Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest. Stefan Gärtner

Nach Barcelona: Vorwurf der Kumpanei mit dem IS

Seit den tragischen Ereignissen in Barcelona sind zwei Wochen vergangen. Eine kurze Zeitspanne. Aber lang genug, um vieles, was unbekannt war, publik zu machen. Lang genug, um großartige menschliche Reaktionen hervorzurufen, und lang genug, um niedrige und skandalöse Manöver mancher Leute gnadenlos zu entlarven.

Die internationale Öffentlichkeit hat die tadellose Reaktion der katalanischen Regierung und der katalanischen Polizei einhellig gelobt. Und anders als bei anderen von Attentaten heimgesuchten Ländern, haben sich in Katalonien die muslimischen Bewohner vom ersten Moment an der Trauer- und Protestkundgebungen angeschlossen. Die Schwester eines der Attentäter und eines der gefangenen hat in Ripoll eine beeindruckende Rede mit einer klaren Haltung gegen den Terrorismus gehalten. Und der Vater eines im Attentat getöteten Kindes aus dem Dorf Rubí hat den Imam der dortigen kleinen Moschee öffentlich umarmt – ein Foto („das Foto des Jahrzehnts“, hat der katalanische Ministerpräsident gesagt) ist weit über die Grenzen Kataloniens bekannt geworden. Statt anti-muslimischer hetze haben die Menschen zu Brüderschaft, Frieden und entschiedener Ablehnung des Terrorismus gerufen. Unter den 500.000 Teilnehmer der Massenversammlung gegen Terror in Barcelona am 26. August, gingen Muslime Arm in Arm mit Nicht-Muslimen. Und das Motto „no tinc por“ (katalanisch für „ich habe keine Angst“) hat sich in den Medien wie ein Lauffeuer verbreitet. Doch der größte Applaus galt den Helfern in der Not: Polizisten, Sanitätern, Taxifahrern und viele anderen, die ab der erste Minute halfen, wo Hilfe nötig war. Wagen der katalanischen Polizei wurden mit Blumen reichlich bedeckt.

In der selben Kundgebung wurden der spanische König Felipe und der spanische Ministerpräsident Rajoy gnadenlos ausgepfiffen, und sie wurden mit Transparenten konfrontiert, die ihnen Unterstützung und Kumpanei mit Ländern wie Saudi Arabien vorhielten – Länder, die den Wahabismus/Salafismus exportieren und der IS geholfen haben ihre hässliche Fratze zu zeigen – indem sie unter anderem nach wie vor den Verkauf beträchtlicher mengen von Waffen in diese Länder zulassen.

Man mag diese Reaktion des Volkes so oder so bewerten. Doch Angesichts der Meldungen, Verdrehungen und Vorwürfe auf Seiten der spanischen Politik und der spanischen Medien ist vielen Katalanen schlichtweg der Kragen geplatzt.

Sehr schnell wurde versucht, die Rolle der katalanischen Polizei herunter zu reden, um die Lorbeeren für den spanischen Innenminister und die spanische Polizei zu reklamieren. Es ging soweit, dass die Unabhängigkeitsbewegung als für den Terrorismus mitschuldig verteufelt oder sogar mit ihm gleichgestellt wurde. Und die Attentate wurden benutzt, um zur (spanischen) Einigkeit und zum Verzicht auf das Referendum aufzurufen. Selbst in einigen deutschsprachigen Medien wurde kolportiert, dass die Katalanen sich angesichts der Attentate doch besser um ihren eigentlichen Probleme statt um ihren Wunsch nach Unabhängigkeit hätten kümmern sollen. Das es sich um zwei ganz verschiedene Paar Schuhe handelte, haben sie anscheinend nicht kapiert.

Dieser Missbrauch des Unglücks für politische Zwecke wurde dann wieder so gedreht, dass man genau dies den katalanischen Institutionen vorwarf, was gleichzeitig eine Lüge und eine Unverschämtheit ohnegleichen war. Waren es doch nicht etwa die reden Rajoys, sondern die des katalanischen Präsidenten Puigdemont, die in der ganzen Welt als ein Modell für Toleranz, Ausgewogenheit und Menschlichkeit gelobt und sogar als leuchtendes Gegenbeispiel zu den befremdlichen Äußerungen von Donald Trump herausgestellt wurden.

Es wurde großes Aufheben darüber gemacht, dass ein Agent der katalanischen Polizei die Anfrage eines Freundes bei der belgischen Polizei über den Imam Es-Satti nicht weitergeleitet hatte. Doch wie sich herausstellte stand die Anfrage in keinem Zusammenhang mit möglichen Attentaten. Es wurde nur gefragt was für Daten über den Imam in der Datenbanken der katalanischen Polizei lag. Und da lag überhaupt nichts, da von der spanische Polizei nichts weitergeleitet worden war.

Viel gravierender erscheint doch, dass – wie kürzlich bekannt wurde – amerikanische Maulwürfe mit dem Attentäter Abouyaakoub zwei Wochen vor dem Attentat in Kontakt standen und dieser ihnen von der Vorbereitungen erzählte. Die Amerikaner haben sofort die spanischen Dienste gewarnt, die jedoch ihrerseits die katalanische Polizei nicht informierten.

Machen wir es kurz: in den letzten Tagen geschah vieles, und vieles wurde bekannt, dass den Katalanen sauer werden ließ. Da sollte es nicht verwundern, dass die Katalanen dem König und den Vertretern des spanischen Staates Pfiffe und Buhrufen nicht ersparen konnten und wollten, nicht am 26. August und wohl auch nicht in den nächsten Tagen.

Quelle: Pere Grau Rovira

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank-Walter Steinmeier, Egidius Schwarz, The European Redaktion.

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