Wir verlieren unsere Arbeit an Maschinen. Jeremy Rifkin

„Blogger sind keine Konkurrenz“

Viele Zeitungen leisten sich keine tiefgründigen Recherchen mehr. Sie vernachlässigen ihre Aufgabe, Wächter der Demokratie zu sein. Paul Steiger, Leiter der Stiftung für investigativen Journalismus “Pro Publica”, ist sich sicher: Große Medienkonzerne werden verschwinden. Das Interview führte Alexander Görlach.

The European: Was hat Sie dazu veranlasst, Pro Publica zu gründen?
Steiger: Als ich noch beim Wall Street Journal gearbeitet habe, kamen zwei sehr wohlmeinende Kalifornier auf mich zu, die wissen wollten, wie sie am effektivsten 10 Millionen Dollar jährlich in investigativen Journalismus investieren könnten. Ich war nur einer von vielen, der ihnen Ratschläge gab, doch offenbar schien ihnen mein Konzept am besten zu gefallen. Wir vereinbarten, im Jahr 2008 anzufangen. Der Zeitpunkt war sehr günstig, denn inzwischen hatte sich die Situation in der amerikanischen Medienlandschaft sehr eingetrübt. Es gab immer mehr Entlassungen und Übernahmen, besonders bei den städtischen Zeitungen. Das Ergebnis war, dass sich dies am stärksten auf den investigativen Journalismus und die Auslandsberichterstattung auswirkte – die kostenintensivsten Spielarten des Journalismus. Außerdem ging es zulasten der Sachen, die nicht gleich am Tag darauf erscheinen. Wenn man zum Beispiel seinen Lokalreporter entlässt, entsteht sofort eine Lücke in der Berichterstattung. Ist es aber ein “Enthüllungsjournalist”, so kann ein ganzer Monat vergehen, bevor irgendjemand den Unterschied bemerkt. Dasselbe gilt für Auslandsberichterstattung: Ein gewisser Teil der Leser legt viel Wert darauf, die breite Masse ist aber nicht so unmittelbar daran interessiert.

The European: Brauchen wir die herkömmlichen Netzwerke zwischen Zeitungen und ihren Auslandskorrespondenten dann überhaupt noch? Das Internet ermöglicht es doch theoretisch, weltweit Journalisten “anzumieten” – die Pasadena News beschäftigt sogar für die lokale Berichterstattung Leute aus Indien.
Steiger: Es ist für die Gesamtbevölkerung vielleicht nicht zwingend notwendig, dass jede größere Zeitung ein eigenes Netzwerk von Korrespondenten beschäftigt. Aber wir brauchen definitiv mehr als ein oder zwei Reporter, um so wichtige Länder wie China, Indien oder Deutschland abzudecken. Das würde eine Konformität und Einseitigkeit bewirken, die ich für gefährlich halte. Man benötigt vielleicht kein amerikanisches Pressekorps von 50 Leuten in London. Aber zehn braucht man dort mindestens, und mehr als 50 sollten es in China auch sein.

The European: Wenn ich richtig verstanden habe, werden Sie von der Stiftung bezahlt. Heißt das, Sie schreiben erst und versuchen dann, ihre Artikel zu verkaufen?
Steiger: Wir haben ein Team von Journalisten, die permanent schreiben. Unsere besten Storys bieten wir dann den Medienplattformen umsonst an. Alles, was wir dafür einfordern, ist, dass sie prominent abgedruckt oder gesendet werden, Credits und das Recht, sie nach 24 Stunden auf unserer eigenen Website zu publizieren. Außerdem wollen wir das Recht, eine Fortsetzung zu bringen.

The European: Bedeutet das, dass das alte Geschäftsmodell überholt ist? Wenn Sie die Rechte an Ihren Inhalten umsonst anbieten, worauf gründet sich dann Ihre Geschäftsidee?
Steiger: Unser Selbstverständnis ist nicht, dass wir die “Zukunft des Journalismus” sind. Wir betrachten uns eher als Teil eines Mosaiks. Die Erträge, die der amerikanische Journalismus pro Jahr “eindampft”, liegen bei Hunderten Millionen oder gar Milliarden Dollar. Wir setzen etwa zehn Millionen um, das heißt, wir werden die Verluste nicht ersetzen können. Aber wir erweitern die Fähigkeiten, die der investigative Journalismus beinhaltet, und wir führen ihn fort. Außerdem fördern und verbreiten wir den investigativen Journalismus anderer, um zu verhindern, dass er einfach untergeht, was leider oft passiert. Das ist meiner Meinung nach eine völlig legitime Rolle für eine gemeinnützige Stiftung.

The European: Ist Ihr größter Konkurrent nicht eigentlich der Blogger? Der Einheimische, der durch seine Bekanntschaft mit den Leuten vor Ort immer mit Storys versorgt wird und im Zweifelsfall weiß, wen er fragen muss.
Steiger: Nein, ich denke, Blogger nehmen eher eine ergänzende Funktion ein, anstatt mit uns Journalisten in direkte Konkurrenz zu treten. In den meisten Fällen äußern sie lediglich ihre Meinung und machen sich Gedanken zu den News, die von professionellen Journalisten stammen. Manchmal kommen von ihnen auch schrittweise ergänzende Beiträge zu den Artikeln. Unsere Leistung jedoch besteht darin, tiefgründige Recherche zu betreiben, einen ganzen Komplex von Fakten zusammenzutragen und diese dann in einer ansprechenden Form an den Leser zu übermitteln. Es gibt nur sehr wenige Blogger, die dazu imstande sind.

The European: Die traditionelle Geschäftsidee des Journalismus besteht darin, Nachrichten zu sammeln, weiterzuverarbeiten und dem Zielpublikum zu überbringen. Die simultane Berichterstattung wird zunehmend vom Internet bedient – ist die Rolle des Journalisten nach wie vor in erster Linie die des Berichterstatters oder ist er eher Interpret?
Steiger: Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass ein Großteil der Nachrichten immer noch zuerst von den großen Agenturen wie AP oder Reuters kommt, auch wenn diese Nachrichten dann am schnellsten über das Internet weiterverbreitet werden.

The European: Liegt es daran, dass die konventionellen Medien noch immer die einflussreichsten Marken darstellen?
Steiger: Ja, das tun sie. Die meisten großen Zeitungen in den USA haben einen besonderen Schwerpunkt. Die Washington Post hat sich beispielsweise auf Innenpolitik spezialisiert, das Wall Street Journal auf Wirtschaft und Börsenhandel, die New York Times wiederum auf internationale Außenpolitik und soziale und kulturelle Entwicklung. Das dient ihnen dazu, sich zu profilieren, eine bestimmte Zielgruppe an sich zu binden und dadurch genug Umsatz zu machen, um eine halbwegs große Nachrichtenredaktion zu betreiben. Ich denke, das wird auch in Zukunft notwendig sein, damit Nachrichtenmedien von der Größe überleben können.

The European: Wird es in Zukunft mehr Organisationen wie die Ihrige geben?
Steiger: Davon gehe ich aus. Vielleicht werden sie nicht exakt so funktionieren wie Pro Publica. Aber es gab zum Beispiel schon vor uns eine Institution in Washington, die sich Center for Public Integrity nennt. Außerdem gibt es schon seit mindestens 20 Jahren das sogenannte Center for Investigative Reporting in Berkeley. Es funktioniert ähnlich, hat sich aber mittlerweile vollständig auf Angelegenheiten innerhalb Kaliforniens spezialisiert. Unabhängig davon, ob sie unser Konzept übernehmen oder nicht – ich bin davon überzeugt, dass es in Zukunft noch mehr Nachrichtenmedien von der Größe von Pro Publica geben wird, die sich auf verantwortungsbewussten Journalismus konzentrieren.

The European: Wie sieht dann aber das Geschäftsmodell der Zukunft aus? Klassische Zeitungen haben Anzeigen, aber man kann im Internet nicht in diesem Umfang werben. Auch bekommt man keine Abogebühren, die notwendig sind, um ein gewisses Qualitätsniveau zu halten.
Steiger: Die Antworten auf diese Fragen kennen wir noch nicht. Aber ich bin sicher, dass wir in den nächsten Jahren ein Feuerwerk an Experimentierfreude erleben werden. Anstelle großer Unternehmen mit Umsätzen von Hunderten Millionen Dollar werden kleinere treten, die vielleicht nur eine bis 15 Millionen pro Jahr umsetzen und sich ihren Platz erkämpfen wollen. Es wird eine Fülle an verschiedenartigen Geschäftskonzepten geben. Manche gewinnorientiert, andere gemeinnützig, viele gemischt – so sind schon jetzt viele Museen, Orchester und andere Kulturanstalten in den USA organisiert, warum nicht auch Medien?

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Sebastian Nerz: „Manche sehen es nicht als ihre Aufgabe, neutral zu berichten“

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