Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Die Plage nach dem Pharao

Die Träume der ägyptischen Jugend begannen auf dem Tahrir-Platz und hier tragen sie dieselben auch wieder zu Grabe. Ein Jahr nach dem Sturz des autokratischen Regimes steht Ägypten wieder einmal am Scheideweg.

Ein Jahr nach den spektakulären Aufständen der jungen Ägypter schmelzen ihre Hoffnungen schneller dahin, als die meisten Beobachter es erwartet hätten. All die Jugendlichen, Frauen und Christen, deren stilles Dasein plötzlich Aufmerksamkeit erfahren hatte, geraten nun wieder ins Visier und müssen täglich Tote beklagen. Als sie ihre Anliegen mutig auf die Straßen trugen und den nackten Pharao bloßstellten, schaute alle Welt auf sie. Ihre Proteste entflammten die ganze arabische Region.

Nun müssen sie zusehen, wie ihre Träume in den gleichen Straßen zugrunde gehen. Der mittlerweile legendäre Tahrir-Platz ist wieder voller Menschen. Hunderte Zivilisten wurden wahllos ermordet. Sobald ihre Angehörigen trauern oder protestieren, kommt es zu mehr Gewalt, zuletzt am Rande eines Fußballspiels in Port Said mit 74 Toten. Unterdessen machen Politiker den Militärrat für die blutigen Unruhen verantwortlich, um ihre eigene Machtposition zu schützen.

Wie viel Facebook wirklich bei Mubaraks Sturz geholfen hat, bleibt ungewiss

Ein Jahr später ringen die Ägypter immer noch um ihre Revolution. Einige sprechen bereits von einer zweiten und beklagen den Missbrauch der ersten. Die Praktiken des alten Regimes werden einfach fortgeführt: Zensur, Militärgerichtsbarkeit für 12.000 Zivilisten, brutalstes Niederschlagen von Demonstrationen und der sich langsam aufdrängende Fundamentalismus.

Wie kam es dazu? Tatsächlich gab es von Beginn an Zweifel an der Dynamik auf dem Tahrir-Platz. Eine Gruppe mutiger Demonstranten aus dem Bezirk Shubra stiftet wochenlange Straßenkämpfe mit 800 Toten an und stürzt einen Diktator. Die Proteste werden in aller Welt kopiert, in arabischen Ländern ebenso wie in New York oder Madrid. Plötzlich ist die Welt klein und vernetzt. Wie viel Facebook tatsächlich zu Mubaraks Sturz beigetragen hat, bleibt aber ungewiss.

Das Credo der Revolutionäre war einmal, dass Militär und Volk Hand in Hand gehen sollen. Mittlerweile wissen wir, dass die Armee nur machtgierig ihren Status verteidigen will, während das Land im Sumpf der Korruption versinkt. Mubarak war gar nicht das Regime, sondern nur die Fassade vor der Herrscherklasse. In Wahrheit wurden die Demonstranten von der Generalität um ihre Chance betrogen.

Mubarak war gar nicht das Regime, sondern nur die Fassade

Allzu hastig strebte man Neuwahlen an und islamisierte die Verfassung. Seitdem machen organisierte Verbrecher Jagd auf israelische Diplomaten und setzen christliche Kirchen in Brand.

Wegen der überstürzten Wahlen sind jetzt kaum junge Menschen aus den Städten im Parlament vertreten. Stattdessen haben die Muslimbruderschaft und die ultra-orthodoxen Salafisten das Ruder übernommen. Zugleich leidet die Wirtschaft, Investoren ziehen ihr Kapital ab und der Tourismus ist wie ausgelöscht. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass es den Demonstranten genauso um Brot wie um politische Freiheit ging.

Heute fühlt es sich auf dem Tahrir-Platz nicht so an, als ob die Menschen bald nach Hause gehen würden. Der Handschlag zwischen den Islamisten und Sicherheitskräften lässt die Demonstranten und den Westen als Verlierer dastehen. Wenn wir die ägyptische Revolution aber weniger als politischen Umsturz denn als soziales Experiment sehen, könnte man das vergangene Jahr als Erfolg werten. Denn von nun an können die Ägypter darauf vertrauen, dass sie gemeinsam etwas erreichen können.

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