An einigen Stellen sind die Löhne inzwischen sittenwidrig. Franz Müntefering

Dient Deutschland!

Die Wehrpflicht ist nicht einfach eine Bürde. Sie bietet jungen Menschen Erfahrung und Orientierung für das spätere Leben. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht sollte man endlich “Wehrgerechtigkeit” herstellen und allen die Chance eröffnen, durch freiwilliges Dienen den eigenen Horizont zu erweitern.

Erst war “nur” eine Verkürzung des Wehrdienstes auf sechs Monate geplant, doch dann stellte der Verteidigungsminister die Wehrpflicht selbst auf den Prüfstand. So rückt deren Ende wieder näher. Bis auf CDU/CSU sowie Teile der SPD diskreditieren inzwischen alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien zudem Wehr- und Zivildienst als “Zwang”, der jungen Menschen Lebenszeit raube.

Diese Sichtweise ist bedenklich, weil eine freiheitliche Demokratie darauf angewiesen ist, dass ihre Bürger aktiv für die staatliche Ordnung eintreten. Hinzu kommt: Viele Zivildienstleistende und Wehrpflichtige erleben ihren Dienst als Chance, sich zu qualifizieren, finden oft sogar eine Orientierung für ihr späteres Leben. Wehr- und Zivildienst sind Lerndienste, die neben der Pflichterfüllung Perspektiven eröffnen.

Darin offenbart sich die Schwäche der Wehrpflicht: junge Frauen und die ausgemusterten jungen Männer werden nicht herangezogen. Folglich profitieren sie auch nicht von den Erfahrungen, die ein Teil ihrer Generation macht. Die Alternative, eine einjährige Dienstpflicht für alle, ist zwar keine schlechte Idee, ist aber – abgesehen von verfassungsrechtlichen Bedenken – kaum mehrheitsfähig.

Neue Einsatzfelder erschließen

Darum ist es konsequent, den Blick stärker auf die Förderung des freiwilligen Dienens zu richten. Wenn junge Männer in ihrer persönlichen Entwicklung von der Dienstzeit profitieren, dann gilt dies auch für die gut 40.000 jungen Menschen, die jährlich ein Freiwilligenjahr absolvieren. Ähnlich viele haben Interesse an einem freiwilligen Dienst, finden aber keine Einsatzmöglichkeit. Wir können uns das eigentlich nicht leisten. Das bürgerschaftliche Engagement junger Menschen in den Freiwilligendiensten wird zudem künftig durch den demografischen Wandel “gefährdet”, wenn es uns in den nächsten Jahren nicht gelingt, eine neue Freiwilligenkultur zu entwickeln. Unternehmen müssen erkennen, dass Bewerberinnen und Bewerber, die in ihrem Lebenslauf ein Freiwilligenjahr vorweisen, soziale Kompetenzen mitbringen, die sie zusätzlich qualifizieren. Und für die jungen Menschen selbst bedarf es neben dem sozialen Freiwilligenjahr neuer Einsatzfelder in den Bereichen Kultur, Sport und Bildung, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen.

Ein Bereich darf bei einem solchen Modell nicht vergessen werden: der Wehrdienst. Natürlich sollte die Bundeswehr jungen Männern und Frauen auch künftig die Möglichkeit geben, ein Jahr als “Einjährigfreiwillige” ihren Dienst in der Truppe zu leisten. Das Aussetzen der Wehrpflicht wäre also nicht das Ende, sondern vielmehr eine Chance, Wehrdienst und Zivildienst intelligent als freiwilligen Dienst für unser Land weiterzuentwickeln.

Eine sichere Investition

Am Ende dieser Entwicklung steht das freiwillige Dienstjahr als – um es an dieser Stelle einmal altmodisch aber doch wahrheitsgemäß zu formulieren – Ehrendienst für unser Land und unsere Gesellschaft. Was wäre so schlimm daran, wenn es “zum guten Ton” gehören würde, dass junge Menschen eine Zeit ihres Lebens nicht nur in den Dienst der Gesellschaft stellen, sondern dieses Jahr zusätzlich ganz bewusst für sich selbst als erweitertes Bildungsjahr nutzen würden? Dann bekäme der Satz “Haben Sie gedient?” in Vorstellungsgesprächen eine ganz andere, auf einmal unheimlich moderne Bedeutung. Wem dieser Zugang zu patriotisch klingt, für den kann man es wie folgt formulieren: Die Rendite einer so verstandenen Freiwilligenkultur für Deutschland ist sensationell. Und es ist in jedem Fall eine absolut sichere Investition.

Leserbriefe

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    Ralf Köhl – 21.07.2010 - 12:13

    Lieber Herr Tauber!Nach den drastigen Kürzungen ihrer Partei im Sozial und Familienbereich versuchen sie nun uns ein Freiwilligenjahr zu verpassen.Die Einsatzfelder unserer Jugend sollen ihrer Aussage nach in Kultur, Sport und Bildung liegen.Sie apellieren an den Patriotismus unserer Jugend um möglichst billig die fehlenden Stellen zu besetzen die sie aus Kostengründen eingespart haben.Sie gehen sogar noch weiter, sie fordern eine Bevorzugung derer die es absolvieren mit dem Hinweis auf den Ehrendienst für Deutschland.Auf der einen Seite nehmen sie der Jugend die Bildungschancen und Gleichheit, schieben sie auf ein soziales Abstellgleis, fordern aber auf der anderen Seite ein soziales Engagement. Wie naiv sind sie? bzw für wie naiv halten sie die Jugend. Was haben sie unseren Kindern gegeben das sie sich jetzt hinstellen um etwas zurück zu fordern.Fordern sie doch mal Patriotismus und soziales Verhalten von denen, denen sie die letzten 40 Jahre ein sorgenfreies Leben auf Kosten anderer ermöglicht haben( und damit meine ich sicher nicht die Arbeitlosen, Arbeiter, Mittelstand und Rentner).Wenn ich ihren Artikel als Anstandlos beschreibe, ist die eine grosse Untertreibung.

  • Theeuropean-placeholder
    RMR – 21.07.2010 - 19:37

    Peter Tauber geht einen interessanten Weg in der Debatte um die Wehrpflicht. Er denkt nicht nur über die aktuelle Situation bezüglich Wehr- und Zivildienst nach, sondern überlegt, wie man den bisherigen Problemen der Wehrgerechtigkeit und der steigenden Kosten im Sozialsystem begegnen kann. Er entwirft das Bild einer Dienstpflicht, die sich beider Probleme annimmt.
    Nach seiner Argumentation hätte man durch die Einführung der Dienstpflicht wieder “Wehrgerechtigkeit” und kein Zufallsprinzip mehr. Heute wird nur noch gezogen wer Pech hat. Die Wehrgerechtigkeit ist nicht mehr existent und zahlreiche Verkürzungen haben Wehr- und Zivildienst auch nicht gerade gut getan. Peter Tauber zeigt einen alternativen Weg auf. Nach Taubers Vorschlag wären wieder alle jungen Menschen gleich, sogar Männer und Frauen.
    Er macht aus der Abschaffung des Wehrdienstes etwas Neues, etwas Besseres und bringt eine allgemeine Dienstpflicht ins Gespräch. Meiner Meinung nach eine gute Idee. Kann man doch so den Ethos des Dienens vermitteln, man kann jungen Menschen Erfahrungen vermitteln, die sie mit Geld nicht kaufen können. Es geht bei der Dienstpflicht schließlich um mehr, als Pflegekräfte und den Ersatz für Zivildienstleistende. Es geht darum, jungen Menschen Handlungsoptionen aufzuzeigen und dafür zu sorgen, dass man dem heute oft beschworenen Verlust an Empathie bei jungen Menschen begegnet.
    Der Meinung, dass möchte ich die Aussagen des großen deutschen Soziologen Max Webers entgegenhalten, der sich gerade von den Laienkrankenschwestern und Laienpflegern besonders angetan zeigte, weil er hier das besondere Verhältnis zwischen zwei Menschen spürte und deutlich sah, dass es in manchen Situationen nicht nur um die fachliche Qualifikation, sondern gerade die zwischenmenschlichen Inhalte geht.

  • Theeuropean-placeholder
    inti – 21.07.2010 - 16:21

    Herr Tauber,

    welches unternehmen will denn soziale menschen? also weder im einkauf, noch im vertrieb und erst recht im marketing ist mit denen doch nichts anzufangen ;) und als führungskräfte taugen soziale menschen doch auch nichts. klar für einfache arbeiten, so wie sie sie andenken im sport, kultur und bildungsbereich taugen sie, da sie das machen was sonst keiner mehr machen will für das bisschen geld das dort investiert wird. der staat sollte anständig zugreifen bei denen die geld verdienen … spitzensteuersatz 65% ab 180.000€ dann ist auch geld da für fähiges personal in sport, kultur und bildung und wir brauchen keine laien die vor sich hin werkeln

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    Michael Kastner – 21.07.2010 - 19:55

    Sehr geehrter Herr Dr. Tauber,

    ich möchte Ihnen herzlich für ihren Beitrag danken. Ich bin sehr froh darüber, dass endlich ein Politiker Perspektiven aufzeigt und sich nicht völlig mit der Verwaltung der bestehenden Mängel aufhält.

    Sind wir doch mal ehrlich: Das monentane Musterungsverfahren ist ein Witz. Die jungen Männer werden nach einem ziemlich willküren System für Tauglich oder “nicht ausreichend” tauglich bewertet. Wer Glück hat ist in einem geburtenstarken Jahrgang aufgewachsen und wird nicht gezogen, wer Pech hat, muss in einem anderen Jahr bei gleicher Gesundheit dienen.

    Damit will ich nicht das Dienen als solches kritisieren, sondern die von Ihnen beschriebene Wehr(ung)gerechtigekti. Es wird Zeit, dass hier endlich etwas passiert.

    Die Idee der allgemeinen Dienstpflicht überzeugt mich dabei voll und ganz. Natürlich wird es ganz häufig so sein, dass direkt Betroffene nicht gerade glücklich über eine Dienstpflicht sind. Aber heute ist es doch auch schon so, dass ehemalige Wehrpflichtige oder Zivis erst nach Jahren die Erfahrungen ihres Dienstes zu schätzen lernen.

    Bei der gesamten Debatte sollten wir nur dringend aufhören, die allgemeine Dienstpflicht zu zerreden, weil sie angeblich nur aus finanziellen Gründen verwirklicht wird. Es geht doch um viel mehr. Es geht um einen Beitrag für das eigene Land, für die eigene Gesellschaft und für die Mitmenschen. Ein Beitrag für ein soziales Miteinander und für ein gesteigertes Verantwortungsgefühl. All das kann die allgemeine Dienstpflicht bewirken. Herr Tauber, bleiben Sie am Ball!

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    – 21.07.2010 - 20:23

    Was soll das Gerede, dass den Leuten in Deutschland die Bildungschancen genommen wird? Wir investieren jedes Jahr mehr Geld in Bildung und Ausbildung. Woher soll denn bitte noch mehr Geld dafür kommen? Im Übrigen sollte man vielleicht auch einfach mal an die Eigenverantwortlichkeit der Menschen in diesem Bereich appellieren. Wir machen es uns viel zu einfach, wenn wir immer nur nach Vater Staat rufen statt einmal selbst zu überlegen, wie wir etwas verbessern können. Engagement und selbständiges Handeln werden uns eher aus der Krise führen als dieses Gejammer über die Politik. Was ist daran so schlimm, wenn sich zehntausende junge Leute zu einem FSJ o.ä. entschließen und damit einen Beitrag für die Gesellschaft leisten? Gar nichts! Im Gegenteil. Wer einen solchen Beitrag leistet, zeigt, dass es sich mit unserem Staat identifiziert und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Und die Unternehmen werden sich in ein paar Jahren gerade solche Menschen aussuchen, weil sie Mitarbeiter brauchen, die verantwortungsbewusst sind. Spätestens wenn in ca. 5 Jahren die demografische Entwicklung uns einen Fachkräftemangel beschwert, werden auch soziale Kompetenzen eine größere Rolle spielen.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan B. – 03.08.2010 - 15:30

    Herr Zeidler, besser hätte man es nicht formulieren können. Die “Schuld” bei den Politikern abzuladen ist aus meiner Sicht nicht korrekt, denn wie ich schon in einem anderen Kommentar – und als Antwort auf Herrn Ralf Köhl – geschrieben habe, ist es in erster Linie Pflicht der Eltern und des sozialen Umfelds, gefolgt von der Schule, den jungen Menschen Werte zu vermitteln.

    Ich glaube nur nicht, dass ein freiwilliges soziales Jahr (im Moment) funktioniert. Vielmehr sollte es ein Pflichtjahr für jeden geben, gleichgültig welchen Geschlechts, Religion etc. – sofern natürlich gesundheitlich in der Lage. Somit lernt jeder, dass es in einer Gemeinschaft nicht nur ums “nehmen” geht. Ich habe die Befürchtung, dass bei dem heute aufgezwungenen Egoismus sich viele gegen diesen freiwilligen Dienst entscheiden würde. Ein Pflichtdienst würde die Diskussion nicht aufkommen lassen – und da ihn jeder leisten müsste, wäre eine Gerechtigkeit weitestgehend sichergestellt.

    Ich persönlich habe meinen Wehrdienst bewusst und freiwillig geleistet und ich habe dabei viel gelernt, vor allem Toleranz und Teamwork – das klingt jetzt für viele BW-Kritiker wahrscheinlich seltsam, aber es ist so. Und selbst heute bin ich freiwillig Reservist der deutschen Bundeswehr – nicht, weil ich auf Kriegsspiele stehe, sondern weil ich so auch eine gute Gelegenheit sehe, eben jenes zu vermeiden. Durch aktive Einbringung und Diskussion mit anderen, egal ob Soldat oder Zivilist. Leider wird man als Reservist oft mitleidig angeschaut oder schlimmer noch, in die rechte Ecke abgestempelt.

  • Theeuropean-placeholder
    Fridolin Pflugmann – 21.07.2010 - 23:04

    Sehr konsequent logiche Argumentation. Das Jahr als freiweillige Weiterbildungsmaßnahme zu sehen, entspricht auch meinen Vorstellungen.

    Keine sinnlose Zuteilung, die weder der Gesellschaft, noch der Bundeswehr hilft, sondern eine freiwillige qualifikationsorientierte Verwendung von jungen Bürgern.

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