Längst ist es zum Geschäftsmodell geworden, bewusst Urheberrechte und Persönlichkeitsrechte zum Erheischen von Aufmerksamkeit – die eine monetarisierbare Reichweitensteigerung mit sich bringt – zu verletzen. Der Boulevard verschafft sich regelmäßig mit Stigmatisierung von Minoritäten einen finanziellen Vorteil auf Kosten anderer. War es also nur eine Frage der Zeit, oder hat sich RTL jetzt dafür schlicht den falschen Gegner ausgesucht?
Das RTL-Format „Explosiv“, welches feinste Gossengülle versprüht und von Journalismus etwa so weit entfernt ist wie der Mund vom After, meinte einen, nach eigener Einschätzung des Autors Tim Kickbusch, „lustigen“ Beitrag über die Computerspielmesse GamesCom ausstrahlen zu müssen. Dafür bewarf man Begeisterte der Kulturguttechnik des Computerspielens mit Dreck und charakterisierte sie mit billigen Vorurteilen.
Ein Fäkalsturm für RTL
Doch offensichtlich hat man sich beim Anpinkeln in die falsche Richtung gestellt, da sich daraufhin ein Fäkalsturm über RTL und seine Handlanger ergoss. Auch wenn RTL jetzt zurückrudert und versucht, sich zu entschuldigen, die Diskreditierten scheinen diese Entschuldigung nicht ernst zu nehmen, da Tim Kickbusch erst nochmals nachlegte: „Ich persönlich glaube, GamesCom-Besucher und Computerspieler sind ein humorloser Menschenschlag.“
Wie humorlos RTL selbst ist, zeigt sich am lächerlichen Versuch, über das Urheberrecht eine Satire von Giga zensieren zu wollen. Vom Streisand-Effekt hat man beim Sender offensichtlich noch nichts gehört, sonst hätte man gewusst, dass dies gründlich in die Hose gehen musste, das Video nicht wieder verschwinden würde und noch mehr Aufmerksamkeit für diese Peinlichkeit generiert werden würde.
„Nun können sich Gamer viral, online usw. ,wehren‘, aber es zeigt sich einmal mehr wie Fernsehen (vor allem, aber nicht nur) bei privaten Sendern ausschließlich darauf ausgerichtet zu sein scheint, vermeintliche oder tatsächliche ,Randgruppen‘ zu stigmatisieren. Es geht bei RTL nicht, aber auch gar nicht um Informationen, geschweige denn Journalismus, sondern fast nur noch um Empörungsauslösung: ,Mein Gott, guck dir mal diese Gamer/Messis/Ostberliner/Hartzler/Bauern/Singles an!‘“, kommentiert teekay treffend.
Zweifelsohne handelt es sich hierbei nicht um einen Ausrutscher – einen bedauerlichen Einzelfall. Es lebt doch mittlerweile eine ganze Branche von der Erniedrigung und der Selbsterniedrigung von zum Teil minderjährigen Opfern. Getrieben von Voyeurismus und dem permanenten Versuch, die Latte des guten Geschmacks kontinuierlich herabzusetzen, ist unter den Boulevardmedien ein Kampf um die Dummen im Lande entbrannt: um jene, die Derartiges mit sich machen lassen und solche, die so blöd sind, mit ihrem Mediennutzungsverhalten der in Kauf genommenen Menschenverachtung eine Existenz zuzugestehen.
„Mitten im Leben“
Selbst wenn es anscheinend vom Niveau nicht mehr weiter nach unten gehen kann, bedient man sich des Tricks einer Fiktion, die für den Betrachter kaum zu erkennen ist und dem vermeintlichen Amateurschauspieler genau deshalb nichts hilft und ihn zum Opfer der Projektion der Widerwärtigkeit von Skripted-Reality-Autoren macht. Menschen, die sich darauf einlassen, sind die Idioten, die sich später vor Freunden, Nachbarn und Bekannten für gedankliche Ausgeburten der Macher rechtfertigen dürfen. Sie müssen sich dann für Dinge verantworten, die sie nie getan, sondern lediglich gespielt haben. Bei RTL heißt eines dieser Formate euphemistisch: „Mitten im Leben“.
Allein die Verantwortlichen der Formate geben sich gern als Saubermänner, sind die Ersten beim Zeigen auf andere und dem Ruf nach Recht und Ordnung. So ist der Verweis auf den Rechtsweg bei sich hoffentlich nicht wehrenden Opfern wenig verwunderlich und deshalb beliebt. Wirtschaftlich muss das immer noch akzeptabel sein, da Dietrich von Klaeden (Axel Springer AG) ebendies Stefan Niggemeier gegenüber angeboten hatte. Niggemeier hatte vorgeschlagen: „Wir können natürlich gern darüber reden, dass auch Axel Springer eine Stiftung für Medienkompetenz gründet. Aber der Anfang wäre doch erst mal, dass die ,Bild‘-Zeitung sagt, sie hält sich an das Urheberrecht und klaut diese Fotos nicht aus Facebook, sie hält sich an den Persönlichkeitsschutz und verstößt nicht gegen diese Rechte …“
Die Anrufung der zuständigen Landesmedienanstalt mit mehreren Tausend Beschwerden bezüglich des Beitrags von „RTL-Explosiv“ scheint für die Gamer nicht den gewünschten Erfolg gebracht zu haben. Aber der Boulevard sollte die Leute nicht unterschätzen, es könnte ihn auf die Dauer teuer zu stehen kommen, nicht nur im Hinblick auf Klagen, die tatsächlich gegen ihn angestrengt werden.
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