Nur Kinder, Narren und sehr alte Leute können es sich leisten, immer die Wahrheit zu sagen. Winston Churchill

Ein Topf für alle

Für die Zeitungsbranche ist kein brauchbares Geschäftsmodell in Aussicht. Der Staat könnte helfen. Ohnehin muss der endlich aufhören, nur bestimmte Bereiche der Medienlandschaft zu fördern.

Die Website Newspaperdeathwatch verfolgt das Sterben von amerikanischen Zeitungen. Doch nicht nur der amerikanische Zeitungsfriedhof füllt sich. Das zeigen die Schließungen von „Financial Times Deutschland“, „Frankfurter Rundschau“, „France Soir“, der Printversion der „Newsweek“ und der brasilianischen „Diário de Natal“ sowie von 242 britischen Lokalzeitungen zwischen 2005 und 2012. Und dem Tod gehen üblicherweise eine lange Krankheit voraus: Journalisten werden entlassen, Budgets verkürzt, Seitenumfänge reduziert und potenzielle Kunden mit Preissteigerungen und Ähnlichem verprellt – noch überleben viele Blätter, doch wie lange?

Selbst „The Guardian“ verzeichnete voriges Jahr einen Verlust von 129 Millionen Pfund. Selbst Alexander Lebedev, Retter der britischen Blätter „London Evening Standard“ und „The Independent“, hat Bedarf an neuen Investoren angedeutet, um den Verlust seiner Blätter schultern zu können.

Die zwei großen Einnahmequellen, die im Westen für mehr als 100 Jahre eine einigermaßen vielfältige und qualitativ hochwertige Berichterstattung ermöglicht haben, schwinden dahin. Die Erlöse aus Anzeigenverkäufen gehen zurück (2013 werden sie in Großbritannien erneut um neun Prozent fallen). Ebay hat den klassischen Anzeigenmarkt ruiniert, Google-Suchen ersetzen Werbeanzeigen, Personalbeschaffungswebsites haben Job-Anzeigen dezimiert. Das Internet übernimmt einen immer größeren Teil des schrumpfenden Marktes, der einst viele Zeitungen stützte. Die elektronischen Medien ersetzen außerdem die normalen Zeitungen als Nachrichtenquellen – speziell für junge Menschen. Zwar gibt es Ausnahmen (insbesondere in China und Indien), aber im Großen und Ganzen ist das die generelle Tendenz – weltweit.

Kein Geschäftsmodell in Aussicht

Die Rundfunkanstalten haben den Wechsel mit neuen Abonnement-Modellen mehr oder weniger überlebt – in Deutschland und Großbritannien auch mit Hilfe großzügiger öffentlicher Gebührensysteme. Eine ähnliche Entwicklung blieb am Printsektor jedoch aus.

Die leichte Verfügbarkeit der Online-Medien hat das Konsumverhalten geändert: zeitnahe Updates, egal, wann und wo. Die offen zugänglichen Online-Angebote von öffentlichen Sendern wie ARD und BBC erschweren die Umsetzung von Paywalls bei Online-Zeitungen und gefährden deren Wirtschaftlichkeit.

Schwarmfinanzierung für Journalismus (z.B. www.spot.us) oder der punktuelle Erfolg von Gratisblättern ist keine Basis für einen halbwegs vielfältigen und qualitativen Journalismus, der europäischen und nordamerikanischen Ansprüchen gerecht werden kann. Zwar stützen Oligarchen wie Lebedev einige Titel und ein paar Staaten halten ihre „alten” Medien mittels Subventionen künstlich am Leben. Doch es ist unwahrscheinlich, dass das ausreicht, um den Anzeigenverkauf zu ersetzen und die Art von Journalismus zu garantieren, die wir gewohnt sind.

Die schrumpfenden Einnahmen der Zeitungen reduzieren auch die Verfügbarkeit von bezahlbaren Qualitätsinhalten. Diversität und Quellenvielfalt gehen zurück. Nicht zuletzt durch die Verschmelzung oder Einstellung von Medienunternehmen zwecks Kostenreduktion. Gibt es Mittel gegen diese Probleme?

Auf dem Zeitungssektor scheint kein brauchbares neues Geschäftsmodell in Aussicht. Wie aber sieht es mit einer öffentlichen Intervention aus – der klassischen liberal-demokratischen Antwort auf Marktversagen? Die letzte britische Labour-Regierung schlug drei Modellprojekte zur Unterstützung von Nachrichten vor, scheiterte damit jedoch. Frankreich versuchte, eine Umsatzsteuer für Telekommunikation einzuführen, um Zeitungen zu finanzieren.

Hör auf zu graben, wenn du in einem Loch steckst

Aber all das ist vielmehr eine Förderung für die Sieger des Rennens von gestern. Anstatt weiterhin die kurz vorm Scheitern stehenden veralteten Medien zu stützen, brauchen wir ein grundlegendes Umdenken in der öffentlichen Finanzierung von Massenmedien.
Im Jahr 2004 schlug beispielsweise die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom vor, Gelder aus den Gebühren für öffentliche Sender abzuschöpfen und damit einen Fonds zu bilden, der die Medienbranche insgesamt unterstützt.

Ob dies ein Weg ist, bleibt abzuwarten. Aber es wäre durchaus sinnvoll, über eine Förderung der gesamten massenmedialen Landschaft nachzudenken. Zumindest wäre es effektiver als die jetzige Konzentration auf einzelne Bereiche (Rundfunk, Zeitungen, Film etc.), die ohnehin nach und nach miteinander verschmelzen. Ohne Frage würde eine solche Maßnahme in Deutschland z.B. verfassungsrechtliche Probleme ergeben. Nur wird es ohnehin keine einfachen Lösungen geben.

Doch wie wir in Großbritannien zu sagen pflegen: Hör auf zu graben, wenn du in einem Loch steckst. Und wir werden im Loch stecken bleiben, wenn wir weiterhin davon ausgehen (und weiter graben), dass die Zukunft der Zeitungen von der Zukunft anderer Medien getrennt werden kann. Es ist Zeit – um mit Brecht zu sprechen –, an das schlechte Neue anzuknüpfen und nicht länger an das gute Alte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Schmid, Marie Illner, Anna Glombitza-Oelsner.

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