Ihre Aussagen haben die Halbwertszeit von Einwegunterwäsche. Klaus Ernst

Ein friedfertiger Wolf

Die plötzliche Begnadigung des Kreml-Kritikers Chodorkowskij hat eine überraschende Parallele – in der Literatur.

In einer Reihe standen sie, die Schnauzen dem in den „fürchterlichen Wäldern“ des Ural einsam gelegenen Mikulizyn’schen Hause zugewandt und heulten den Mond oder die Silberbespiegelungen in den Fenstern an. Aber nun waren sie „nicht mehr Wölfe im Schnee bei Vollmond, sondern das Symbol einer feindlichen Macht, deren Ziel es war, den Doktor und Lara zu vernichten und aus Warykino zu vertreiben“. Lara, das war sein, das war Jurij Andréitschs Leben; dieses „unvergleichliche, mütterliche Russland, dessen Wellenschlag auch jenseits der Meere von sich reden macht, die ruhmreich Gebärende, ‚Russj‘, Märtyrerin, diese eigenwillige, besessene, querköpfige, vergötterte, mit ihren ewig majestätischen und zum Untergang führenden Ausbrüchen, die sich niemals voraussehen ließen!“ Der Dichter und Arzt Schiwago, dessen Name im Deutschen mit „Lehrer des Lebens“ oder „des Lebendigseins“ übersetzt werden kann, fürchtete sich angstvoll und war doch zugleich auch ekstatisch entzückt: „Oh, wie süß ist es, in der Welt zu leben und das Leben zu lieben! Wie sehr verlangt es immer danach, dem Leben selber, dem Sein selbst zu danken, von Angesicht zu Angesicht! Und all das war Lara!“ Die Wölfe wagten sich jetzt näher heran. In die Stadt zurückzukehren, wo es täglich zu Verhaftungen kam, schien Schiwago aber ein Wahnsinn zu sein. Doch war es „kaum vernünftiger, allein und ohne Waffen in dieser schrecklichen Winteröde zu bleiben, die von drohenden Gefahren erfüllt war“.

Schlitzohriger Genscher

Mit Gesichtszügen, die ein wenig denen des Literaturnobelpreisträgers Boris Pasternak gleichen, sitzt er bescheiden lächelnd und klug seine Worte wägend inmitten des Tumults und Medienrummels an einem mit weißem Tuch bedeckten Tisch im „Mauermuseum am Checkpoint Charlie“ und beantwortet geduldig die Fragen der internationalen Presse. Michail Chodorkowskij hat einen Brief geschrieben wie einst Boris Pasternak, der 1958 unter dem Druck der Sowjetführung auf den für „Doktor Schiwago“ verliehenen Nobelpreis verzichtete und die höchste literarische Auszeichnung nicht in Empfang nehmen konnte. Auch um seine Mitangeklagten zu schützen, hat Chodorkowskij aber jahrelang nicht um Gnade gebeten und bis zuletzt kein Schuldeingeständnis abgegeben. Nachts um zwei Uhr wurde er vom Lagerkommandanten aufgeweckt und auf eine Reise in die Freiheit, aber mit unbestimmtem Ziel, geschickt, so wie auch der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn im Februar 1974 einer abermaligen Inhaftierung oder Verbannung in den Archipel Gulag nur durch die Akzeptanz seiner Ausbürgerung entgehen konnte. Und wieder endet die Reise in Deutschland und wiederum erfährt der Häftling erst im Flugzeug davon. Die Geschichte der russischen Dissidenten und ihrer deutschen Fürsprecher erfährt ein da capo. Dazu gehört auch die emsig-umsichtige Diplomatie des erfahrenen Hans-Dietrich Genscher, der abermals mit seinem tief verwurzelten Humanismus, aber auch seiner hallensischen Schlitzohrigkeit und einem Schuss Geschäftssinn das richtige Gespür für den historischen Kairos besaß.

Das „System Putin“ hat den einstigen Ölmagnaten Chodorkowskji und Aufsteiger in den Elitezirkel der russischen Oligarchen zwar nicht physisch vernichtet, doch in einem „Ersten Kreis der Hölle“ (so der Titel eines epochalen und autobiografischen Romans von Solschenizyn) weggesperrt und über zehn Jahre lang kaltgestellt. In seiner Novelle „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ beschreibt Solschenizyn einen Lagerhäftling, der „schon wer weiß wie lange in Lagern und Gefängnissen saß“. Wenn „er zehn Jahre abgesessen hatte, brummten sie ihm die nächsten zehn auf“. Doch „im Gegensatz zu den anderen, von der Lagerarbeit gebeugten Männern, hielt er den Rücken gerade und am Tisch schien es, als habe er sich noch etwas untergelegt, um höher zu sitzen. Sein kahler Schädel brauchte schon lange nicht mehr geschoren zu werden – die Haare waren ihm von dem guten Leben ausgegangen“. Auch Michail Chodorkowskij hat in der Einsamkeit der Lagerhaft seine Würde bewahrt. Hass und Rachsucht sind ihm fremd. Wie bei Nelson Mandela haben eingesperrt und isoliert zu sein ihn nicht verbittern lassen.

Der Mann strahlt ein sanftes Charisma aus. Ein stahlharter Wille im Samtfutteral. Erfüllt von einer neuen Mission. Der Mann mit der profunden Managementkompetenz, dem Glauben an die Überlegenheit einer marktwirtschaftlichen Ordnung gegenüber staatlich organisierten Wirtschaftssystemen und dem Willen zur Freiheit hat sich in seiner langen Lagerzeit gewandelt und wirkt gereift. Wie Papst Franziskus geißelt der ehemals auch mit diskussionswürdigen Methoden extrem erfolgreiche Kapitalist heute eine „Wirtschaft ohne soziale Verantwortung“ als „nicht existenzberechtigt“. Zugleich hat er seine jugendliche Unbekümmertheit und Neugier auf die Welt am Leben erhalten. Die ihm verbleibende Lebenszeit will der 50-Jährige nicht mehr zum „Broterwerb“, sondern als „Zeit für die Rückzahlung meiner Schuld gegenüber den Menschen und für die Veränderung der russischen Gesellschaft“ verwenden. Dabei will er weder in das Geschäftsleben zurückkehren noch in die Politik streben. Der „Kampf um die Macht“ sei nicht sein „Ding“; doch gesellschaftlich engagieren mag er sich allemal. Aus solchem Holz aber sind Führungspersönlichkeiten geschnitzt, die mit und ohne ein offizielles Amt Revolutionen initiieren und bewirken oder verstärken können.

Er sei nicht gekommen, um eine politische Rede zu halten, sondern um Dank zu sagen und für die vielen Weggefährten und politischen Häftlinge einzutreten, die weiter ohne rechtlich einwandfreie Verfahren in Russland eingekerkert seien, sagt der von der Idee und den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit geläuterte ehemalige Oligarch. Ein einziges Mal nur zuckt es ironisch und überlegen um seine Mundwinkel, als Chodorkowskij gefragt wird, ob Russlands Präsident Wladimir Putin „noch lange an der Macht sein wird“.

Doch auch Putin hat seine historische Chance genutzt. Der „Panther“, wie ihn der Historiker Michael Stürmer gern bezeichnet, ist in die Jahre und vielleicht auch zur Besinnung gekommen. Ein „lupenreiner Demokrat“, als den ihn sein Freund, der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf eine provozierende Formulierung des TV-Moderators Reinhold Beckmann hin bezeichnete, wird der russische Präsident wohl nicht mehr werden. Doch hat er der Versuchung widerstanden, die Familie Chodorkowskijs nach totalitärer Manier zu verfolgen und in Sippenhaft zu nehmen. Die Ehefrau des Dissidenten ist nicht in den Lagern verschwunden wie einst jene Lara unter dem brutalen Terrorregiment Stalins. Das rechnet Chodorkowskij dem Kremlchef hoch an. Der unter dem russischen Bären Boris Jelzin noch flächendeckend verbreiteten Korruption hat Putin, obwohl er auch selbst in den Jahren seiner Regentschaft zu erheblichem Wohlstand gelangt ist, dennoch zumindest ein paar Zügel angelegt und das rattenhafte Treiben, wie es Pasternak in „Doktor Schiwago“ dem in allen Gesellschaftssystemen sich durchwurstelnden schlauen Advokaten Victor Ippolitowitsch Komarovskij zuschreibt, mit einigem Erfolg zu unterbinden versucht.

Deutschland und Russland sind aufeinander angewiesen

Putin weiß, dass Russland ein besseres Image benötigt und mehr rechtsstaatliche Verlässlichkeit und Transparenz in der Verwaltung braucht, um ausländisches Kapital und Investitionen einzuwerben und in technologisch-industriellen Kooperationen zu wachsen. Dazu ist auch ein glanzvoller Auftritt bei den Olympischen Winterspielen im kommenden Februar in Sotschi vonnöten. Ebenso gilt es, sich mit den Ideen der Menschenwürde und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker auch in Syrien, in der Ukraine und anderswo auszusöhnen. Mit dem Signal der Chodorkowskij-Freilassung sieht Bundeskanzlerin Angela Merkel rechtzeitig vor dem unmittelbar bevorstehenden westkirchlichen und dem orthodoxen Weihnachtsfest Anfang Januar ein „Fenster der Möglichkeiten“ geöffnet, das auch „genutzt“ werde.

Die deutsche und die russische Geschichte sind tief miteinander verwebt; längst schon gibt es auch eine Annäherung der westlichen Kirchen und der Orthodoxie in einem verheißungsvollen ökumenischen Dialog. Deutschland und Russland sind aufeinander angewiesen; deshalb war es unklug, dass Bundespräsident Joachim Gauck, offenbar uninformiert über die mit Merkel abgestimmte Mission Genschers, voreilig um einer kurzfristigen PR-Wirkung wegen seinen Besuch bei der Olympiade in Sotschi lauthals stornierte.

In dem zu einem friedfertigen Wolf herangereiften Chodorkowskij aber ist dem Panther Putin ein Rivale erwachsen, der dem Kremlmachthaber das Leben auch jenseits der russischen Wälder schwer machen kann. Vielleicht aber bringt Putin gar die Größe auf, ihm eines Tages die Hände zu reichen. Doktor Schiwago würde dazu raten, damit die russische Seele von einer tiefen Wunde geheilt der europäischen Völkerfamilie auf wahrer Augenhöhe begegnen kann.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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