Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten. Karl Kraus

Wie die GdS mit Sprache (linke) Politik macht

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GdS) hat den Begriff „postfaktisch“ zum „Wort des Jahres 2016“ gekürt. Für mich ist es das UNWORT des Jahres, denn es steht für eine intolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden. Aber „Unworte“ sind bei der GdS stets konservative, liberale oder rechte Begriffe – während die „Worte des Jahres“ gerne von Linken verwendet werden.

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ begründet ihre Entscheidung, „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 zu küren, damit, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“. Die GdS ist der Ansicht, dass „immer größere Bevölkerungsschichten … in ihrem Widerwillen gegen ‚die da oben’ bereit (seien), Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren“. Es gehe im „postfaktischen Zeitalter“ nicht mehr um einen Anspruch auf Wahrheit. Vielmehr genüge das Aussprechen einer „gefühlten Wahrheit“, um zum Erfolg zu kommen.

Ein Begriff der Intoleranz

Diejenigen, die vom „postfaktischen Zeitalter“ sprechen, unterstellen damit Andersdenkenden, sie ignorierten prinzipiell die Fakten und ließen sich ausschließlich von irrationalen Emotionen leiten; dabei seien sie bereit, jede Lüge begierig aufzugreifen. „Postfaktisch“ ist nichts anderes als ein Kampfbegriff zur Diffamierung Andersdenkender, denen man damit jedwede Rationalität abspricht. Zugleich impliziert man damit, selbst im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein: „Wir haben die Fakten, ihr habt nur irrationale Emotionen“ oder: „Wir sind im Besitz der Wahrheit, ihr wollt nur noch Lügen hören!“

Ein anti-liberaler Begriff

Der Glaube, selbst im Besitz der Wahrheit zu sein und Andersdenkende pauschal der Irrationalität zu bezichtigen, ist jedoch Ausdruck einer anti-liberalen, anti-pluralistischen und in der Konsequenz sogar totalitären Gesinnung. Der Begriff „postfaktisch“ wird gerne von Anhängern der „Political Correctness“ verwendet. Sie selbst verstehen sich als aufgeklärte, intellektuelle Elite, die zunehmend verzweifelt über große Teile der Bevölkerung, die ihnen nicht mehr folgen. Auch Angela Merkel hat den Begriff „postfaktisch“ in ihr Sprachrepertoire aufgenommen und damit Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik belegt. Die Haltung dahinter: Wer anders denkt als wir, ist ein Faktenleugner, der sich ausschließlich von Emotionen leiten lässt.

Unworte des Jahres

Untersucht man die Begriffe, die die Gesellschaft für deutsche Sprache als „Unwort des Jahres“ bezeichnet, dann wird deutlich, dass sich darin die Weltsicht der Linksintellektuellen verdichtet. „Unworte“, die von politisch Linksstehenden verwendet werden, gibt es bei der GdS nicht. „Unworte“ sind vorwiegend Begriffe, die von Liberalen, Konservativen oder Rechten verwendet werden.

- Das Unwort 2015 lautete „Gutmensch“. Warum eigentlich? Ich finde den Begriff „Gutmensch“ gut. Dass die GdS ihn zum „Unwort“ erklärte, ist bezeichnend, denn der Begriff wendet sich meist kritisch gegen Linke und Grüne, die sich für moralisch überlegen halten.

- Das Unwort 2013 lautete „Sozialtourismus“. Der Begriff wurde zum „Unwort“, weil Politiker und Medien damit „gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa“ machten. Indem die GdS den Begriff zum „Unwort“ erklärte, sollte offensichtlich geleugnet werden, dass es eine Zuwanderung in die Sozialsysteme gibt (dies zu bestreiten, nenne ich wiederum postfaktisch).

- 2006 wurde „freiwillige Ausreise“ als „Unwort des Jahres“ gekürt. Der Begriff suggeriere, so hieß es zur Begründung, abgelehnte Asylbewerber kehrten vor einer Abschiebung „freiwillig“ in ihre Heimat zurück. Tatsächlich hätten sie jedoch, so die GdS, keine andere Wahl. Daher sei der Begriff ein „Unwort“. Es wird also damit kritisiert, dass ein abgelehnter Asylbewerber die Entscheidung eines deutschen Gerichtes in letzter Instanz akzeptiert und ihr folgt statt sich ihr zu widersetzen und illegal in Deutschland zu bleiben.

Viele Begriffe, die von der GdS zum „Unwort des Jahres“ gekürt werden, finde auch ich kritikwürdig, so etwa „Lügenpresse“ (2014), „Wohlstandsmüll“ (1997), „Überfremdung“ (1993), „ausländerfrei“ (1991) usw. Auffallend ist jedoch, dass niemals Begriffe und Worte mit einer linken oder grünen Konnotation zum „Unwort“ gekürt werden. Im Gegenteil. Solche Begriffe haben eine gute Chance „Worte des Jahres“ zu werden.

Worte des Jahres

Zum „Wort des Jahres“ werden gerne Begriffe gekürt, die in das linke Weltbild passen. Das erste „Wort des Jahres“ war 1971 „aufmüpfig“, also etwas, das im linksgrünen Denken sehr positiv belegt ist. „Aufmüpfig“ so hieß es, habe sich anfangs vor allem auf die 68er-Bewegung bezogen und sei 1970/71 im allgemeinen Sprachgebrauch neu aufgekommen.

1982 wurde der Begriff „Ellenbogengesellschaft“ gekürt, ebenfalls ein linker Kampfbegriff. Gemeint war damit der Vorwurf linker Politiker an die neue schwarz-gelbe Regierung, sozial Schwache zu benachteiligen und den Egoismus in der Gesellschaft zu fördern.

1993 war „Sozialabbau“ das „Wort des Jahres“. Auch das ist ein polemischer Begriff, der sich gegen marktwirtschaftliche Reformen des Sozialstaates wendet.

1998 war das Wort des Jahres „Rot-Grün“, 2007 „Klimakatastrophe“ („die Folgen unkontrollierter globaler Erwärmung“). 2015 wurde dann „Flüchtlinge“ zum „Wort des Jahres“, obwohl man gerade diesen Begriff wegen mangelnder Differenzierung durchaus kritisch sehen kann. Denn in Politik und Medien wird er oft pauschalisierend und generalisierend für Einwanderer verwendet, auch wenn diese nicht vor Kriegen und Bürgerkriegen auf der Flucht sind, was ja die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist.

„Satz des Jahres“

Die GdS kürt auch einen „Satz des Jahres“. Schon zwei Mal hat Angela Merkel den „Satz des Jahres“ gesagt, nämlich 2011 („Fukushima hat meine Haltung zur Kernernergie verändert“) und 2015 („Wir schaffen das“). 2001 prägte der Berliner SPD-Vorsitzende und spätere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit für die GdS das Wort des Jahres: „Ich bin schwul und das ist (auch) gut so“.

Das Wort/Unwort-Monopol brechen

Ich finde, es ist Zeit, das Linksmonopol der GdS auf das „Wort“ und „Unwort“ des Jahres zu brechen. Traurig ist es, wie unkritisch in den meisten Medien die jeweilige Entscheidung der GdS angenommen wird. Mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2016 ist jedenfalls genau das Wort, das die GdS zum „Wort des Jahres“ gekürt hat, nämlich „postfaktisch“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Rainer Zitelmann: FDP: Merkel hat nur grüne Forderungen erfüllt

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