Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt

„Drei Viertel Kubas liegen wüste“

Der Globetrotter August Lucius beschrieb Havanna in den 1840er Jahren offener als andere Reisende seiner Zeit. Mit offenen Augen beobachtete er Gesellschaft und Leben um sich herum. In den Monaten der Jahre 2015 und 2016, in denen Kuba sich nach Jahrzehnten der strikten, teils ideologisch begründeten Abschottung wieder zu öffnen scheint, mag die folgende Beschreibung manches deuten.

Weiße auf Kuba seien träge, das Sklavenwesen habe schlechte Wirkung auf den Charakter des Volkes: Der Globetrotter August Lucius beschrieb Havanna in den 1840ern offener als andere Reisende seiner Zeit. Dabei sind seine Beschreibungen weitsichtig, und die Ausfälle des gläubigen Katholiken gegen das Gebaren seiner Kirche auf Kuba freimütig. Das konnte er sich leisten, weil seine – nun veröffentlichten – Tagebuchnotizen und Briefe nur für die Familie bestimmt waren. In Havanna verbrachte er ebenso wie ein Jahrzehnt später in Rom, dann als Maler, nahezu drei Jahre. Mit offenen Augen beobachtete er Gesellschaft und Leben um sich herum. In Monaten, in denen Kuba sich wieder nach Jahrzehnten der Abschottung zu öffnen scheint, mag diese Beschreibung manches deuten.

Ähnlich kritisch wie der spätere Zentrumsabgeordnete im Reichstag gegenüber der Sklaverei auf Kuba war kurz zuvor der berühmteste deutsche Besucher. Dessen „Politischer Essay über die Insel Cuba“, 1826 erschienen, gilt als erste umfangreiche Studie über das Land. Ihr Autor Alexander von Humboldt war August Lucius aus Erfurt vertraut. Humboldts Bruder Wilhelm hatte sich mit Caroline von Dacheröden im Hause am Anger verlobt, in dem August bald darauf geboren wurde und aufwuchs. Deutsche Spuren in Havanna gab es im 19. Jahrhundert zuhauf. Damals erlebte Lucius es als, dank Zucker und Zigarren, rasch blühende und elegante Stadt, in der man in die Oper und ins Theater nur mit Frack gehen durfte. Etwa ein Viertel der Bewohner waren Sklaven. Damals lebten im „Paris der Antillen“ weit mehr Menschen als in New York, großteils in repräsentativen Villen. Zwei Jahre vor der Ankunft von Lucius wurde dort die erste Eisenbahn Lateinamerikas eröffnet – weltweit das fünfte Land mit Eisenbahn.

Zu Handel und Gewerbe schreibt Lucius, der Sohn eines Textilproduzenten und -händlers, der später selber Landwirt in Thüringen wurde: „Das hiesige Geschäft ist natürlich das eines Seeplatzes, und hat den ursprünglichsten Charakter des Handels, indem es einzig im Austausch der Produkte der Insel gegen die Kunstprodukte Europas besteht. Das Meiste wird von Bremen, Hamburg, England, Holland eingeführt. Europäische Provision, als Schinken, Butter, Käse, werden stets besser bezahlt und den americanischen vorgezogen. Die Eingangszölle sind hoch. Mich wundert, daß gar keine Frankfurter hier sind, fast ausschließlich Bremer und Hamburger, nur sehr wenig aus dem Inneren, wie sie es nennen. Die Deutschen nehmen hier den ersten Rang ein unter den Fremden und das bedeutendste americanische Haus in Habana hat deutsche Chefs. Auf der Insel ist kein einziger Webestuhl, mir scheint es auch, als könnte hier keine Industrie aufkommen, die Arbeit ist dem Norden zugetheilt, dem Süden der Genuß. Die Leute sind sehr träg, die Weißen thun nicht die geringste Handarbeit, einige Handwerker ausgenommen."

Geradezu vernichtend ist Lucius’ Urteil über die kubanische Landwirtschaft: „Auf meinen Excursionen habe ich mich überzeugt, daß die Cultur des Bodens nur sehr unvollkommen betrieben wird, und nach dem, was ich höre, liegen drei Viertel dieser schönen Insel wüste; auch mit der Landstraße sieht es bös aus und die Transportmittel durchs Innere sind erbärmlich. Von hier nach Queens jedoch hat man seit letztem Jahr eine Eisenbahn. Die Leute könnten viel mehr produzieren – eine Mannigfaltigkeit von Produkten, als Indigo, Vanille, Cacao, Baumwolle, kurz, es gibt keine südliche Pflanze, die hier nicht fortkommen würde. So lange aber Zucker und Kaffee rentiert, bleiben sie dabei, von Düngen, Ackern ist gar keine Rede.“

Wo Sklaven sind, wird wenig gearbeitet

Dass Kubaner die vielen Möglichkeiten, die Land, Pflanzen und Klima bieten, nicht hinreichend nutzen, erklärt Lucius, der zuvor im Norden Englands und im Norden und Süden der Vereinigten Staaten als Kaufmannsgehilfe arbeitete: „Die große Faulheit ist wohl dem Klima zuzuschreiben, aber nicht weniger dem Sclavenwesen, dessen schlechte Wirkung auf den Charakter des Volkes sowie auf die Industrie man schon in den südlichen Staaten der Union deutlich bemerkt. Wo Sclaven sind, wird wenig gearbeitet und zu Anlage von Fabriken ist keine Chance. Was das Sclavenwesen im Allgemeinen anbetrifft, so habe ich darin eine verschiedene Meinung von den anderen Europäern. Es ist sehr leicht, darüber zu raissonieren, die Lage der Neger ist aber viel glücklicher, als die der unglücklichen Peopels, der Fabrikdistrikte Englands. Ihre Nachkommen müßten nur mit der Zeit emancipiert werden, und einen solchen Abscheu wie in America sollte man nicht vor ihnen haben. Die Spanier sind viel humaner in der That als die Americaner.“

Am Anfang seiner Einschätzungen stand wohl sein katholischer Glauben – später stiftete August Lucius (1816 – 1900) in Erfurt je ein katholisches Krankenhaus, ein Altenheim und eine Jugendhilfeeinrichtung mit. So schrieb er in Havanna in den Ostertagen 1840: „Wenn ich je lau gewesen bin, so werde ich hier wieder zum guten Catholiken, keine andere Religion ist hier erlaubt und was das gute Beispiel thut! In dem Hause, wo ich wohne, muß ich öfter abends den Angelus mitbeten, wenn die Glocke läutet, auch ist mein Zimmer Ostern mit Weihwasser besprengt worden. Die Straßen wimmeln von schwarzgekleideten Signoras und Signoritas, welche ihre fromme Runde durch die Kirchen und Klöster machen. Dieses Schauspiel hat man jährlich nur ein Mal, da sonst alles fährt. Die folgenden Ostertage darf wieder gefahren werden, die Theater fangen wieder an und die Geschäfte auch. Man hat 2 prächtige Theater, wovon das eine der italienischen Oper, das andere dem nationalen Schauspiel gewidmet ist, außerdem alle 14 Tage ein Stiergefecht; öffentliche Anlagen und alles, was zu einer großen Stadt gehört.“

Leere Kirchen im gottseligen Monat

Kurz danach ergänzt er: „Dieser Monat ist ein sehr gottseliger, es ist noch keine Woche vergangen ohne ein Fest in der Mitte. An Festen fehlt es nicht, die wenigsten Leute jedoch bekümmern sich um ihre religiöse Bedeutung, die Kirchen sind leer, den Männern fällt es garnicht ein, hinein zu gehen, die Schwarzen sind die einzigen, die Interesse an kirchlichen Dingen nehmen, und nach allem, was ich höre und sehe, ist Havanna ein sehr freigeistiger Platz. Im Gegensatz dazu nennt sich der König ‚Seine katholische Majestät’, die Regierung hängt mit Catholicismus auf das genaueste zusammen, wie Kirche und Staat in England. Die Ketzer haben unter keiner Bedingung Erlaubnis, religiöse Versammlungen abzuhalten, viel weniger Kirchen zu bauen auf spanischem Boden und die Katholiken sind selber die größten Ketzer! Hier hat die Religion nicht das geringste Ansehen und dient nur dazu, die Neger in Unterwürfigkeit zu erhalten, während die Uebrigen sich der Feste freuen, über die Priester-Possen lachen und ganz gut ohne Religion fertig werden. Hier muß alles für Catholik passieren, andere Religion ist nicht erlaubt, es giebt auch keine anderen Kirchen.“

Auszüge aus: August Lucius, Auf alles gefasst, außer aufs Umkehren. Erfurt, Havanna, Rom. Hrsg. Robert von Lucius. Wolff Verlag Berlin/Breitungen 2016.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Robert von Lucius: Das freie Wort

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