Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

„Die Vorrangstellung ist zu Ende“

Der Journalist und Publizist Peter Scholl-Latour über den Niedergang des Westens, die globale Bedeutung von Barack Obama und die Heuchelei beim Thema Menschenrechte. Das Gespräch führte Tobias Betz.

Das Gespräch wurde 2009 geführt. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir es erneut.

The European: Herr Scholl-Latour, Ihr neues Buch heißt “Die Angst des weißen Mannes”. Wovor müssen wir uns denn fürchten?
Scholl-Latour: Im 19. Jahrhundert hieß es bei dem britischen Schriftsteller Rudyard Kipling “Die Bürde des weißen Mannes” – und das war ernst gemeint. Man wollte die westliche Form der Zivilisation dem Rest der Welt überbringen. Der weiße Mann beherrschte die gesamte Welt. Das hat sich rasant geändert. Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende.

„Europa ist nicht mehr das Vorbild, das es einmal war“

The European: In Kategorien von Machtpolitik gedacht, mögen Sie recht haben. Aber westliche Ideen prägen doch heute noch die Welt.
Scholl-Latour: Die Bundeskanzlerin spricht gerne von einer werteorientierten Außenpolitik und meint damit vermutlich christliche Werte. Diese Werte kann man aber heute nicht mehr übertragen. Es gibt Kulturkreise, die gegen unsere Form des Zusammenlebens völlig immun sind. Ein Zeitalter, in dem andere Länder die Europäer nachahmen wollen, um auf den gleichen Stand zu kommen, das ist vorbei.

The European: Sie schreiben, der Westen war lange Zeit durch drei Dinge überlegen. Welche meinen Sie?
Scholl-Latour: Das war zum einen die Demokratie. Auf den Bühnen der Vereinten Nationen hat man gepredigt, die Demokratie weltweit auszubreiten. Inzwischen stellt man fest, dass von den rund 200 Staaten, die es momentan gibt, vielleicht nur ein gutes Dutzend in unserem Sinne demokratisch sind. Die Formel der Demokratie durch Wahlen einzuführen ist in manchen Teilen der Welt schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Das sieht man zum Beispiel in vielen afrikanischen Ländern, in denen sich Konflikte auf Stammesdifferenzen reduzieren. Es ist auch Unsinn, von Russland zu fordern, ihr müsst einen Parlamentarismus praktizieren wie wir. Das hat sich bei der Perestroika Gorbatschows erwiesen. Bei einer vervielfältigenden Parteienlandschaft würde Russland zusammenbrechen. Die Autokratie unter Wladimir Putin entspricht eher dem Temperament der Russen.

The European: Dabei müssten diese Staaten doch auch ein ökonomisches Interesse an einer Demokratisierung haben. Oder gilt die These, Demokratie führt zu wirtschaftlicher Entwicklung, nicht mehr?
Scholl-Latour: Sie ist falsch. Die großen wirtschaftlichen Erfolge in manchen Entwicklungs- und Schwellenländern wurden von harten, diktatorischen Regimen erzielt. In Südkorea wurden Konzerne wie Kasernen aufgebaut, mit der gleichen Disziplin. Und das beste Beispiel dafür ist China. Die Volksrepublik wird zu den Amerikanern nicht nur aufschließen, sondern sie eines Tages überflügeln.

The European: Von der westlichen Form der Marktwirtschaft halten Sie also auch nicht viel?
Scholl-Latour: Man dachte doch, der Kapitalismus sei die Formel, die die Menschheit retten würde. Vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Ein großer Irrtum. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns eines gelehrt: Der Kapitalismus gebärt immer neue Krisen. Dieses kapitalistische System hatte im Ursprung durchaus seine Tugenden, eine gewisse Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft und gegenüber Gott – das ist heute alles verschwunden.

„Sie werden Afghanistan nicht für sich entscheiden“

The European: Was ist die dritte große Veränderung, von der Sie sprachen?
Scholl-Latour: Den entscheidenden Wandel sehe ich im Bereich des Militärischen. Die USA als Supermacht sind heute nicht mehr in der Lage, kleine Kriege zu gewinnen. Sie werden Afghanistan nicht für sich entscheiden, in Irak gibt man sich der Illusion hin, es wäre alles geregelt. Ein Militärunternehmen gegen Iran wäre zu einem Fehlschlag verurteilt. Die Islamische Republik ist militärisch nicht zu unterwerfen. Mein Fazit: Der Westen ist nicht in der Lage, sich dem “Overstretch”, der Überdehnung, eines zusätzlichen Krieges auszusetzen.

The European: Sie stimmen hier den großen Abgesang des Westens an. Aber Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten ist doch ein Zeichen, dass Amerika die Kraft zum Wandel hat – die Welt bewundert den neuen Mann im Weißen Haus.
Scholl-Latour: Ich habe die Wahl von Barack Obama vor einem Jahr sehr begrüßt. Ein farbiger Präsident ist eine Sensation, das ist positiv zu bewerten. An Europa hat er jedoch nicht das gleiche Interesse, wie seine Vorgänger im Weißen Haus. Er hat keine Wurzeln in Europa. Die USA werden zunehmend multikulturell und sind generell an Europa weniger interessiert. Wir haben den Amerikanern nicht mehr viel zu bieten. Die Europäische Union ist zwar wirtschaftlich stabil, der Euro eine Erfolgsgeschichte, aber an eine gemeinsame Außenpolitik oder Strategie der EU ist weniger zu denken.

The European: Sie schreiben, die USA hätten ihren alleinigen Führungsanspruch aufgegeben. Obama habe die Fackel weitergereicht. An welchen Staat denken Sie?
Scholl-Latour: An die neuen aufstrebenden Staaten, vor allem die der BRIC-Gruppe, also Brasilien, Russland, Indien und China. Der Monopolanspruch der USA ist nicht mehr vorhanden. Seit Abu Ghraib können sie den Chinesen keine moralischen Vorhaltungen zur Tibetfrage mehr machen. Die Amerikaner haben das verstanden. Sie sind viel zurückhaltender geworden seit Obama Präsident ist. Er redet nicht mehr von Schurkenstaaten wie sein Vorgänger George W. Bush.

The European: Sie plädieren also für eine Rückkehr zur Realpolitik. Hat Moral keinen Platz in der Außenpolitik?
Scholl-Latour: Die Deutschen verfallen immer schnell in moralische Entrüstung, zum Beispiel bei der Beurteilung der Wahlen in Iran. Natürlich waren die gefälscht. Wenn man aber gleichzeitig Soldaten in Afghanistan stehen hat, ein derart offensichtlicher Wahlbetrug stattfindet und Präsident Hamid Karsai noch weiterregiert, dann soll man nicht mehr von Demokratie sprechen. Man soll auch weniger von Menschenrechten reden, wenn man jemanden wie den libyschen Präsidenten Muammar al-Gaddafi, der über Jahre internationalen Terrorismus betrieb, in die Arme schließt, bloß weil er über große Erdölvorkommen verfügt. So entlarven sich die demokratischen Tugenden des Westens allzu oft als Heuchelei.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Heiner Bielefeldt: „Menschenrechte haben keine kulturellen Copyrights“

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