Es ist nicht die Zeit der Kontrollfreaks. Alec Ross

AfD-Wähler auf der Psychocouch

AfD-Wähler werden seziert wie eine seltene Insektenart. Die einfache Erklärung, es handle sich um Menschen, die sich von anderen Parteien nicht mehr vertreten fühlen, genügt nicht. Folgt man Psychologen, dann sind AfD-Wähler getrieben von „diffusen Ängsten“, es sind „Abgehängte“ und „Globalisierungsverlierer“ mit „innerer Not“ und „postdemokratischen Ohnmachtsgefühlen“.

„Globalisierungsverlierer“

Eine aktuelle Bertelsmann-Studie kommt zu dem Ergebnis, bei Wählern der Rechtspopulisten handle es sich um Menschen, die Angst vor der Globalisierung hätten – dabei gelte: „Je niedriger das Bildungsniveau und je höher das Alter der Befragten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen die Globalisierung als Gefahr empfinden.“ Nun ja, das mag ja sein. Aber gerade die hier erwähnten „Alten“ wählen unterproportional AfD. Laut einer Analyse von Infratest dimap haben bei acht Landtagswahlen 13 Prozent der Wähler der AfD ihre Stimme gegeben – bei den 25 bis 44-Jährigen waren es jedoch 18 Prozent und bei den über 70-jährigen lag der Anteil mit acht Prozent am niedrigsten. Also bei genau jener Gruppe, die sich laut Bertelsmann-Studie am meisten vor der Globalisierung fürchtet.

„Ungebildete?“

Sind AfD-Wähler im Durchschnitt weniger gebildet? Ja. Während sie bei acht Landtagswahlen 13 Prozent im Schnitt erzielte, waren es bei Menschen mit Hauptschulabschluss laut Infratest dimap 14 Prozent und bei den Abiturienten 11 Prozent. Das ist ein signifikanter Unterschied, aber auch wiederum kein so großer, dass man AfD-Wähler verallgemeinernd als „bildungsfern“ bezeichnen könnte. Immerhin wählten auch acht Prozent der Menschen, die einen Hochschulabschluss haben, AfD.

„Verzweiflungswähler“ mit „postdemokratischem Ohnmachtsgefühl“

Einig sind sich offenbar alle, dass AfD-Wähler von „Angst“ getrieben seien. Beeindruckender als „Angst“ ist der Plural, also: „Ängste“. Genauer: „Diffuse Ängste“ – die man freilich „ernst nehmen“ müsse. Der Magdeburger Sozialwissenschaftler David Begrich meint, AfD-Wähler seien Menschen, die „vielfältige biografische Brüche“ erlebt hätten – ihr „postdemokratisches Ohnmachtsgefühl ist sehr hoch.“ Der Psychoanalytiker Jörg Frommer erklärt, AfD-Wähler seien Menschen, bei denen die „innere Not groß ist“, die sich verlassen, benachteiligt und vergessen fühlten. Hat es nicht etwas Totalitäres, wenn man Menschen, die anders denken und anders wählen, wie Kranke behandelt, deren Psychopathologie es zu verstehen gelte?

„Rechtsextreme Arschlochwähler“

Der Psychologe Thomas Klische unterscheidet genau vier Gruppen von AfD-Wählern, und zwar erstens die „klassischen rechtsextremen Arschlochwähler“, zweitens die „CDU-Erziehungswähler“, drittens „allgemein entfremdete Protestwähler“ und viertens „Verzweiflungswähler“. Er sieht in der Wahl der AfD ein Symptom für eine „kollektive Bequemlichkeitsverblödung“ und konstatiert im Gespräch mit dem „Focus“: „Wir sind alle gestört“.

Ich habe noch selten gehört, dass sich Psychologen Gedanken machten, warum jemand die Linke oder die Grünen wählt. Ganz anders ist es bei der AfD. Im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGP) im September gab es ein eigenes Forum, bei dem Psychologen die Motive von AfD-Wähler diskutierten.

Bestaunt wie Tiere im Zoo

Ich finde den Hang, AfD-Wähler auf die Psychocouch zu legen, irritierend. Wie fühlen sich wohl jene Wähler, die man bestaunt wie seltene Tiere im Zoo? Denen man allenfalls mitleidsvoll-verständnisvoll bescheinigt, man verstehe ihre „Ängste“ als „Verlierer“?

Ich selbst würde nie AfD wählen, meine Partei ist die FDP. Als Liberaler sind mir Rechtsaußen-Kräfte in der AfD ebenso suspekt wie manche wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen (für Mindestlohn, gegen Freihandel, für Einbeziehung von Besserverdienenden in die Rentenversicherung usw.).

Aber ich kann die Motive von Menschen verstehen, die mit Angela Merkels EU- und Einwanderungspolitik nicht einverstanden sind (ich bin es auch nicht) und die mit ihrer Stimme für die AfD ein Zeichen dagegen setzen wollten. Ist das so irrational? Hätte sich die Einwanderungspolitik ohne die Erfolge der AfD geändert? Hätte die CSU eine kraftvolle Opposition aus der Regierung heraus betrieben, wenn die AfD nicht so viele Stimmen bekommen hätte? Hätte CDU-Vize Strobl seine Vorschläge zur Verschärfung der Abschiebepraxis gemacht, wenn in seinem Bundesland die CDU nicht 12 Prozent verloren und die AfD 15 Prozent gewonnen hätte? Offenbar haben AfD-Wähler mit ihrer Stimmabgabe das bewirkt, was sie wollten.

Ich brauche keinen Psychologen, um Andersdenkende zu verstehen

Ich habe bislang noch nie einen Psychologen gebraucht, um zu verstehen, warum ein Mensch anders denkt oder wählt als ich. Muss man tiefenpsychologische Erklärungen bemühen für das Wahlverhalten von Menschen, die den Eindruck hatten, dass (außerhalb von Bayern) keine der im Bundestag vertretenen Parteien ernsthaft Kritik an Merkels Einwanderungspolitik übte, weil diese von CDU, SPD, Grünen und Linken im Großen und Ganzen geteilt wurde? Ist es nicht ganz einfach logisch, dass eine rechte Partei entsteht, wenn sich die CDU sozialdemokratisiert und vergrünt? Und wäre es nicht eher erklärungsbedürftig, wenn es in allen europäischen Ländern Parteien links und rechts von der Mitte gibt – nur nicht in Deutschland? Bedarf es also wirklich so viel angestrengter Psychoanalyse, um den Wahlerfolg der AfD zu verstehen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sigmar Gabriel, Alice Weidel, Thomas Schmid.

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