Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

„Wir müssen vorsichtiger mit unserer Vorsicht umgehen“

Der Ethikphilosoph Peter Singer glaubt an den Fortschritt – Verweigerung hält er für fatal. Nur bei Trash-TV versteht er keinen Spaß, wie Lars Mensel und Max Tholl erfuhren.

The European: Herr Singer, haben wir ein gesundes Verhältnis zur Technologie?
Singer: Auf so eine allgemeine Frage gibt es keine klare Antwort.

The European: Wir stellen fest, dass gerade hier in Deutschland viele Menschen technologischem Wandel skeptisch gegenüberstehen.
Singer: Was ich sagen wollte, ist, dass wir vorsichtiger mit unserer Vorsicht umgehen müssen. Unser Umgang mit der Technologie im Großen und Ganzen macht mir keine Sorgen – eher unser Umgang mit spezifischen Technologien. Technik-angst als Grundhaltung ist ein Fehler!

The European: Wieso fürchten sich so viele Menschen vor Fortschritt?
Singer: Ich bin weder Soziologe noch Psychologe und habe demnach auch keine Antwort. Ich vermute, dass wir uns allgemein vor Ungewissheit und Änderungen fürchten. Aber das ist nur Spekulation und nicht aussagekräftig.

The European: Könnte es sein, dass uns Menschen diese Angst innewohnt? Seit jeher fürchteten sich Menschen vor Erfindungen wie beispielsweise dem Feuer …
Singer: Wie können Sie das behaupten? Es gibt keinen historischen Beleg dafür, dass Menschen sich vor dem Feuer fürchteten. Wie können Sie behaupten, dass Skepsis herrschte?

The European: Wir mutmaßen …
Singer: Mutmaßungen sind hier fehl am Platz.

„Es wird Zeit, diese ideologische Opposition aufzugeben“

The European: Dann lassen Sie uns über ein anderes, besser dokumentiertes Beispiel reden. Im Zuge der industriellen Revolution zerstörten die englischen Ludditen Webstühle und Dampfmaschinen, da sie durch diese ihre Arbeit bedroht sahen.
Singer: Das Beispiel zeigt, dass es beim Fortschritt immer Verlierer gibt. In diesem Fall diejenigen, die Textilien per Hand verarbeiteten oder Güter mit Pferden transportierten. Andere wiederum haben von den Dampfmaschinen und neuen Webstühlen profitiert, da Güter nun schneller hergestellt und transportiert werden konnten. Im Großen und Ganzen hat dieser Fortschritt der Gesellschaft aber nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.

The European: Die potenziellen Verlierer kritisieren am lautesten.
Singer: Natürlich, das ist ja auch verständlich. Sehen Sie sich die heutige Technologie an: Die großen Telefonbetreiber verdienten früher enorm an den Auslandsgesprächen ihrer Kunden. Dann kam Skype und ermöglichte es, kostenlos ins Ausland zu telefonieren. Aber nur, weil das den Betreibern nicht passt, heißt das noch lange nicht, dass diese Entwicklung schlecht war.

The European: Die Erkenntnis, dass eine Entwicklung der Mehrheit zugute kommt, verursacht eine Trendwende: Aus Skepsis wird Akzeptanz. Das Telefon wurde anfangs gefürchtet, heute ist es unverzichtbar.
Singer: Ich bin nicht sicher, ob das immer so ist. Dazu müsste man die Geschichte der jeweiligen Technologie studieren. Ich habe aber meine Zweifel daran, dass Leute sich vor dem Telefon gefürchtet haben.

The European: Nehmen wir ein kontroverseres Thema. Sie haben viel zu gentechnisch veränderten Organismen (GMOs) geschrieben. Das ist eine Technologie, die noch immer in den Kinderschuhen steckt – und trotz erkennbarer Vorteile auf gewaltigen Widerstand stößt.
Singer: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Versuche, Schweine genetisch zu verändern, damit ihre Organe als Spenderorgane für Menschen in Frage kommen, hatten furchtbare Konsequenzen. Die Tiere trugen allerlei Gesundheitsschäden davon und Spenderorgane konnten auch nicht gewonnen werden. Das ist die eine Seite der Geschichte.

The European: Und die andere?
Singer: Genetisch veränderter Mais ist in den USA weitestgehend akzeptiert und verbreitet. Aber der sogenannte Goldene Reis, ein genetisch veränderter Reis mit erhöhtem Vitamin-A-Gehalt, stößt noch auf Widerstand. Dabei könnte er vielen Menschen in ärmeren Ländern das Leben retten! Es gibt derzeit wenige Hinweise darauf, dass Goldener Reis schädlich ist. Trotzdem hat er sehr gut organisierte Gegner, die die Zulassung auf Biegen und Brechen verhindern möchten. Natürlich muss man damit vorsichtig sein – aber die bisherigen Untersuchungen haben nur wenig Grund zur Sorge gegeben. Es wird Zeit, diese ideologische Opposition aufzugeben und dem Fortschritt den Weg frei zu machen.

The European: Ist es moralisch vertretbar, neue Technologien zu verbieten, wenn die potenziellen Vorteile Leben retten könnten? Wer gibt uns die moralische Autorität, diese Entscheidungen zu treffen?
Singer: Jemand muss entscheiden und ich finde es ja gut, dass es Gegner von GMOs gibt. Den Herstellern solcher Organismen komplett freie Hand zu lassen, wäre falsch. Nationale Regierungen oder besser noch internationale Einrichtungen müssen entscheiden, was gut und was schlecht ist.

The European: Haben diese denn die nötige Fachkenntnis und Autorität?
Singer: Die EU kann Saatgut verbieten, das in der Ukraine angebaut wird. Das wird den Wind aber nicht daran hindern, den Samen dieser Pflanze bis nach Polen zu wehen. Deshalb greifen einfache politische Entscheidungen hier zu kurz. Man muss das wissenschaftlich regeln. Vor allem muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmen: Sind die Nutzen groß, müssen auch die potenziellen Kosten entsprechend groß sein, um ein Verbot zu legitimieren.

The European: Bei der Debatte um die Atomenergie scheint es, als ob die Opposition nicht von den potenziellen Gefahren ablassen will.
Die Atomenergie ist ein interessantes Beispiel. Sie hat klare Vorteile und das wird uns in Zeiten des Klimawandels immer bewusster. Die Gefahren sind natürlich ebenfalls enorm – wie Tschernobyl und Fukushima gezeigt haben. Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Einführung der Atomenergie ein Riesenfehler war.

The European: Weil die Risiken überwiegen?
Singer: So würde ich das nicht stehenlassen. Wir wissen ja auch, dass der Klimawandel eine enorme Bedrohung darstellt und Atomenergie klimafreundlicher ist als Braunkohle. Die Risiken sind weiterhin groß, aber mittlerweile lernen wir, damit umzugehen. Sollten wir zukünftig nicht deutlich mehr in erneuerbare Energien investieren – und davon ist momentan nicht auszugehen – bleibt die Atomenergie die klima-freundlichste Energiequelle.

„Skeptiker sind Mörder“

The European: Jede Technologie wirft schon bei ihrer Einführung einen Schatten und es ist schwer abzusehen, für welche Zwecke sie einmal genutzt wird. Wie geht man mit dieser Ungewissheit am besten um?
Singer: Man kann nur aufgrund der Fakten entscheiden, die einem vorliegen. Deren Aussagekraft ist oft begrenzt. Aber deshalb sollten wir sie nicht als irrelevant oder vage abtun und in eine Starre verfallen. Das Beispiel Goldener Reis zeigt, dass Nichtstun oder Zögern riesige Gefahren und Kosten mit sich bringen kann. Die Skeptiker müssen wissen, dass sie eine Mitschuld an den Tragödien tragen, die ihr Zögern verursacht. In diesem Fall sind das die vielen Hungertoten.

The European: Sind Skeptiker Mörder?
Singer: Ja, dafür gibt es viele Beispiele. Durch den Klimawandel wird der Getreideanbau in manchen Gebieten immer schwieriger. GMOs könnten hier Leben retten, weil sie sich den neuen Umständen anpassen. Tatenlosigkeit hat in den meisten Fällen gravierende Konsequenzen.

The European: Was richtig und falsch ist hängt also maßgeblich vom technologischem Fortschritt ab – und ist deshalb ständig im Wandel.
Singer: Es ist abhängig von der Beweislage, wie gut oder schlecht eine Technologie ist.

The European: Also brauchen wir eine bessere Risikoabschätzung?
Singer: Wir brauchen die besten Fakten und die besten Wissenschaftler und Politiker, die auf diesen Fakten beruhende Entscheidungen treffen.

The European: Die Technologie eröffnet uns immer mehr Möglichkeiten und verändert somit unser Verständnis von Moral und Ethik. Die Pränataldiagnostik stellt viele werdende Eltern vor harte Entscheidungen.
Singer: Ist es gut, dass Eltern heute im Voraus über mögliche Behinderungen des Kindes Bescheid wissen? Die meisten Eltern sind dankbar, dass sie diese Möglichkeit haben und abtreiben können. Das ist kein unvernünftiges Verlangen.

The European: Denken Sie nicht, dass uns dieser Fortschritt auch ein Stück unserer Menschlichkeit nimmt?
Singer: Nein. Wir benutzen nach wie vor unsere Intelligenz und unseren Verstand, um Probleme zu lösen. Wir vergleichen uns oft mit Tieren und kommen zu dem Schluss, dass uns unser Verstand von diesen unterscheidet. Natürlich können auch Tiere vernünftig urteilen, aber es gibt Unterschiede: Wir benutzen Sprache und lernen so von anderen und aus der Geschichte. Der Mensch ist das einzige Tier, das diese Fähigkeit besitzt. Technologie hilft uns dabei und ist somit eine Steigerung unserer menschlichen Fähigkeiten. Was aber nicht heißt, dass wir durch sie nicht auch etwas verlieren.

The European: Nämlich?
Singer: Wäre das Fernsehen nie erfunden worden, würden wir uns wohl mehr mit Tätigkeiten wie Lesen oder Spielen beschäftigen, anstatt hirnlosen Müll zu gucken. Technologie lässt uns ein Stück weit passiv werden. Aber im Allgemeinen beraubt sie uns nicht unserer Menschlichkeit.

„Technologie ist eine Steigerung unserer Menschlichkeit“

The European: Sie ermöglicht uns aber, rationale Entscheidungen zu treffen – und untergräbt so unser Einfühlungsvermögen.
Singer: Falsch! Technologie hilft uns, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch sie kommen wir heute mit so vielen Menschen aus unterschiedlichsten Ländern in Kontakt. Wir wissen heute ganz genau, was in anderen Erdteilen passiert. Wir sehen die Bilder von Kriegsflüchtlingen, hören ihre Leidensgeschichten und empfinden tiefes Mitgefühl. Ohne Technologie wäre das nicht möglich.

The European: Bisher war die Technologie nur Teil des Menschen – aber wir sind heute an einem Punkt angelangt, wo der Mensch immer mehr Teil der Technologie wird. Wir erzeugen die Daten, auf denen neue Technologien beruhen. Das macht vielen Menschen Angst.
Singer: Aber das raubt uns trotzdem nicht unsere Menschlichkeit, es erweitert sie sogar.

The European: Das müssen Sie erklären.
Singer: Künstliche Intelligenz wird immer wichtiger, sie wird in Zukunft sogar einzelne Entscheidungen für uns treffen, weil sie dafür besser geeignet ist als unser Verstand. Ist das gut oder schlecht?

The European: Ihr Urteil?
Singer: Wenn es eine bessere und friedlichere Welt zur Folge hat, dann sollten wir uns darauf einlassen – auch wenn diese Welt weniger menschlich ist.

The European: Menschlichkeit aufgeben, um der Menschheit zu helfen?
Singer: Nüchtern betrachtet gibt es sehr menschliche Eigenschaften, die niemand mag: Wir neigen zu Aggressivität gegenüber Leuten anderer Herkunft. Künstliche Intelligenz täte das wohl nicht.

The European: Womöglich hätte sie auch keine Technikangst.
Singer: (lacht) Wahrscheinlich nicht!

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

Sie können es hier direkt bestellen.

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