Die Deutschen misstrauen leidenschaftlichen Charismatikern. Bodo Hombach

Stolzer Bär

Der Westen lächelt über die Zustände in Russland. Damals wie heute. Dabei ist heute vieles anders. Was soll Putin von solchen Partnern halten?

Irgendwo in der Nähe von Eisenach in Thüringen. Wir fahren durch Wiesen und Felder, an einem Militärgelände entlang. „Jetzt zeige ich Dir mal, wie wir Flugplätze anlegen. Da hinten im Wald, neben der Rollbahn, befindet sich ganz sicher das Haus der Offiziere und auch ein Militärgefängnis. Wir bauen das immer so.“ Wir biegen in eine Zufahrt zu dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen ein. Im Wald ein Trümmerfeld. Neben Munitionsresten, Öltanks und Kanistern auch vergammelte Propagandaschriften von sowjetischen Politkommissaren. Mein Begleiter durchsucht die verwahrlosten Gebäude mit den eingestürzten Wänden und Decken und findet zielsicher das Gefängnis und auch das Offizierskasino.

Plötzlich verändert sich seine Miene. Er blickt zu Boden, sinkt auf die Knie und gräbt mit den Händen in der Erde. Während er die Erdkrumen durch seine Finger presst, schaut er zu mir auf. Jurij (der Name wurde aus Datenschutzgründen verändert) fixiert mich und seine Stimme klingt ungewohnt hohl: „Ich könnte Dich jetzt verhaften, Du stehst hier auf heiliger russischer Erde!“

Der stolze Russe lächelte überlegen

Dieser Freund, ein junger Offizier aus Sankt Petersburg und ehemaliger enger Mitarbeiter des letzten sowjetischen Stadtkommandanten von Berlin, hat eine Einzelkämpferausbildung absolviert. Er war schon mal furchtlos auf dem Kurfürstendamm mit einer einfachen Plastiktüte und 70.000 Mark darin zu einem Autohändler spaziert, um einen LKW zu kaufen. Um den Kindern seine Kraft zu beweisen, hat er eine junge Birke samt Wurzeln ausgerissen und sich in Xanten am Niederrhein kurzerhand unseren recht großen Hund unter den Arm geklemmt, um ihn auf einer Leiter hinauf auf den Nachbau des Limes-Walls zu befördern. Der Hund zitterte am ganzen Körper, der stolze Russe lächelte überlegen. Episoden aus den 90er-Jahren – aus einer längst vergangenen Zeit?

Der Westen lächelt über die Zustände in Russland. Damals wie heute. Wenn er sich nicht gerade fürchtet oder die Russen das Fürchten zu lehren versucht. Das Olympiaprojekt Sotschi gilt, kaum für geschätzte 17 Milliarden aus dem Boden gestampft und insgesamt wohl 50 Milliarden Dollar teuer, als gigantomanisches Betonfossil mit Gebäuden wie potemkinsche Dörfer. Vollkommene Missachtung von Umweltschutz und Bürgerrechten, massenhafte Ausbeutung von vertriebenen Wanderarbeitern, poststalinistischer Propagandaaufwand, Korruption allenthalben, Raffgier der Oligarchen, exzessiver Sicherheitsaufwand von Geheimdienstlern, Polizisten und Militärs, Pressezensur und Einschränkung der Demonstrationsfreiheit, Rechtsbeugung durch eine willfährige Justiz und ein außenpolitischer Hegemonieanspruch, der sich einen Teufel um das Völker- und die Menschenrechte schert.

Zuflucht in vulgären Flüchen

So werden Zustand und Verfassung eines Landes dargestellt, in dem die Jugend barbusig aufbegehrt, Journalisten um Leib und Leben fürchten, Bürgerrechtler drangsaliert, Diplomaten abgehört, Geschäftsleute schikaniert und ein paar in Ungnade gefallene Milliardäre nach Sibirien verbannt werden. Allenfalls systemtreue orthodoxe Popen können sich hinter ihren Klostermauern sicher wähnen. International tritt der Kreml wie eh und je mit seinem „njet“ zur Beendigung des Bürgerkriegs in Syrien und einer Annäherung der Ukraine an die Europäische Union auf.

Alles Putin oder was? Kanzlerin Angela Merkel kann nicht mit ihm, US-Präsident Barack Obama auch nicht. Nur Alt-Kanzler und Gaspipeline-Aufseher Gerhard Schröder scheint ein Putin-Versteher zu sein. Zwischen Ost und West herrscht noch immer ein Regime wechselseitiger Abschreckung. Auf der Suche nach einer Lösung für die in ihrem westlichen Teil Europa und den USA zugeneigte und in ihrem östlichen Teil Russland sich verbunden fühlende Ukraine aber finden die atlantischen Partner USA und Europa kaum einen gemeinsamen Nenner. Die US-Diplomatin Viktoria Nuland sucht hilflos Zuflucht in vulgären Flüchen über die EU, was Merkel wiederum ganz „inakzeptabel“ findet.

Was soll Putin von solchen Partnern halten? Soll er Russland riskieren und das trotz des Niedergangs der ehemaligen UdSSR noch immer geopolitisch als ein Riesenreich weite Teile Eurasiens bedeckende Land weiter zerfallen lassen in städtisch aufgeklärte Ballungsräume und sich selbst überlassene Provinzen, für die Moskau und Sankt Petersburg weit entfernte Metropolen sind?

Im Westen ist nicht alles Gold, was glänzt

Sicher hat sich seit dem Zenit seines Ansehens zur Zeit der Vergabe der olympischen Spiele 2007 die russische Gesellschaft verändert. Wladimir Putin hatte das Chaos der Jelzin-Jahre überwunden, dabei die Macht aber auch mit Militärs, Geheimdienstlern, der Bürokratie und ihrer allgegenwärtigen Korruption teilen müssen. Er hat ein System gegenseitiger Abhängigkeiten installiert und den im Land verbliebenen Magnaten klar gemacht, dass es nur in einer Kollaboration mit seinem Regime ein Überleben mit Luxus und ökonomischer Machtfülle gibt. Dabei hat er sich auch der Staatshörigkeit des orthodoxen Klerus bedient, der – vor zwei Dekaden erst dem kommunistisch-atheistischen Totalitarismus entkommen – aber die Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus und die Berechtigung gesellschaftlicher Säkularität und politischer Enthaltsamkeit noch nicht verinnerlicht hat. Mit aufwändigem Symbolismus und maskulinem Gehabe versucht Putin, den starken Mann zu markieren und der berühmten russischen Seele zugleich eine wärmende Heimat zu bieten. Zugleich gibt er sich gewandt und in der Snowdon-Affäre äußerst trickreich. NSA und CIA haben wieder einen Gegner auf Augenhöhe.

Ein Blick gen Westen zeigt Putin aber auch die Risiken, die für die russische Nation auf ihrem Weg durch die Geschichte lauern. Nicht alles ist Gold, was da glänzt. Auch die westlichen Demokratien weisen Schattenseiten auf. In den USA werden Menschen für Finanz- oder Spionage-Delikte zu jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilt und auch nach Jahrzehnten in Todeszellen für vor langer Zeit begangene Taten unnachsichtig und grausam hingerichtet. In der EU fälschen Finanzminister Haushaltsdaten, um am Wohlstand der Partnerländer teilzuhaben. Ganz ohne Rücksicht auf verbriefte Bürgerrechte betätigt sich sogar die deutsche Finanzbürokratie ungeniert als Hehler, wenn Einnahmen in Millionenhöhe winken. Systemrelevante Finanzinstitute manipulieren Zinssätze und die Sparer und Steuerzahler haben das zu finanzieren. An den Küsten macht man dicht und lässt Flüchtlinge zu Hunderten ertrinken. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Keine Strategie für den Umgang mit dem russischen Bär

Klar ist aber auch, dass in den westlichen Demokratien Skandale ans Licht kommen und Veränderungen Platz greifen können. Doch dafür hat der Westen hundert Jahre oder, wenn man die Aufklärung und die französische Revolution als Wendepunkte sieht, noch viel länger Zeit gehabt. Mit barbarischen Rückschlägen.

Angesichts dieser Dimensionen hat sich in Russland nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus in kurzer Zeit sehr viel geändert. Die Demokratie kommt geradezu im Galopp voran. Kleine Stürze und größeres Straucheln inklusive. Was es aber nicht gibt, ist eine durchdachte westliche Strategie für den Umgang mit dem russischen Bär. Auch die EU präsentiert sich, da hat Nuland in Teilen recht, nicht besonders klug und weitsichtig. Auf dem europäischen Kontinent aber geht es ohne den russischen Partner nicht.

Wie man Gegner zu Freunden macht, wie man den eurasischen Raum für gemeinsame Perspektiven gewinnt, dazu braucht es noch viele Projekte. Ausgestreckte Hände, Dialog und Anreize. Mit einer bloßen Verschiebung des niedergerissenen eisernen Vorhangs an die russische Westgrenze ist niemand gedient. Auch nicht den Menschen- und Bürgerrechten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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