Wer 1989 bewusst erlebt hat, weiß, dass Veränderungen und die Befreiung aus hoffnungslosen Situationen möglich sind. Marianne Birthler

Temporare Empörung

Während Edward Snowdens Enthüllungen hierzulande Wellen der Entrüstung ausgelöst haben, nehmen die Briten die Bespitzelung achselzuckend in Kauf. Fehlt den Deutschen das Vertrauen oder den Briten der Zweifel?

Abgehörte Telefonate, gehackte E-Mail-Konten, gespeicherte Facebook-Konversationen. Wir werden überwacht und das seit Jahrzehnten. Unsere Privatsphäre, unsere Datensicherheit sind uns Deutschen heilig. Und ausgerechnet die Bundesrepublik soll das am meisten ausspionierte EU-Land sein? Unsere eigene Regierung kauft Informationen bei der National Security Agency (NSA)? Edward Snowden, der die ganze Sauerei aufdeckt, bekommt kein Asyl? Die Briten mit ihrem Tempora-Programm sind schlimmer als die Amerikaner und niemand will etwas gewusst haben?

Die deutsche Empörung über die Datenspäh-Affäre der amerikanischen NSA und des britischen Government Communications Headquarters (GCHQ) ist groß. Der Datenklau geht uns Deutschen ans Mark. Zunehmend rückt die Affäre auch als Wahlkampfthema in den Vordergrund und könnte hier ihren Einfluss nehmen.

Britische Gleichgültigkeit

Zur selben Zeit, auf der anderen Seite des Ärmelkanals, dort wo der Skandal begann, als Snowden dem „Guardian“ die Mittel und Ausmaße der amerikanischen und vor allem der britischen Datenspionage preisgab, hält sich die Entrüstung in Grenzen. Die meisten Briten interessieren sich für die gesamte Spähaffäre sogar herzlich wenig. Fragt man einen Engländer, was er von dem Skandal hält, bekommt man Antworten wie: „Ehrlich gesagt, habe ich von der Sache kaum etwas mitbekommen.“ Oder: „Snowden und die GCHQ interessieren hier kaum jemanden.“

Auch aus der einzigen existierenden Meinungsumfrage, die von der Onlinemarktforschungsagentur YouGov zu diesem Thema durchgeführt wurde, geht hervor, dass die Briten der geheimdienstlichen Überwachung mit einer Art resignierter Gleichgültigkeit gegenüberstehen. Die Briten sind Snowden nur leicht positiv gesinnt: Reichlich die Hälfte (52 Prozent) vertritt den Standpunkt, dass er das Richtige getan hat, während 37 Prozent der Meinung sind, er hätte seine Informationen nicht veröffentlichen dürfen. Gleichermaßen geteilter Meinung sind die Briten darüber, ob Snowden bestraft werden soll: 43 Prozent stimmten dafür, 43 Prozent dagegen. Insgesamt waren nur 2 Prozent „sehr überrascht“, dass das GCHQ ihren privaten Internetverkehr aufgezeichnet hat, 83 Prozent waren „überhaupt nicht überrascht“.

Auch in den britischen Medien steht das Thema weitaus weniger im Vordergrund als hierzulande. Findet man bei den hiesigen Zeitungen täglich Artikel zur NSA-Affäre vorne im Blatt, muss man bei den britischen Titeln mit Ausnahme des „Guardians“ schon energischer suchen.
Aber warum bleibt man in Großbritannien so gelassen, während in Deutschland die Debatte am Überschäumen ist? Internet- und Technologieexperte Professor John Naughton der Cambridge University sieht verschiedene Gründe für die britische Unbekümmertheit gegenüber der Verletzung ihrer Privatsphäre. Für ihn spielt hierbei die vermeintliche und von einigen so wahrgenommene ‚besondere Beziehung‘ zwischen Großbritannien und den USA eine entscheidende Rolle: „Die Briten neigen dazu, den politischen Exzessen der USA stets toleranter gegenüberzustehen als denen anderer Nationen wie z.B. Frankreich, Russland oder Deutschland“, sagt er. Diese ‚besondere Beziehung‘ bestünde tatsächlich noch immer zwischen den amerikanischen und britischen Geheimdiensten. Sie werde von vielen als Fortsetzung der geheimdienstlichen Zusammenarbeit aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges gesehen. Es sei daher ganz normal, wenn Großbritannien die Meinungen der USA vertrete.

Falscher Optimismus?

„Für Computersicherheitsexperten hier im Vereinigten Königreich ist das GCHQ nichts anderes als eine Franchise-Organisation der NSA“, sagt Naughton. Der sublime Sinn dahinter rühre von einer mittlerweile illusionären Vorstellung her, dass die Briten noch immer eine Weltmacht seien. Dies scheine den Briten Rechtfertigung genug für die Datenüberwachung zu sein. Außerdem trage die Technikverdrossenheit, die laut Naughton in den britischen Medien sowie bei britischen Politikern vorherrsche, ebenfalls zum allgemeinen Stoizismus bei. „Alles was mit Computertechnologie zu tun hat, ist für viele Briten unverständlich und wird daher lieber den Experten überlassen.“

Doch warum brüskieren sich in Deutschland dann die Laien, Halbwissenden und Experten gleichermaßen und die Briten kaum? In Großbritannien herrscht eine andere Einstellung gegenüber dem Staat. Das Vertrauen in die Institutionen ist größer als hierzulande. Natürlich fehlt den Briten im Gegensatz zu den Deutschen die historische Erfahrung, vom Staat kontrolliert und überwacht zu werden. Gesammelte private Informationen sind dort nie in falsche Hände geraten und gegen sie verwendet worden. In Deutschland scheint das Überwachungsstaatstrauma aus Nazi- sowie Stasi-Zeiten zumindest unbewusst mitzuschwingen.

In Großbritannien braucht man keine Verfassung, keinen Personalausweis, Packungsbeilagen werden nicht gelesen. Ohne jegliche Fremdbestimmung in ihrer Geschichte genießen die Briten eine andere, freiere, vertrauende Mentalität, einen Optimismus darüber, dass die Dinge schon ihre Richtigkeit haben werden. Während es den Deutschen viel mehr ums Prinzip geht – auch wenn die NSA die eigene E-Mail wahrscheinlich nicht gelesen hat, die schiere Möglichkeit der Kontrolle ist nicht rechtens – sind die Briten glücklich, solange sie nicht aktiv ihrer Freiheiten beraubt werden. CCTV-Kameras sind für sie kein Problem, einschränkende Regulationen wie Personalausweise oder eine kodifizierte Verfassung schon eher. Für Snowden ist das schade. Er hatte sich eine größere britische Aufmerksamkeit erhofft, aber diese kommt bereits dem königlichen Sprössling zu.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Michal, Aleksandra Sowa, Karolina Golimowska.

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