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Was ist „hybrider Populismus“?

Der zusammengesetzte Terminus „hybrider Populismus“ ermöglicht es, die Mischformen von Rechts- und Linkspopulismus zu bezeichnen. Mithilfe der Hybridität könnte die Entwicklung des Populismus als Prozess beschrieben und der politische Diskursraum erweitert werden.

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Die Überbelastung des Begriffes Populismus hat die Qualität des gegenwärtigen politischen Diskurses bereits herabgesetzt. Je nach sprachlicher Benützungsintensität und individueller Affektdisposition verschwimmen Begriffsinhalte, deren Merkmale und der Begriffsumfang. Als politikwissenschaftlicher und als soziologischer Topos ist und bleibt Populismus vage, ein ähnlich unscharfer Begriff wie „direkte Demokratie“ oder „Volk“. Aufgrund seiner Inkonsistenz entzieht er sich zunächst einer materiellen Definition und wird statt dessen lediglich im politischen Koordinatensystem zugeordnet. Weder Links- noch Rechtspopulismus besitzen a priori inhaltliche Substanz, in beiden dominiert das relationale Element, ein politisches „Verhalten zu“. Dies ist zugleich die größte Schwäche und die stärkste Gefahr, die vom Populismus ausgeht.

Seine Kennzeichnung und Verortung erfolgt nach wie vor schematisch: im Bereich des sogenannten Linkspopulismus – verkürzt ausgedrückt – durch Inklusion und Integration, die von umfassender Partizipation aller Menschen bis zur nahezu unbegrenzten Umverteilung der Ressourcen reicht. Dagegen ist der Rechtspopulismus nach wie vor primär durch Exklusion charakterisiert, durch Haltungen, die u. a. auf rigorosen Identitätspositionen beruhen und Vorbehalte zum Ausdruck bringen, wie etwa jene gegenüber ethnischen Minderheiten. Diese Trennschärfe entspricht jedoch – zumal in Europa und in den USA – nicht länger der politischen Realität, sie entwickelt sich sogar zunehmend zur Leerformel, an deren Stelle in einem ergänzenden Sinn der Begriff „hybrider Populismus“ treten sollte.

Von der Zügellosigkeit zum Mischwesen

Der Begriff der Hybridität bezeichnet bekanntlich nicht das Entweder-oder, sondern das So-wohl-als-auch. Kehrt man zu den etymologischen Wurzeln des Terminus hýbris zurück, gelangen neben dem Charakter des Mischwesens auch noch Aspekte des prozesshaft übertretenden Bewegens zum Vorschein. Der hybristēs der Antike war jener überhebliche Mensch, der den unausgesprochenen gesellschaftlichen Konsens überschritt und die sich herausbildenden Normen hochmütig und zügellos verletzte.

Hybrider Populismus bedeutet, dass zahlreiche Elemente divergierender politischer Ausgangspositionen zu einer Mischposition synthetisiert werden. Je nach politischer Opportunität und wirkungspsychologischer Erwartungshaltung werden Teilaspekte übernommen und vermengt. Doch trotz dieser Vermischung bleibt der hybride Populismus inhomogen, eine Synthese, in deren Gemisch man nach wie vor die Einzelteile erkennt. Diese Teile sollen wie Synapsen an den sogenannten gesunden Menschenverstand anknüpfen, für jegliche Frage Antworten bereithalten, selbst wenn diese grundlegend unwahr sind.

Passend für alle Diskursräume

Die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre wirkte beschleunigend auf die Herausbildung von Antagonismen. Das Auftreten gegen das „Establishment“ ist mittlerweile zu einem Kernbestand des hybriden Populismus geworden. Die scheinbar deckungsgleiche Positionierung gegen „Institutionen“ und das „Establishment“ wird aus „klassischer“ linkspopulistischer Perspektive als antikapitalistischer Reflex und vom rechtspopulistischen Standort als pauschale Kritik am z. B. EU-Zentralismus verstanden. Die Establishment-Kritik passt dadurch mittlerweile erläuterungsfrei in alle Diskursräume, sogar Akteure des Establishments selbst können diese Positionen, ohne nennenswerten Schaden zu nehmen, vertreten. Die rezenten Wahlkämpfe in den USA und in Frankreich zeigten das Gesicht des hybriden Populismus wie in einem Lehrstück der Politikfeldanalyse. Die Vermischungen von regulativen, distributiven und redistributiven Dimensionen wurden sprachlich bedenkenlos vorangetrieben, das wirkungspsychologische Prestigepotenzial zermalmte das politische Sachargument.

Das hybride Element des Sowohl-als-auch bezeichnet den Bedeutungsumfang des sich auf opportunistische Weise Bedienens bei linken und rechten Politversatzstücken sowie der ungezügelten Verwendung von wahren und nachweislich falschen Argumenten. Je nach Bedarf überholen Linkspopulisten in der Flüchtlingsfrage ungeniert rechts, als gäbe es für sie eigene rechte Überholspuren. Die sogenannten Rechtspopulisten finden sich angesichts solcher Überholmanöver zwar in ihrer Haltung bestätigt, jedoch um ihr xenophobes Copyright be-trogen. Auch in Frankreich wurde nun ein Vertreter des hybriden Populismus zum Präsidenten gewählt, wie eine Projektionsfläche, die in einem politischen Links-rechts-Vexierbild resultiert. Hybrider Populismus als kleinster gemeinsamer Nenner gegen die Drohgebärde des rechtsextremen Randes, der längst nach der Mitte der Gesellschaft greift.

Variable, situationsbezogene Parteinahme

Das Dazwischen und das Sowohl-als-auch sind die Ingredienzien jener Vermischung, bei der sich die Elemente nicht zu einer Masse amalgamieren lassen, sondern getrennt voneinander sichtbar bleiben. Die Gleichzeitigkeit des Sowohl-als-auch ermöglicht jegliches „Verhalten zu“ bis hin zur Zügellosigkeit politischer Hybris. In extensivem sprachlichem Dauergebrauch abgenützt und glattpoliert entsteht ein neuer Sprechakt, in dem der hybride Populismus die Begriffe Volksverbundenheit und kollektives Eintreten für das Volk stets aufs Neue konstruiert und dabei doch nur bei der Frage nach der Mehrheitsfähigkeit seines Arguments stecken bleibt. Denn es ist das Hybride kein programmatisches, sondern ein variables Eintreten für beliebige Teile der Gesellschaft, eine situationsbezogene Parteinahme für einen „verallgemeinerten Anderen“ (G. Mead) mittels simplifizierender Konstrukte. Es bleibt die Hoffnung, dass die hybriden Populisten an den Hebeln der Macht die Aura ihrer sich selbst attestierten Volksnähe eigenhändig zerstören, sich entlarven und dadurch eine „Veralltäglichung des Charismas“ (M. Weber) erfolgt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sascha Nicke, Eva-Maria Dempf, Dietmar Bartsch.

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