Assad erlebt ein Comeback. André Bank

Der Mensch zuerst

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Das sind die grundsätzlichen Fragen menschlicher Existenz. Forschung kann darauf nur unzureichende Antworten geben. Befriedigung verschafft letztendlich nur eine Besinnung auf Gott und auf das Telos menschlichen Lebens.

Vom russischen Schriftsteller Dostojewski wird berichtet, er habe anlässlich seiner Besuche in Dresden stets Stunden vor dem Bild der berühmten, himmlisch schönen “Sixtinischen Madonna” von Raffael im Zwinger verbracht. Als ihn eines Tages ein Museumswärter erstaunt fragte, warum er immer so lange vor dem Bild der Madonna verweile, antwortete der berühmte Dichter: “Damit ich nicht am Menschen verzweifle!”

Mehr als bloße Bedürfnisbefriedigung

Das genau ist der Grund, warum der Mensch sich, seit es Menschen gibt, Bilder macht. Freilich, du sollst dir kein Bildnis von Gott machen! Aber der Mensch braucht Bilder und schafft sich Bilder, um sich Rechenschaft zu geben über seine Wünsche und Sehnsüchte, über seine Träume und Hoffnungen, kurz: um sich Antwort zu erhoffen auf die beiden großen und einzig wichtigen Fragen des Lebens, nämlich “Woher komme ich?” und “Wohin gehe ich?”. Die jüdisch-christliche Theologie ist der festen Überzeugung, dass sich diese beiden wesentlichen Fragen des menschlichen Lebens nicht aus der Analyse und der technischen Beherrschbarkeit vergänglicher Materie beantworten. Nein, die Antwort auf diese beiden Sinnfragen ergibt sich nur aus dem Geist des Menschen, näherhin aus seiner geistigen Möglichkeit, mehr zu denken und zu ersehnen als nur die bloße Bedürfnisbefriedigung. Genauer: Gott zu denken und zu ersehnen, sich ein Bild von ihm zu machen.

Was aber, wenn der Mensch, dieser scheinbar nackte Affe, der zu immerhin 98 Prozent sein genetisches Erbgut mit dem nächsten Verwandten unter den Primaten teilt, eben doch nur scheinbar ein höher entwickeltes Tier wäre und in Wirklichkeit ein Zwitterwesen aus vergänglicher Materie und unvergänglichem Geist ist? Wäre das der Fall oder auch nur ansatzweise denkbar – und wäre es etwa nicht denkbar im Angesicht von Mozart-Symphonien und Schiller-Balladen? –, dann käme alles darauf an, richtig zu denken, geistig zu leben, bevor man sich richtige Gedanken über die Technik macht. Oder anders ausgedrückt und ganz anders, als Bert Brecht es sich dachte: Erst kommt die Moral und dann das Fressen.

Erst kommt der Mensch, dann die Forschung

Das aber heißt dann auch: Erst kommt das Menschenbild, dann die technische Forschung. Und nach christlicher Überzeugung ist der Mensch eben weit mehr Metaphysik als Physik, mehr im Raum der Ethik nach gutem und geglücktem Leben strebend, als im Raum der Technik um möglichst langes und gesundes Überleben besorgt. Freilich: Jeder ist um langes und gesundes Leben besorgt, aber doch nur unter der Voraussetzung eines letzten Sinns, eines Ziels, einer Antwort auf die Frage: “Warum bin ich überhaupt auf der Welt?” Christlicher Glaube antwortet darauf mit dem Glauben an Gott und seiner Offenbarung in Jesus Christus: So ist Gott, so liebenswert und menschenfreundlich. Und so soll und darf der Mensch sein, so liebenswert und menschenfreundlich. Und jede Forschung muss diese innere Qualität des Menschen achten und voraussetzen, ohne doch ein Urteil über diese Qualität als Gottesebenbild und mit Menschenwürde begabt fällen zu dürfen.

Forschung ist richtig, aber nur, wenn sie gut ist: Denn Gut und Böse ist der grundlegende Unterschied der ethischen Hochebene und nicht weiter nach einem letzten Warum hinterfragbar. Richtig und Falsch hingegen sind die grundlegenden Unterschiede der technischen Tiefebene und messen sich immer nach einem Ziel und Zweck. Das letzte Ziel ist die gute Gesinnung wie das gute Gewissen der Person – und diese Person entzieht sich einem letzten Zweck, sie lebt ganz zweckfrei. Einfach, weil sie es darf und Gott es so will. Das genau meint christliches Menschenbild.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stephan Grätzel, Gerhard Roth, Imke Puls.

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