Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Heiliger Karl

Laut seinen Kritikern ist Papst Franziskus ausgerechnet von Marx inspiriert. Kann das sein?

Natürlich BMW. Der Autobauer ist erfolgreich und zahlt hohe Dividenden. Nicht nur an die Eigentümerfamilie Quandt. Auch Vermögende wie Otto (Otto Group), Haniel (Metro) und Albrecht (Aldi) stehen erneut im Rampenlicht. „Die Reichen“, diese jedenfalls, haben sich zwar nicht ins Ausland verdrückt und ihre Vermögenswerte auch nicht dem deutschen Fiskus entzogen; sie, beziehungsweise die ihnen gehörenden Unternehmen, in denen weiter große Teile ihrer Vermögen stecken, zahlen Milliarden an Steuern und Abgaben, sorgen für Beschäftigung und Ausbildung und wirtschaftliche Prosperität. Aber wie entsteht Eigentum und wodurch werden Menschen reich?

Für den Internatsschüler am Bischöflichen Konvikt in Prüm in der Eifel und Stipendiat des katholischen Cusanuswerks, Oskar Lafontaine, ist die entscheidende sozialethische Frage, ob die Wall Street, also in seiner Diktion „das Geld“, bestimmt, „was geschieht“. „Das Geld“ und gleichgesetzt damit der Produktionsfaktor „Kapital“ aber würden vornehmlich von den Arbeitern erwirtschaftet und dann ungerechterweise von den Kapitalisten vereinnahmt.

Der ehemalige SPD-Chef und Bundesfinanzminister, spätere Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Deutschen Bundestag und heutige Oppositionsführer im saarländischen Landtag sowie dessen Lebensgefährtin, die stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Sahra Wagenknecht, machen sich die Kritik des „Antikapitalisten“ Papst Franziskus in dessen aktuellem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ an der „unsichtbaren Tyrannei der Ökonomie“ des Marktes zunutze und treten landauf, landab bei Podiumsdiskussionen und Talkshows zum Showdown gegen die Marktwirtschaft auf. Auch der neue Bundeswirtschaftsminister, Vizekanzler und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel greift das päpstliche Lehrschreiben auf und möchte den Papst sogar einladen, seine Kapitalismus-Kritik im SPD-Vorstand vorzutragen, da diese exakt die sozialdemokratische Position zur Marktwirtschaft im Verhältnis zum Sozialstaat umschreibe.

Verachtet die Kirche die Reichen?

In der Tat äußert Papst Franziskus gravierende Kritik an einem marktradikalen Kapitalismus. Das Schreiben hat weltweit große Beachtung gefunden und auch in Deutschland eine neue Debatte über das marktwirtschaftliche System ausgelöst. Im Fokus stehen auch wieder der noch vielfach unregulierte Finanzkapitalismus und dessen Auswüchse. Die Diskussion leidet jedoch an einer begrifflichen Oberflächlichkeit und fehlender Begriffsklärung.

Welche Art von „Markt“ und marktwirtschaftlicher Ordnung hat das päpstliche Lehrschreiben im Blick? Argumentiert der argentinische Papst vornehmlich vor dem Hintergrund seiner lateinamerikanischen Lebenserfahrung und der marxistisch beeinflussten Thesen und Argumente der sogenannten „Befreiungstheologie“? Oder „verachtet“ die Kirche prinzipiell „die Reichen“, wie der katholische Theologe und Wirtschaftsjournalist Rainer Hank titelt?

Erweist der Papst den Armen mit seinem Sendschreiben gar einen „Bärendienst“, weil er nur zum „Teilen des Mantels“ auffordere anstatt dazu, dem Bettler einen Arbeitsplatz zu verschaffen, damit dieser sich einen Mantel kaufen könne, wie der katholische Wirtschaftsphilosoph und Mitbegründer der liberalen Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft Gerd Habermann in seinem „Kommentar aus Berlin“ meint?

Oder hat Papst Franziskus mit seiner in emotionalen sprachlichen Bildern und fast lyrischen Metaphern zugespitzten Kritik gar nicht das System des rheinischen Kapitalismus, also der sozialmarktwirtschaftlichen Ordnung vor Augen, die von der „alten“ Bundesrepublik Deutschland aus einen Siegeszug zumindest in vielen Staaten der Europäischen Union angetreten hat und in weiten Teilen der Welt als vorbildlich angesehen wird?

Der Papst prangere vornehmlich Wirtschaftsmodelle angelsächsischer liberaler Prägung an, die einzig auf die Kräfte des Marktes und des Wettbewerbs vertrauen, meint der Sozialwissenschaftler, Moraltheologe und Direktor der „Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle“ der Deutschen Bischöfe, Peter Schallenberg. Dies sei aber nicht das Modell der sozialen Marktwirtschaft, die ja nicht zufällig aus dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule hervorgegangen sei: Freiheit brauche einen Rahmen und brauche den Staat; dies habe schon Augustinus mit Blick auf den Brudermord von Kain an Abel gewusst.

Liberalismus brauche Ordnung, nicht durch Diktatur, sondern durch Demokratie. Die soziale Marktwirtschaft habe viel zu einer menschenwürdigen Politik und Wirtschaft beigetragen und sei durchaus ein Exportschlager des kontinentalen Europas und sie müsse dies sogar immer mehr werden. Dazu gehörten natürlich Bankenregulierung und gleiche Gesundheits- und Bildungsversorgung sowie die Integration von Zuwanderern und Migranten.

Nach der Debatte zur Höhe und Begrenzung von Manager-Gehältern, Boni und Tantiemen mit dem Generalverdacht der bloßen Befriedigung der Habgier ist eine Stoßrichtung der aus Anlass des päpstlichen Lehrschreibens entfachten Diskussion nun offenbar der Erwerb und Besitz von Kapital-, Geld- und sonstigem Vermögen sowie das Eigentum an Unternehmen oder auch an Grund und Boden. Der Themenkreis der päpstlichen Kapitalismus-Kritik aber würde es verdienen, einige Dinge intensiver zu betrachten:

  • Die Essentials der christlichen Sozialethik und die Substanz der katholischen Soziallehre
  • Die geistig-politischen Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft
  • Die sozialethische Fundierung des Instituts des privaten Eigentums an Konsumgütern und vor allem aber auch an Produktivvermögen
  • Die Gestaltungsmacht in Unternehmen und der Unternehmen in der Gesellschaft, den Wert der Arbeit und die Modelle der Mitbestimmung
  • Die Forderungen nach einer breiten Vermögensbildung
  • Den Zusammenhang von unternehmerischer Entscheidung und Haftung für eingegangene Risiken
  • Die Regeln eines fairen Wettbewerbs und freien Welthandels sowie das Verhältnis von Ökonomie und Sozialstaat
  • Und nicht zuletzt die Rolle der Finanzinstitute in der sozialmarktwirtschaftlichen Ordnung
Es fehlt ein Korrektiv

Auffällig ist, dass die Vertreter der sozialmarktwirtschaftlichen Wettbewerbsordnung in den Industrieverbänden, aber auch in den konservativen und marktwirtschaftlich-liberal orientierten Parteien sich in der Debatte bislang kaum zu Wort melden. So entsteht ein Vakuum, das Papst Franziskus in den Augen marktwirtschaftlicher Protagonisten als Herz-Jesu-marxistisch inspiriert erscheinen lässt oder aber die Deutungshoheit der päpstlichen Anmerkungen eher marktkritischen, politischen und intellektuellen Kräften überlässt und die Marktwirtschaft im Bereich des ethischen Handelns in ein schiefes Licht rückt. Ökonomische könnten danach nicht auch ethische Eliten sein.

Eine Politik für eine freie, rational und sozial verantwortlich agierende Bürgergesellschaft müsste auf diese Fragen Antworten geben. „Wer ‚Evangelii Gaudium‘ gelesen hat, merkt erst, wie überfällig die Erneuerung der katholischen Soziallehre ist und wie sehr sie als Korrektiv heute fehlt“, moniert Höfer zu Recht. Dabei geht es auch um das vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung besonders wichtige Thema einer breiten „Vermögensbildung“, das seit den Auseinandersetzungen um die Mitbestimmung in Großunternehmen und das Betriebsverfassungsgesetz jahrzehntelang von der politischen Agenda verschwunden ist.

In der neu aufgestellten Bundesregierung kommen für eine solche Diskussion erstaunlicherweise vor allem die Neulinge Andrea Nahles (SPD) und der katholische Wirtschaftspädagoge Gerd Müller (CSU) als designierte Bundesarbeits- und Sozialministerin beziehungsweise Entwicklungsminister in Betracht. Wir sind gespannt, ob die neue Regierung diese Chance für eine vertiefte Gerechtigkeitsdebatte für eine fundierende Orientierung zu nutzen weiß.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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