch Lettland und Estland.

Kleines Land, große Historie

Das Land mit großer Historie – einst erstreckte sich das Großfürstentum von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und umfasste weite Teile der Ukraine und Polens – zeigt so, dass man „als Kleiner“ Aufmerksamkeit nicht allein mit großen Posen oder mit politischem Begehr auf sich lenken müsse. Das meint auch der Botschafter, der bedauert, dass die internationale Presse sich auf das Thema Sicherheit konzentriere und die Besonderheiten der Wirtschaft und vor allem der Kultur nicht hinreichend hervorhebt. Der größte und südlichste baltische Staat ist indes dankbar für Hilfe der EU und der Nato gegen Bedrohungen durch den russischen Nachbarn – die Bundeswehr wird das neue verstärkte Truppenkontingent in Litauen leiten.

Wenn nun in Leipzig Autoren und Buchliebhaber sich ihrem ostmitteleuropäischen Nachbarn zuwenden, der historisch wie auch reell näher ist als viele vermuten, werden nur wenige bedenken, worauf die Übersetzerin und Literaturförderin Claudia Sinnig hinweist. Für Russen spiele Litauen eine ganz besondere Rolle. Für diese sei das Land am östlichen Ausläufer der Ostsee und vor allem dessen Hauptstadt Vilnius (Wilna) ein Sehnsuchtsort, der erhoffte Zugang zum Westen. Russen fühlten sich in Litauen wohl. Das ermögliche Deutschen, die Russland besser verstehen wollen, eine gute Chance und Brücke. Auch weil dank der Achsen zu Moskau und zu St. Petersburg Vilnius ein Ort sei, an dem sich Dissidenten aus Weißrussland und Russland bündeln. Schon seit längerem ist Vilnius Drehkreuz für Gespräche und Bemühungen, freiheitliche Gedanken in den östlichen Nachbarländern wach zu halten – nicht ohne Grund ist die ehemalige Hochschule in Minsk nun eine Exil-Universität in Vilnius.

Kulturveranstaltungen in Leipzig und gleich 26 litauische Bücher – neben zeitgeschichtlichen Romanen auch viel Lyrik -, die im Frühjahr in deutschen Übersetzungen erscheinen, erleichtern diese Brücke. Wer sich also um litauische Kultur und Historie stärker kümmert als bisher, wird auf zwei Traditionslinien stoßen, die auch deutschem Denken gut täten: widerständiges Denken, das sich in der Literatur widerspiegelt, und eine alte Geschichte der Toleranz. Einst galt Vilnius als Jerusalem des Ostens – es war stärker noch als Krakau Zentrum der ostjüdischen, der jiddischen Kultur und Sprache. Mehrere der bedeutenden polnischen Dichter und Schriftsteller hatten ihre geistigen Wurzeln in Vilnius – was sich in Debatten am Rande der Buchmesse in Leipzig zeigen wird.

Erstaunlich, dass sich das nun wiederbelebt – trotz der Apokalypse im Zweiten Weltkrieg und des „Bevölkerungsaustausches“. 75 000 Litauer flohen bis zum Herbst 1944 gen Westen, alleine etwa hundert Mitglieder der Litauischen Schriftstellervereinigung und fast die gesamte Professorenschaft der Geisteswissenschaften. Die jüdische Bevölkerung wurde weitgehend von den deutschen Besatzern teils im Einklang mit Litauern vernichtet, und Litauen wurde mit Zwangszuwanderern aus dem Osten „sowjetifiziert“ – nun kehren nicht wenige jüdische Litauer aus dem Exil zurück.

Widerständiges im Blut

Aber das Widerständige und Patriotische unter Litauern hielt auch in den Jahren als Sowjetrepublik, die sich als erste aus der Sowjetunion löste und damit den Weg bereitete für den Fall der Mauer. Das zeigt sich in der Literatur in einer der poetischsten und kompliziertesten Sprachen Europas mit sanftem Klang, eine anders als das Altprussische überlebende indogermanische Sprache, ähnlich alt wie das Sanskrit. Da geht es um litauische Tristesse im New Yorker Exil der Fünfziger, um den spätsowjetischen Vilniuser Untergrund, um „Wolfskinder“, die nach der Besetzung durch die Rote Armee 1944 in den Wald gingen – aber auch um Märchen und eben Poesie.

Wie an nur wenigen Orten und in wenigen Kulturen verschmolzen sich in Vilnius an der Scheide von West und Ost Traditionen, Kulturen, Religionen. Litauer weisen darauf, dass Sprache und Bücher wichtiges Symbol der Zuwendung des Drei-Millionen-Volks nach Mittel- und Westeuropa sind. So wie Litauen eine Brücke zwischen dem Westen und Osten ist, war Ostpreußen eine Brücke zwischen Litauen und Deutschland. Das nutzen die Gäste ohne historische Scheu zur Buchmesse. Neben einer Fotoausstellung rechts und links der Memel ehren sie den um die Memel herum aufgewachsenen Schriftsteller Johannes Bobrowski, der im kommenden April hundert Jahre alt geworden wäre. Dieser Ostpreuße sah sich als Vermittler zwischen Deutschen und dem europäischen Osten – er wollte mit seinem Werk Neigung erwecken zu den Menschen im Osten Europas. Wie wenige war er geprägt von der alten Misch- und Einwanderungskultur Preußisch Litauens. Und wie wenige ist er weiterhin Symbol für die Bindungen beider Kulturen und Regionen wie auch zwischen West und Ost: Er lebte in Ost-Berlin – das Haus, in dem er zuletzt wohnte, ist in Gehweite von der litauischen Botschaft in Berlin – und verstand sich stets als deutscher Dichter, der eine Trennung in west- und ostdeutsche Literatur ablehnte.

Wie stark in Litauen die Kraft des, oft schwermütigen, Wortes und der Poesie war, zeigte sich in den Umbruchjahren, in denen Musik und Dichter das nationale Bewusstsein weckten und das Gären des Widerstandes beflügelten, die dann zur Baltischen Kette und zum Widerstand führten – und damit letztlich zum Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Ein Beispiel, nicht das einzige, bot der Barde und Prophet Bernardas Brazdžionis. Als er 1989, noch unter sowjetischer Besatzung, unangekündigt von Los Angeles nach Vilnius kam, strömten binnen kurzem viele zehntausende zu seinen Lesungen in Parks, dann in den Sportpalast und die Oper. Viele brachten zerknitterte, nahezu ein halbes Jahrhundert alte Gedichtbände mit. Es waren auch 1989 die Worte, die Wirkung entfalteten. Und eben nicht die Panzer.

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