In den Steueroasen saufen die großen Kamele den kleinen das Wasser weg. Renate Künast

Die Knoff-Hoffnung

In Deutschland herrscht bereits heute Fachkräftemangel. Deutsche Absolventen können sich nur wenig für technische und naturwissenschaftliche Fächer begeistern, dabei benötigt das Land dringend MINT-Begeisterte.

Alle Jahre wieder das gleiche Bild: Allen Anstrengungen der Emanzipationsbewegung zum Trotz entscheiden sich nur wenige Mädchen für eine Ausbildung in technischen Berufen, am häufigsten wird eine Ausbildung als Bürokauffrau (33.000 Ausbildungsverträge im Jahr 2010) oder Verkäuferin angestrebt. Eine Umfrage unter 2.450 Jugendlichen ergab, dass „Vorbilder“ in TV-Serien anscheinend einen weit größeren Einfluss auf die Berufswahl von Mädchen und jungen Frauen haben als die Berufsberatung (17 Prozent) oder gar der Schulunterricht (nur 13 Prozent). Und europaweit träumen auch die jungen Damen mit den besten Schulnoten am liebsten von einer Karriere als Model, Schauspielerin, Sängerin oder Moderatorin. Bei den Jungs ist es ein wenig anders; dort rangiert der Wunsch nach einer Ausbildung zum Automechaniker ganz oben.

Es fehlt an Fachpersonal

Dabei macht die Wirtschaft sich große Sorgen. Für die Sicherung des Wohlstands in einem Land ohne nennenswerte Bodenschätze und mit massiven demografischen Problemen wie in Deutschland ist es ganz entscheidend, dass es genügend Fachkräfte in techniknahen Berufen gibt, vom Auszubildenden über die Facharbeiter in den Betrieben bis hin zum Ingenieur. Fehlender Nachwuchs in den technischen Fächern bedeutet Rückschritt beim Forschungsniveau, Stillstand bei Innovationen und Stagnation. Dies betrifft auch Wachstumsmärkte wie die Erneuerbaren Energien und die Umwelttechnologien. Doch in innovativen Berufsfeldern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, den sogenannten MINT-Fächern, herrscht ein akuter Mangel an qualifiziertem Fachpersonal. Im April 2011 lag die Fachkräftelücke bei rund 140.000 Menschen, Tendenz schnell steigend. In keinem anderen europäischen Industrieland rücken so wenige Ingenieure nach wie in Deutschland. Wenn diese Entwicklung anhält, fehlen im Jahr 2014 etwa 220.000 qualifizierte Fachkräfte. 2030 werden dem deutschen Arbeitsmarkt nach Berechnungen des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft 5,2 Mio. Arbeitskräfte fehlen. Bereits jetzt richtet der Mangel an hochqualifizierten Fachkräften vor allem in den MINT–Berufen großen wirtschaftlichen Schaden an; so entstanden dadurch selbst im Krisenjahr 2009 Wertschöpfungsverluste in Höhe von 14,4 Mrd. Euro. Auch die Bundesregierung hat diese Gefahr erkannt und ist bemüht, eine erleichterte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland zu ermöglichen. Aber das allein reicht nicht.

Ideen schmieden

Mit über 700 Initiativen auch an den Schulen im ganzen Land haben Wirtschaft und Verbände in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen, um Schüler und Jugendliche für Technik und Wissenschaft zu interessieren. Denn Pädagogen, Berufsberater und Personalmanager haben erkannt, dass dieses Interesse sehr früh geweckt werden muss, um schließlich zu einem Berufswunsch zu werden. Dabei ragt eine Initiative wie ein Leuchtturm heraus, die noch unter der Ägide von Bundespräsident Christian Wulff als damaligem Ministerpräsidenten von den Arbeitgeberverbänden und der Metall- und Elektroindustrie sowie renommierten Unternehmen mit Hilfe der EU-Kommission und dem Land Niedersachsen auf die Beine gestellt worden ist. Im Jahr 2007 fand in Hannover erstmals die „IdeenExpo“ als sehr publikumsstarke Veranstaltung statt, zu der 2008 bereits 280.000 Teilnehmer pilgerten. In diesem Jahr werden bei der „IdeenExpo 2011“ vom 27. August bis 4. September sogar mehr als 300.000 Schüler, Eltern, Lehrer und Studenten auf dem Messegelände erwartet und Tourismus-Verbände bieten Familienreisen mit einem ergänzenden Kulturprogramm zu dem Event an. Die Veranstaltung hat nach Expertenmeinung das Potenzial, die ebenfalls publikumsstarke CeBIT zu überholen. Auf 60.000 qm wird die „IdeenExpo“ als das größte Live-Naturwissenschafts- und Technik-Event Deutschlands veranstaltet. Hier können die Besucher einen persönlichen Blick hinter die Kulissen werfen, Technik buchstäblich anfassen, mitmachen, selbst erleben – in einer kommunikativen Atmosphäre, die völlig anders ist als Schule.

Dort, wo man Spaß haben und sich öffnen kann und nebenbei neue Einblicke erhält, soll Grund-, Haupt- und Realschülern sowie Gymnasiasten und jungen Studenten auch eine andere Sicht der Welt der Technik nahegebracht werden. Im „größten Klassenzimmer der Welt“ steht das „Lernen mit allen Sinnen“ im Vordergrund. In 600 Workshops und Vorträgen und von über 200 Ausstellern werden 400 interaktive Exponate zu den fünf Themenwelten Energie, Kommunikation, Mobilität, Leben & Umwelt und Produktion präsentiert. Zahlreiche Live-Experimente, Bühnenshows und ein unterhaltsames Rahmenprogramm mit bekannten Bands wie Juli sollen junge und auch ältere Besucher in ihren Bann ziehen. Der renommierte Wissenschaftsmoderator Ranga Yogeshwar engagiert sich in besonderer Weise und will täglich mehrere Live-Shows moderieren.

Als Highlight will VW erstmals sein 1-Liter-Auto XL 1 der Öffentlichkeit vorstellen und in Mitmach-Versuchen des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg sollen den jungen Besuchern die molekulare Analytik von Meerwasser nähergebracht und die Bedeutung des Meeres als Kohlenstoffspeicher erläutert werden; dazu wird auch ein Messpfahlcontainer aufgestellt. Und fünf Mädchen und Jungen des Humboldt-Gymnasiums aus Bad Pyrmont haben im Rahmen eines „Ideenfang“-Wettbewerbs eine Frühstücksmaschine entwickelt, die dafür sorgen soll, dass Weißbrot geschnitten und wie am Fließband mit Marmelade nach Wahl der Besucher bestrichen wird. Abends wollen die Jugendlichen dann mit bekannten Stars wie Jan Delay und Culcha Candela auf den Showbühnen ordentlich abfeiern. Wenn dann noch die geplante Live-Schaltung via NASA zur Marssonde klappt, dann könnte die diesjährige Großveranstaltung einen überaus erfolgreichen Impuls für mehr Technikbegeisterung in Deutschland setzen; das erhofft auch der Bundespräsident, der die „IdeenExpo“ am 27. August persönlich eröffnen will.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Christoph – 11.07.2011 - 14:17

    Ich bin begeistert von Technik – aber eben nicht talentiert. Da liegt für mich auch das Hauptproblem.
    Als angehender Student wäre mir manch MINT-Fach sehr lieb – aus Gründen mangelnder praktischer wie auch theoretischer Begabung macht das aber einfach keinen Sinn. Man sehe sich doch nur mal an, wieviele Studierende in den Ingenieurswissenschaften ständig herausgeprüft werden! Daran sollte auch festgehalten werden, möchte man die deutschen Qualitätstandards halten – aber das löst das Problem nicht.
    Es würde meiner Meinung (die eines Abiturienten) helfen, grundlagenwissenschaftliche Fächer (ganz besonders Matehmatik)besonders zu fördern, dann kommt der Rest von ganz alleine. Denn (mathematische) Logik ist essentiell für die Naturwissenschaften, soweit ich das beurteilen kann.
    Für einen guten Mathematik-Unterricht braucht es aber auch gute Lehrkräfte – und die sind extrem rar und auch weiterhin ein Mangel. Ich spreche da aus leidvoller Erfahrung…

  • Theeuropean-placeholder
    Christiane LAmbrecht – 11.07.2011 - 16:13

    Zielgruppenorientiert…so klingt hier die Ideen-Expo im positiven Gegensatz zu den verkrampften “gender-Veranstaltungen” der Bundesregierung wie “boys-day” oder “girls-day”, wo krampfhaft Mädchen Lust auf Werkzeugmachern und Jungs Lust auf “ErzieherInnen” gemacht wird.
    Die Jugend, unsere Zukunft, ist es wert, ernst genommen zu werden und rundum alle Ideen auch “praktisch” ansehen zu können – ich denke, auch wir werden als Familie uns ein paar Tage dort tummeln!

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