Unter Aufbaudiät verstehen die Ärzte ein totes Huhn, das man in heißem Wasser ausgewrungen hat. John Wayne

„Hauptsache Knaller gesetzt und ’ne schöne Auflage“

Bei Skandalen funktionieren Medien immer gleich, findet Rainer Brüderle. Mit Sebastian Pfeffer und Thore Barfuss spricht der FDP-Politiker über die „Stern-Affäre“, die verkorkste Bundestagswahl und die Zeit nach der Politik.

The European: Herr Brüderle, ist das Band zwischen Ihnen und den Medien zerschnitten?
Brüderle: Nein, überhaupt nicht. Die Autorin des „Stern“-Artikels, auf den Sie anspielen, sagt ja selbst, es sei nicht ihre Absicht gewesen, mich an den Pranger zu stellen oder zu vermitteln, ich habe sie belästigt. Sie wollte vermitteln, dass ich der falsche Kandidat sei. Nur hat sie mit dem Artikel etwas ganz anderes ausgelöst.

The European: Sie schreiben in Ihrem Buch, die Veröffentlichung sei politisch motiviert gewesen.
Brüderle: Ja. Gegen meine Person und gegen die FDP. Wenn ein Vorgang, der über ein Jahr zurückliegt, 48 Stunden nach meiner Nominierung zum Spitzenkandidat publiziert wird, kann man davon ausgehen, dass dahinter eine politische Absicht steckt. Mit Kampf gegen Sexismus hatte das jedenfalls nichts zu tun. Der wäre beim „Stern“ auch schlecht aufgehoben. Die Titelbilder der letzten Jahre haben zu oft nackte Frauenkörper gezeigt.

The European: Sie werfen neben dem „Stern“ noch weiteren Medien und Journalisten vor, eine „Kampagne“ gefahren zu haben.
Brüderle: Die Mehrzahl der Journalisten ist um faire Berichterstattung bemüht. Aber es gibt Exzesse. Für mich ist es in erster Linie eine „Stern“-Affäre. Der hat ja ohnehin eine traurige Geschichte. Angefangen von den gefälschten Hitler-Tagebüchern, über die schrecklichen Bilder des toten Uwe Barschel – das ist schon eine bestimmte Art, an Dinge ranzugehen.

„Wen einer hinfällt, gibt es immer noch einen, der lacht“

The European: Sie nennen in Ihrem Buch unter anderem auch die „Süddeutsche Zeitung“.
Brüderle: Im Zusammenhang mit der Energiewende. Es gab in mehreren Medien eine Stimmung gegen die FDP, vor und nach der Wahl. Man kennt das aus der Schulzeit: Wen einer hinfällt und sich das Knie aufschlägt, gibt es immer noch einen, der sich hinstellt und lacht. Der politischen Kultur tut das nicht gut.

The European: Inwiefern?
Brüderle: Wenn zum Beispiel Bascha Mika, früher Chefredakteurin der „taz“, heute „Frankfurter Rundschau“, in der Sendung „Hart aber fair“ sagt, wie sehr sie sich freut, dass die FDP nicht mehr im Bundestag ist, ist das schon eine sehr eigentümliche Einstellung zur Politik.

The European: Ist das ein FDP-spezifisches Problem oder haben andere Parteien nicht ebenfalls manche Medien eher gegen sich?
Brüderle: Ich mache jetzt seit 40 Jahren Politik und in dieser Intensität wie bei uns habe ich es bei keiner anderen Partei erlebt. Als die Grünen aus dem Bundestag geflogen sind, gab es eine Mitleidswelle! Ich glaube, das war schon eine spezielle Ausprägung. Der Begriff neoliberal wurde zum Schimpfwort gemacht. Es gibt den schönen Satz von Heiner Geißler: „Früher wurden Bahnhöfe besetzt, heute besetzt man Begriffe.“

„Es geht mir nicht um Medienschelte“

Rainer Brüderle Artikelbild 1

The European: Ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet die FDP ständig falsch verstanden wird?
Brüderle: So eine Haltung wäre völlig falsch, das schreibe ich auch. Die „Stern“-Affäre hat negativ gewirkt, aber das Wahlergebnis haben wir schon selbst verschuldet. Wir haben in der Koalition nicht das durchgesetzt, was wir versprochen hatten.

The European: Der Titel des Buches heißt „Jetzt rede ich!“. Das klingt schon nach Abrechnung mit den Medien, finden Sie nicht?
Brüderle: Es geht mir nicht um Medienschelte. Ich habe mich im Wahlkampf nicht zu der „Stern“-Affäre geäußert, weil in der damaligen Situation, einer sich überschlagenden Sexismusdebatte, ich keine Chance mit der Wahrheit gehabt hätte.

The European: Weil man als Einzelner in der Welle so einer öffentlichen Debatte einfach untergeht?
Brüderle: Das stimmt für die „Stern“-Affäre, aber mein Buch ist nicht darauf verengt. Dieses ist nur eines von zehn Kapiteln. Meine Absicht ist, mit etwas Abstand meine Sicht der Zusammenhänge darzulegen. Wie konnte z.B. die FDP von 14,6 Prozent auf 4,8 Prozent abstürzen?

The European: Wie denn?
Brüderle: Wir konnten in der Koalition nicht die Wirkung entfalten, die wir uns vorgenommen hatten. Die in uns gesetzten Erwartungen konnten wir nur teilweise erfüllen. Wir führen heute Wahlkämpfe, als hätten wir ein präsidiales System. Wir wählen aber keinen Bundeskanzler, sondern ein Parlament.

The European: Sie spielen auf die dominierende Rolle der Spitzenkandidaten an.
Brüderle: Helmut Kohl hat sich aus gutem Grund stets geweigert, in ein TV-Duell der beiden Kanzlerkandidaten zu gehen. Die Programme der Parteien treten durch solche Verengungen in den Hintergrund.

„Wir wollen keinen betreuten Staatskunden“

The European: Auch programmatisch sind die Liberalen oft in der Defensive.
Brüderle: Defensive nein. Aber wir haben ein anspruchsvolleres Konzept, das auf die Eigenverantwortung des Menschen setzt! Weil wir grundsätzlich staatskritisch sind und meinen, dass jeder die Chance haben muss, seines Glückes Schmied zu sein. Natürlich gibt es Menschen, die das nicht können. Denen muss man helfen. Wir wollen aber keinen betreuten Staatskunden, sondern den eigenverantwortlichen Bürger, den Citoyen.

The European: Würden Sie sagen, die im Bundestag verbliebenen Parteien sind primär etatistisch?
Brüderle: Nehmen Sie die Große Koalition. An für sich sind das zwei sozialdemokratische Parteien. Eine eher schwarz angestrichen, eine eher rot.

The European: Union und SPD verstehen sich in der Regierung derzeit ganz gut.
Brüderle: Ab einem gewissen Zeitpunkt war schon im Wahlkampf mein Eindruck, dass die Union die Fortsetzung von Schwarz-Gelb gar nicht will, sondern die Große Koalition anstrebt. Möglicherweise war das strategisch. Da sie mit der SPD im Bundesrat sowieso Deals machen müssen, konnten sie auch gleich koalieren. Doch nach meiner Überzeugung lassen sich Große Koalitionen nur in Notsituationen vertreten. Der Normalfall darf in einer parlamentarischen Demokratie keine Regierung mit 80-Prozent-Mehrheit sein. Das ist fast unhygienisch.

The European: Warum?
Brüderle: Ich habe die vorige Große Koalition als Abgeordneter erlebt. Da bekamen wir kurz vor den Abstimmungen Tischvorlagen, die 20 Zentimeter hoch waren! Ich bin deshalb mehrfach bei Haushaltsberatungen rausgegangen. Das war unwürdig, wie soll man über etwas abstimmen, das man nicht einmal grob überblicken kann?

The European: Die Regierung hat gegenüber dem Parlament zu viel Macht.
Brüderle: Das wird doch gerade an diesem Sturm im Wasserglas wegen der Rente mit 63 deutlich. Selbst wenn fast 100 Abgeordnete der Großen Koalition dagegen stimmen würden, ist die Regierungsmehrheit nicht gefährdet.

„Bei den Grünen wäre keine solche Kampagne gefahren worden“

Rainer Brüderle Artikel Bild 2

The European: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass manches, was den Liberalen krumm genommen wurde, bei anderen, z.B. den Grünen, als Bereicherung empfunden worden wäre. Konkret nennen Sie Joschka Fischers „Mit Verlaub Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“. Das heißt, ein Grüner wäre in Ihrer Situation verschont worden?
Brüderle: Verschont nicht, aber es wäre keine solche Kampagne gefahren worden.

The European: Der „Stern“-Herausgeber Petzold hat kürzlich noch einmal bekräftigt, dass sie den Artikel auch zu jedem anderen Politiker gebracht hätten.
Brüderle: Das widerspricht dem, was Frau Himmelreich selbst gesagt hat. Und dass der jetzige „Stern“-Chefredakteur Herr Wichmann persönlich eine ganze Seite bemüht, um sich mit meinem Buch auseinanderzusetzen, zeigt doch, salopp formuliert: getroffene Hunde bellen. Dies war eine gute Werbung für das Buch. Mein Verlag hätte die Seite als Anzeige jedenfalls nicht bezahlt …

The European: Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die politische Korrektheit in den Rücken gefallen ist?
Brüderle: Nein, das sind Personen. Nehmen Sie Alice Schwarzer, die seit vielen Jahren moralin-versprühend durch die Gegend geht und selbst skrupellos genug war, die Gemeinschaft über Jahrzehnte um Steuern zu betrügen. Das sind zwiespältige Charaktere, die sich für sich alles rausnehmen, aber bei anderen draufschlagen.

„Ich bin ja kein gelernter Schauspieler“

The European: Ihr Co-Autor Hugo Müller-Vogg beschreibt an einer Stelle des Buches, dass er nach dem Skandal einen anderen Rainer Brüderle getroffen habe als zuvor. Wie sehr hat die Debatte Ihren Umgang mit der Öffentlichkeit verändert?
Brüderle: Wir waren ja mitten im Wahlkampf. Da war natürlich meine große Sorge, dass jede weitere Äußerung, die man irgendwie missverstehen kann, bei der damaligen Debatte auch missverstanden werden könnte.

The European: Wie hat sich das praktisch geäußert?
Brüderle: Ich bin ja kein gelernter Schauspieler und wollte es auch nie werden. Ich war weiter bemüht, authentisch zu sein. Ich fühle mich auch nicht als Opfer, sondern als unfair behandelt. Ich war natürlich gut beraten, bei öffentlichen Reden vorsichtig zu sein. Ich bin ja ein Typ, der in der Regel frei spricht. Ich gehöre auch nicht zu denen, die im Bundestag alles ablesen. Manchmal hat man den Eindruck, dass Mitarbeiter von Abgeordneten, die eine Rede geschrieben haben, sie deutlich besser verstanden haben als der Vorleser.

The European: Nehmen Sie Skandale in der Politik jetzt anders wahr?
Brüderle: Es ändert sich etwas, wenn Sie es selbst erleben. Aber meine Illusionen waren nach 40 Jahren Politik ohnehin nicht sehr groß.

The European: Ist Skandalisierung nicht inkrementeller Bestandteil der Politik? Probleme werden krass überzeichnet, Wahrheiten verdreht …
Brüderle: Nein. Alles zu boulevardisieren und auf den kurzen Effekt zu zielen wird nur dazu führen, dass die Politik und der Journalismus weiter an Ansehen verlieren.

The European: Oft sind Bundestagsdebatten allerdings von mehr Polemik geprägt als die meisten Medienberichte. Sie selbst haben im Wahlkampf z.B. den „Mao-Zuschlag“ von Jürgen Trittin kritisiert, Renate Künast eine „Gouvernante“ genannt.
Brüderle: Ein bisschen Polemik gehört als Würze zur Debatte dazu. Es ist aber ein Unterschied, ob man jemanden als Mensch fertigmachen will. Keine meiner Aussagen war verletzend. Jürgen Trittin hat mich zuvor übrigens auf einer Veranstaltung als „Schwein“ bezeichnet.

„Weder Himmelreich noch einer der anderen Journalisten fand das anstößig“

The European: Bei uns erschien nach der „Stern“-Affäre ein überaus erfolgreicher Artikel von Birgit Kelle, der hieß „Dann mach doch die Bluse zu“. Darin wird der Vorgang umgekehrt, die Frau als Täter, der Mann als Opfer. Ist diese Sichtweise ein Tabu?
Brüderle: Noch mal: Sexismus ist ein ernstes Problem. Man muss sich aber die Situation vor Augen führen. Es war der Abend nach dem Landesparteitag, danach gibt es traditionell den Dreikönigsball. Im Anschluss finden sich Journalisten und Politiker noch an der Bar ein. Auf die Idee, dann noch ein professionelles Gespräch zu führen, muss man schon kommen! Frau Himmelreich ist den ganzen Abend nicht von meiner Seite gewichen. Wenn man sich belästigt fühlt, dann geht man normalerweise weg. Sie hat mich mehrfach gefragt, ob ich nicht zu alt zum Kandidieren sei. Das fand ich ehrlich gesagt ein bisschen unverschämt. Um von diesem Thema wegzukommen, habe ich sie dann auf ihr Wasser angesprochen, ob sie nur so etwas trinke. Nein, sie trinke auch mal ein Bier, in München wenn Oktoberfest ist. Da habe ich dann gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Da war überhaupt nichts böse gemeint. Weder sie noch einer der anderen Journalisten hat das als anstößig empfunden. Im Gegenteil, sie hat in dem Jahr mehrfach versucht, mich im Auto zu begleiten. Nicht den Hauch einer Andeutung, was mein angebliches Fehlverhalten anging.

The European: Also glauben Sie, es gibt dieses Tabu …
Brüderle: … das ist wieder typisch, unser Gespräch! Die ganze Zeit beschäftigen Sie sich nur mit einem Kapitel meines Buches. Nichts zu meinen Gedanken zur zukünftigen politischen Entwicklung. Die Auswirkungen, die all das auf meine Frau hatte: interessiert niemanden. Manchmal scheint es: Hauptsache, man hat seinen Knaller gesetzt und ’ne schöne Auflage. 90 Prozent des Buches beschäftigen sich mit anderen Dingen. Aber nur der Skandal interessiert.

The European: Es interessiert nicht nur, aber auch. Das ist Ihnen als Medienprofi doch bewusst.
Brüderle: Dennoch wiederhole ich: Es ist nur ein Kapitel. Im Übrigen ist es der Vorteil meines jetzigen Status – ich bin der freiste Freidemokrat überhaupt.

„Ich möchte meine Sicht einbringen“

Rainer Brüderle Artikelbild 3

The European: Gerade dann stellt sich die Frage, warum Sie das Buch jetzt so zeitnah veröffentlicht haben: Die FDP befindet sich im Europawahlkampf, der wohl sehr wichtig wird …
Brüderle: … jeder Wahlkampf ist wichtig …

The European: … aber wenn es wieder schiefgeht, …
Brüderle: … auch wenn es die Prozent-Klausel nicht mehr gibt, gilt es, ein möglichst gutes Ergebnis zu erreichen.

The European: Wenn ein schlechtes Ergebnis eingefahren wird, setzt sich die negative Erzählung fort. Sie wollen also schon auch noch mal einen inhaltlichen Akzent setzen?
Brüderle: Ich möchte meine Sicht einbringen. Meine Grundeinstellung ist: In der Demokratie schadet die Wahrheit nicht. Und ich meine, dass es ganz hilfreich ist für die FDP, die Zusammenhänge breiter darzustellen.

„Wir haben Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren“

The European: Also kein Versuch, auf die Neugestaltung der FDP Einfluss zu nehmen?
Brüderle: Nein, da ist eine neue Mannschaft am Zug und ich bin nicht deren Oberlehrer. Aber ich bleibe ein politischer Mensch solange ich lebe. Ich werde weiter auf Kreis-, Landes- und Bundesparteitagen als Delegierter teilnehmen und meine Meinung einbringen. Das ist nicht nur Recht in der Demokratie, sondern Pflicht.

The European: Wie sehen Sie denn die bisherige Entwicklung der Liberalen?
Brüderle: Wir haben Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren. Dies kann man nicht kurzfristig wieder aufbauen, das braucht seine Zeit. Sie verändern Vorstellungen und Einstellungen nicht mit einer Parteitagsrede und drei Talkshow-Auftritten. Aber es wird gelingen.

The European: Was macht Sie optimistisch?
Brüderle: Wir haben heute eine Säkularisierung des Wählerverhaltens. Nicht jeder Katholik wählt CDU, nicht jeder Gewerkschafter die SPD. Die Wechselwählerschaft, die sich unterschiedlich entscheiden, hat erheblich zugenommen, das sind inzwischen 50 Prozent. Das bedeutet auch: Es sind viel mehr Wähler als früher für eine Partei erreichbar.

Das Gespräch ist Teil einer Gesprächsreihe zur Debattenkultur in Deutschland. Bisher erschienen sind Jörg Kachelmann , Thilo Sarrazin und Birgit Kelle.

Brüderle Buchcover
Rainer Brüderle: Jetzt rede ich!
Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg
ISBN 978-3-95768-113-3
EURO 14,95 [D]/15,40 [A]

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Rainer Brüderle: „Ich bin nicht der Oberlehrer, der anderen Zeugnisnoten erteilt“

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