Die Leute denken ich sei eine Figur aus der Fernsehserie Die Simpsons. Stephen Hawking

Japan hustet, Deutschland wird krank

Alle schreiben über Fukushima – in Deutschland regiert die Weltuntergangsstimmung, in den USA dominieren dramatische Rettungsgeschichten. Zwei Aspekte gehen dabei verloren: Eine Diskussion der eigentlichen Risiken – und die Aufmerksamkeit für die Opfer des Bebens. Es geht uns nicht um das Schicksal der Japaner – sondern um uns selbst.

Im Zuge der Berichterstattung zur nuklearen Katastrophe in Fukushima haben deutsche Zeitungen und das Fernsehen eine regelrechte Weltuntergangsstimmung herbeiinszeniert. Die Atomausstiegsdebatte ist jetzt der Versuch, sich gegen diese Bedrohung zu schützen. In den USA dagegen haben die Medien eine andere Geschichte erzählt: Die Welt ging ihren gewohnten Gang, während eine kleine Anzahl heroischer Arbeiter tapfer gegen die nukleare Auslöschung ihrer Heimat kämpft – und am Ende gegen alle Widerstände erfolgreich war. In Amerika glich die Berichterstattung zu Fukushima bisweilen dem Plot eines Hollywood-Filmes. In Deutschland waren die Programmverantwortlichen bei ProSieben dagegen so verunsichert, dass sogar alte Simpsons-Folgen auf mögliche Referenzen zu Atomkraft und schluderigem Sicherheitspersonal kontrolliert wurden. Es ist das Gegenteil von Hollywood: Globale Entwicklungen werden einzig danach beurteilt, ob sie sich auf die lokale Bevölkerung (oder die eigenen Zuschauer) auswirken werden.

Von Helden und Wolken

Wenn man die Webseiten der „New York Times“ und des „Spiegel“ als Indikatoren für die Lesegewohnheiten der jeweiligen Bevölkerung ansieht, lassen sich diese Unterschiede in der Berichterstattung eindeutig nachvollziehen. Die meistgelesenen Artikel der „Times“ direkt nach dem Erdbeben und der Krise im AKW beschäftigten sich mit dem Schicksal der „Fukushima Fifty“, jener Gruppe an Ingenieuren, die in den Kontrollräumen des Reaktors blieben und unter Gefahr für Leib und Leben gegen die drohende Kernschmelze ankämpften. Die „Times“ schuf einen interaktiven Zeitstrahl, der einen klaren Anfang und einen Höhepunkt der Geschichte definierte (das Ende fehlt – leider – noch). Und zumindest zu Beginn der Krise wiesen einige Artikel darauf hin, dass Präsident Obama bekräftigt hatte, eine Gefahr für die amerikanische Bevölkerung bestehe nicht. Die Frage „Könnte das auch hier passieren?“ wurde nicht weiter verfolgt – obwohl in den USA einige Atomkraftwerke in beunruhigender Nähe zu geologischen Verwerfungen zu finden sind. Das war in Deutschland ganz anders. Der populärste Beitrag von „Spiegel Online“ war eine fortwährend aktualisierte Karte, die den Weg der „radioaktiven Wolke“ über dem Pazifik nachzeichnete. Nicht wenige der Leser befürchteten, die Wolke könne vom Wind um die halbe Welt getragen werden und sich dann über ihrem Kopf entleeren.

Die Reaktion der Politik – allen voran Kanzlerin Merkel und der baden-württembergische Ministerpräsident Mappus – war aus zweierlei Hinsicht erstaunlich. Zum einen schien das reinste Chaos zu herrschen. Zum anderen wurde die Atomkraft über Nacht zum wichtigsten politischen Thema im Land. Die Deutschen ergriffen Besitz von den Ereignissen in Fukushima. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass bisher kein einziges Strahlenopfer in Japan zu beklagen ist.

Geht es um die Katastrophe – oder um uns?

Man kann argumentieren, dass es bei der deutschen Debatte weniger um die Risikofrage an sich geht, sondern um die Art und Weise, wie die Politik mit den Sorgen der Menschen umgegangen ist. Atomkraft wird also zur Prüfung des Vertrauens der Menschen in die Politik. Doch diese Sichtweise lässt außer Acht, dass sich die Politik zu jedem Zeitpunkt mit vielen Themen beschäftigt – und dabei durchaus auch einmal eine schlechte Figur macht. Im Vergleich wirkt die amerikanische Reaktion geradezu kaltherzig: Fukushima wird zu einer Geschichte unter vielen; wieder ein Erdbeben, ein Tsunami, eine Lawine, die am anderen Ende der Welt ein paar Menschen getötet hat.

Beide Reaktionen illustrieren letztendlich die Naivität der Massenmedien. Entwicklungen und Ereignisse werden so gedreht, dass sich der größtmögliche Profit daraus ziehen lässt. Man gibt den Lesern das, woran sie interessiert sind. Bei den Deutschen ist das anscheinend die Gefahr für das eigene Leben und die Abschottung gegenüber potenziellen Risiken. Die Amerikaner suchen nach Unterhaltung, nach einer klar definierten Geschichte – bevor die Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes gelenkt wird. In beiden Fällen spielen der Tsunami, seine Zerstörungen und Opfer kaum eine Rolle. Die Menschen im Westen schauen heraus in die Welt – und sehen doch nur das eigene Spiegelbild.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Patrick Spät, Dave Webb, Robert Lembke.

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