Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Gezäumt und gezügelt

Auf den Kapitalismus wurde in den vergangenen Monaten gerne eingedroschen. Jetzt auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Wohin die Reise gehen sollte, zeigt die Soziale Marktwirtschaft.

Nach der Megapleite der Zentralplanwirtschaften in den sozialistischen Arbeiter- und Bauernparadiesen Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts scheint sich nun auch der Kapitalismus ad absurdum zu führen. Von „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher („Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, „FAZ“, 15.8.2011) bis zu „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart („Die Marktwirtschaft und ihre Feinde“, „HB“, 7.11.2011) macht sich ein Unbehagen breit. Nun hat die grassierende Kapitalismuskritik auch Klaus Schwab, den Mitgründer und Präsidenten des in der vergangenen Woche wieder tagenden Weltwirtschaftsforums in Davos, erfasst. Auch er sieht den Kapitalismus in einer Vertrauenskrise und als ein veraltetes System an, das „in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt“ passe. Die um sich greifende Skepsis mancher Teilnehmer aus dem Kreis der internationalen Wirtschaftseliten und politischen Führer aus aller Welt macht sich dabei vorwiegend an den Staatsschulden- und den diversen Bankenkrisen sowie der kriselnden Euro-Währung und der auch auf diese Entwicklungen zurückgeführten Abschwächung der Weltkonjunktur fest.

Kapitalismus schlecht – Marktwirtschaft gut?

Dabei wird zumeist erstaunlich undifferenziert und eher grob zwischen einem zur Entartung neigenden und ungezähmten Kapitalismus auf der einen und einer temperierten sozialen Marktwirtschaft auf der anderen Seite unterschieden. Unter Kapitalismus verstehen seine Kritiker heute wohl eine spezielle Form des angelsächsischen Finanz- oder auch Raubtierkapitalismus, der sich als „größenwahnsinniges Projekt“ (Steingart) mit „der Überschrift ‚Geld schafft Geld‘ betiteln“ lasse und als ideologisches System mit einer „urwüchsigen Kopf-ab-Mentalität“ menschliches „Mitgefühl als Willensschwäche“ und alle staatlichen Institutionen als prinzipiell zu verachtende Gegenspieler und Störenfriede begreife.

Schon Churchill nannte den Kapitalismus „die schlechteste Wirtschaftsform überhaupt – wenn man von allen anderen absieht“. Darin nun besteht aber zugleich die Brücke zu einem domestizierten Kapitalismus, wie ihn Wilhelm Röpke und Ludwig Erhard und andere als „Soziale Marktwirtschaft“ ordnungspolitisch konzipiert haben. Auch Steingart empfindet, die Marktwirtschaft sei „bescheidener als der Kapitalismus“ und begreife sich „als menschengemachtes Ordnungsprinzip, in dem staatliche Instanzen immer wieder eingreifen“ müssten.

Der Sinn des Wirtschaftens und die ökonomische Rolle des Staates

Der Sinn des Wirtschaftens ist die Deckung der Lebens- und Kulturbedürfnisse des Menschen; dies geschieht in einem rationalen Verhalten gegenüber knappen Mitteln, mit denen innerhalb einer möglichst kurzen Zeitspanne Waren und Güter her- und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt werden. Man kann als Kapitalismus eine vom Produktionsfaktor Kapital getriebene Wirtschaftsform verstehen, die auf der Freiheit von Menschen, die über Privateigentum an Konsum- und Produktionsmitteln verfügen, beruht. Dabei muss bedacht werden, dass Kapital vor seiner „Anhäufung“ real erwirtschaftet und durch „vorgeleistete“ Arbeit gebildet wird. Kennzeichen einer erfolgreichen Wirtschaftsordnung sind Selbstorganisierung, Selbstentfaltung und Selbststeuerung. Die Aufgabe des Unternehmers, will er erfolgreich sein und damit auch fast automatisch zu individuellem Wohlstand und öffentlicher Wohlfahrt beitragen, ist es, die Kosten in Schach und Proporz zu halten und beständig neue Produkte, Techniken und Organisationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Freiheit, Verantwortung und Haftung miteinander verbinden

Damit es dabei aber mit rechten Dingen zugeht, müssen die dynamischen Schöpfungskräfte und die unternehmerische Freiheit mit persönlicher Verantwortung und Haftung verbunden und ein fairer Wettbewerb gewährleistet werden. Die Garantie von persönlicher Freiheit und der Schutz privaten Eigentums bedingen Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit wie auch der Schutz des Einzelnen bei persönlichem Versagen und von Gemeinschaften wie beispielsweise der Familie vor Überforderung existenziell einer sozialstaatlichen Abfederung und freier Gewerkschaften bedürfen. Soziale Gerechtigkeit wird in einer freien Gesellschaft mittels demokratisch legitimierter Umverteilungsprozesse auf Basis rechtsstaatlicher Regeln erstrebt. Daran mangelt es in politisch dominierten und staatlich gelenkten Politökonomien wie dem autokratisch beherrschten Marktplansystem in China oder der von Altkadern und Oligarchen bestimmten Variante der russischen Feudalökonomie. In diesen Varianten noch unterentwickelter Marktwirtschaften mit fehlender Rechtsstaatlichkeit und gravierenden Demokratiedefiziten werden dem rabiat-egoistischen Individualismus einer politisch willfährigen Clique fast alle Freiheiten eingeräumt und abhängig Beschäftigte und Durchschnittskonsumenten zugleich als kollektive Masse behandelt.

Das Ordnungsmodell der Sozialen Marktwirtschaft hingegen erweist sich historisch als die erste und einzige nicht-politökonomische und dennoch zugleich den Antriebskräften eines sozial eingebundenen Kapitalismus entsprechende sozialrealistische Wirtschaftsordnung. Indem sie die soziale und personale Realität des Menschen mit seiner Bedürfnis- und Triebstruktur, aber auch seiner Fähigkeit zu rational-ethischem Verhalten anerkennt, ist die Soziale Marktwirtschaft die dem Menschen gerecht werdende Sozialwirtschaft.

Die sozialrealistische Marktwirtschaft weiterentwickeln

Nun gilt es, die virtuellen Dimensionen, Fiktionen und Blähungen der Finanzwirtschaft und des staatlichen Schuldenalkoholismus wieder mit den Ordnungsprinzipien der Realwirtschaft in Einklang zu bringen. Die originäre und zentrale Aufgabe der Finanzwirtschaft ist es, die Realwirtschaft auf ökonomisch nachvollziehbaren Grundlagen mit Kapital auszustatten und für Stabilität im Geldmarkt zu sorgen; eine Rückbesinnung auf die Rolle des ehrbaren Kaufmanns und getreuen Verwalters tut gut. Bei dieser Reflexion dürfen die Eliten gern etwas mehr vom edlen Gehirnschmalz investieren und sich hervortun. Jetzt sind dazu Zeit, Gelegenheit und auch Notwendigkeit.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    HW – 30.01.2012 - 09:15

    In der Tat eines der zentralen Themen mit scharfem Intellekt beleuchtet. Zusatzfrage: Ist Wachstum wirklich eine "condition sine qua non?

  • Theeuropean-placeholder
    J.S. – 30.01.2012 - 11:12

    @ HW: “Conditio sine qua non” für das System selbst, solange die Zinspeitsche existiert (und kein ‘Reset’-Knopf). Das Zins-Extra muss erwirtschaftet werden.

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