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„Dieses Jahr wird es anders“

Er ist die Stimme des Eurovision Song Contests. Im Interview mit Alexandra Schade spricht Peter Urban über das Ausrichterland Aserbaidschan, den europäischen Charakter des Wettbewerbs und die Chancen von Roman Lob.

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The European: Der Eurovision Song Contest findet dieses Jahr in Aserbaidschan statt. Über das Land wird deutlich mehr berichtet als über die Gastgeber der vergangenen Jahre; überwiegend kritisch. Was sind Ihre Erwartungen an den Wettbewerb?
Urban: Der Ablauf an sich ist natürlich immer der gleiche. Man fährt da hin, schaut sich die Proben an, geht ins Pressezentrum, informiert sich, schreibt seine Texte und kommentiert dann die Sendung. Das wird in diesem Jahr natürlich anders sein, weil die Aufmerksamkeit im Hinblick auf die Bürgerrechts- und Menschenrechtsfrage viel größer ist als in Ländern, wo es hinsichtlich dieser Punkte keine Diskussion gibt.

Wir haben hier aber ein grundsätzliches Problem: Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat die EBU sehr viele Länder aufgenommen, die sich zu Europa zählen. Es spielte keine Rolle, ob der Demokratisierungsprozess schon abgeschlossen war oder ob es Probleme im Übergang von den Sowjetrepubliken hin zu nationalen Republiken gab. Diese Länder wurden aufgenommen und können damit auch am Eurovision Song Contest teilnehmen. Und wenn sie teilnehmen, müssen sie natürlich auch gewinnen und dann diese Veranstaltung ausrichten dürfen. Insofern ist das eigentlich ein ganz normaler Fall.

The European: Der Wettbewerb ist natürlich zuerst eine Musik- und Unterhaltungsshow, aber er findet ja nicht im luftleeren Raum statt.
Urban: Richtig. Man muss natürlich beobachten, was um die Veranstaltung herum vor sich geht. Und die ARD tut das sehr intensiv. Über Aserbaidschan und die politischen Zustände ist sehr viel berichtet worden, auch weiterhin wird darauf ein Augenmerk liegen. In anderen Ländern ist das gar nicht der Fall. Die Aufmerksamkeit, die das Land durch den Eurovision Song Contest erhält, hat auch etwas Positives. Viele Bürgerrechtler in Baku sagen: „Wir wollen nicht zum Boykott aufrufen. Bitte kommt unbedingt. Ihr sorgt dafür, dass unsere Probleme bekannt werden.“ Ob wir dadurch helfen, wird sich erst in der Zukunft erweisen. Wir kommentieren und berichten aber in jedem Fall.

„Ich versuche das zu sagen, was viele Leute zu Hause denken“

The European: Wie schwierig ist es für Sie als Kommentator, während der Sendung neutral zu bleiben? Unter Umständen beeinflussen Sie mit dem, was Sie sagen, die Zuschauer und somit auch zu einem Teil die Entscheidung.
Urban: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich irgendjemanden beeinflussen kann. Ich versuche das zu sagen, was viele Leute zu Hause denken. Dabei geht es oft weniger um die musikalische Qualität, sondern eher um das Kostüm, ob die Vorstellung lustig oder peinlich, amüsant oder eindrucksvoll ist. Natürlich kann man auch persönliche Meinungen nicht ganz unterdrücken. Wenn ich jemanden ganz überragend finde und richtig beeindruckt bin, werde ich das schon äußern. Aber ich werde niemanden abwerten oder total überbewerten. Auf der anderen Seite wäre eine völlig neutrale Kommentierung der Veranstaltung gruselig langweilig. Man muss also schon ein paar Meinungen äußern und auch durchaus ein paar ironische Bemerkungen machen.

The European: Welchen Stellenwert hat der Wettbewerb in der europäischen Kulturlandschaft?
Urban: Ich glaube, er hat einen extrem hohen Stellenwert, der bei uns gar nicht so gesehen wird. Aber gerade in den vielen jungen aufstrebenden Ländern, die neu dazugekommen sind, hat er eine große Bedeutung. Die fühlen sich wirklich als Teil einer europäischen Gemeinschaft. In diesem Fall ist es eine Popgemeinschaft. Deswegen werden auch alle Ressourcen auf die Beine gestellt, um beim Contest das Bestmögliche anzubieten.

The European: Entsteht an diesem einen Abend im Jahr so etwas wie ein europäisches Gemeinschaftsgefühl?
Urban: Auch wenn man das von hier zu Hause vielleicht nicht so wahrnimmt: Der Eurovision Song Contest ist eine europäische Veranstaltung, die uns wirklich vereint. Das klingt ein bisschen bombastisch, ist aber in der Tat so. Vor Ort sind 2000 Delegationsmitglieder aus 42 Ländern; Musiker, Funktionäre, Journalisten. Da gibt es sehr viel wirkliches Interesse füreinander und zueinander, das es sonst einfach nicht geben würde. Auch unter uns Kommentatoren. Ich finde, es ist eine große Gelegenheit, sich wirklich vereint zu zeigen. In Deutschland denkt man immer, das sei nur eine Musikveranstaltung, wo alle rumhüpfen. Im Gegenteil: Man kommt wirklich in Kontakt mit Leuten aus Ländern, mit denen man sonst überhaupt nichts zu tun hat. Ich habe davon sehr viel profitiert und kann das wirklich immer nur unterstützen.

The European: Warum ist die Begeisterung in Deutschland nicht so groß wie in den anderen Ländern? Liegt das vielleicht daran, dass wir als Teil der „Big Five“ automatisch fürs Finale qualifiziert sind?
Urban: Das kann sein. Das geht in Deutschland immer in Wellen. Mal ist das Interesse übergroß, wie im Lena-Jahr, mal ist es weniger groß. Damit muss man leben. Eigentlich können wir hochzufrieden sein. Die Einschaltquoten der vergangenen Jahre waren bombastisch.

Für ein großes Land wie Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern ist solch ein Wettbewerb natürlich nicht so von nationaler Wichtigkeit wie in einem Land mit nur fünf Millionen Einwohnern, das sich in einem großen Europa mal zeigen kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Was war die Begeisterung in den Ländern groß, als der Wettbewerb in Estland (2002) und Lettland (2003) ausgerichtet wurde. Da haben wir es in Deutschland ein bisschen schwerer. Ich muss aber auch sagen, dass Düsseldorf voriges Jahr richtig klasse war.

„Der Siegertitel hat immer Stimmen aus allen Teilen Europas bekommen“

The European: Sie haben schon eine Menge gesehen. Welches Lied, welche Mischung kommt denn am besten an? Können Sie da irgendwelche Trends ausmachen oder ist das jedes Jahr anders?
Urban: Es gibt natürlich kein Rezept, sonst könnte man sich ja ganz einfach einen Siegertitel basteln. Als allgemeine Regel gilt aber, dass der Siegertitel irgendetwas haben muss, was alle Menschen aus Nord-, Süd-, West-, Osteuropa vereint und ihnen ans Herz geht. Der Siegertitel hat immer Stimmen aus allen Teilen Europas bekommen, wenigstens mittlere Punkte aus jedem Land. Mit Beeinflussung von Freundes- oder Nachbarländern ist da nix zu machen. Die letztjährigen Gewinner, Ell & Nikki aus Aserbaidschan, hatten eine allgemein gültige Popnummer. Die war zwar nicht spektakulär, hat aber einen gemeinsamen Nenner getroffen. Bei Lena im Jahr davor waren es die Ausstrahlung und das Charisma, gepaart mit einer ganz attraktiven Nummer. Der Siegertitel ist in jedem Jahr ein bisschen anders. Ich weiß zum Beispiel nicht, wer in diesem Jahr gewinnt.

The European: Wer sind Ihre Favoriten? Welche Titel haben in diesem Jahr das Potenzial, Menschen in ganz Europa zu vereinen?
Urban: In diesem Jahr geht der Trend einerseits in Richtung einer Rückkehr zur Dance-Musik, also diese typische Eurodance-Stampfmaschine mit so einer hymnischen Gesangsmelodie darüber. Das kann einem auch ein bisschen auf die Nerven gehen. Auf der anderen Seite gibt es ein paar sehr attraktive Tanznummern. Aus der Ukraine z.B., was eigentlich mehr ein Willkommenslied zur Europameisterschaft ist. Der schwedische Titel ist auch ein sehr attraktiver Tanztitel, ebenso der norwegische. Manchmal denkt man, David Guetta hätte Kinder bekommen und sie überall verteilt. Nur sind sie nicht so richtig gelungen wie der Papa.

The European: Es gibt aber auch immer wieder eher traditionelle Nummern. In diesem Jahr sind ja die russischen Großmütter in aller Munde.
Urban: Ich finde das Traditionelle eigentlich auch immer sehr positiv, auch wenn die reinen Ethno-Nummern dieses Jahr sehr in der Minderzahl sind. Portugal zum Beispiel mit seinem traditionellen Fado. Man wundert sich, dass die immer wieder so etwas einreichen, aber das Publikum stimmt das ja ab. Und das ist die Art von Musik, die dieses Land liebt und deswegen schicken sie das dann eben auch zum Eurovision Song Contest. Die denken nicht darüber nach, dass das vielleicht international keine Chance hat. Es ist einfach schöne Musik.

Die russischen Omas sind ein Sonderfall. Das ist eine Mischung aus Comedy-Act und ernst zu nehmendem Act, der Wohltätigkeitsaufgaben erfüllt. Die sammeln Geld für ihre Kirche und andere Wohltätigkeiten zusammen mit anderen Künstlern. Dadurch sind sie im Land bekannt geworden. Ich sehe das als ganz attraktive Nummer.

„Ich glaube, dass er eine gute Chance im Wettbewerb hat“

The European: Um eine Frage zu Roman Lob kommen Sie natürlich nicht herum: Wie wird er Ihrer Meinung nach abschneiden? Wie gut ist „Standing Still“ im europäischen Vergleich geeignet?
Urban: Zwischen den vielen Tanznummern, einer Reihe von Balladen und ein paar ethnisch angehauchten Nummern gibt es kaum normale Mainstream-Pop-Nummern, die man sonst im Radio hören würde. Da sticht unser Lied mit Roman Lob heraus. Er singt es hervorragend. Das Stück ist ein sehr gutes, sehr internationales Pop-Lied, solide, gut arrangiert und er wird sicherlich eine gute Performance abliefern. Das Lied ist eine echte, positive Alternative in diesem Wettbewerb. Ich will jetzt nicht auf irgendwelche Platzierungen wetten; unter den ersten zehn wäre schön. Es wird keine Performance mit Rauch und Nebel auf der Bühne oder tanzenden Go-Go-Girls sein. Das finde ich aber sehr wohltuend und ich glaube, dass er eine gute Chance im Wettbewerb hat.

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