Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Norbert Blüm

„Wir müssen uns vor falschen Freunden schützen“

Bischof Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien, hat keinen leichten Job. Im größten Bistum der Welt gilt es, allerlei politische Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Wieso Christen in der Region eine Sonderrolle einnehmen, was Religion für die Integration bedeutet und weshalb sich die Kirche vor populistischen Krücken hüten sollte, erzählt er im Interview.

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The European: Herr Bischof, Sie sind Apostolischer Vikar von Arabien. Das ist mit über drei Millionen Quadratkilometern im Moment noch das flächenmäßig größte Bistum der Welt. Es erstreckt sich über sechs ganz verschiedene Länder: Jemen, Oman, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie selbst leben in Abu Dhabi und sind jetzt gerade im Oman. Eine weitere Besonderheit ist, dass es in Ihrem Vikariat keine einheimischen Christen gibt. Wie würden Sie sich dann selbst bezeichnen? Würden Sie sagen, Sie sind Seelsorger, Integrationsbeaufragter, Diplomat …?
Hinder: Oh, ich würde sagen, ich bin alles zusammen. Ich sehe mich aber zuallererst als „Hüter der Kirche“, einer Migrantenkirche, hier in den Ländern in Arabien, die meiner Jurisdiktion unterstellt sind. In zweiter Linie hängt damit natürlich unmittelbar zusammen, dass ich die Kontakte zu den Regierungen aufrechterhalten muss, zusammen mit dem Nuntius, der mehr für den diplomatischen Bereich zuständig ist.

The European: Wie muss man sich denn dann ganz praktisch Ihre Arbeit vor Ort vorstellen? Sie sind Schweizer, arbeiten in verschiedenen arabischen Ländern, die Christen sind vor allem aus asiatischen Ländern. Wie sieht denn da so ein typischer Tagesablauf bei Ihnen aus?
Hinder: Ich reise sehr viel, aber wenn ich zu Hause bin, beginnt mein Tag um viertel vor fünf. Dann habe ich meine persönliche Gebetszeit und um 20 nach sechs feiere ich mit den Leuten in der Kathedrale das kirchliche Morgengebet. Anschließend folgt die Eucharistiefeier. Meistens sind auch meine drei unmittelbaren Mitarbeiter im Bischofshaus mit dabei – der Generalvikar, der Kanzler und der Sekretär. Nachher beginnt der normale Arbeitstag in meinem Büro: Studium, Erledigung der Akten, Korrespondenz. Heutzutage hat vor allem das Internet eine große Bedeutung für mich. Ich bin jeden Tag mit sehr vielen E-Mails konfrontiert, die auch zum Teil von Gläubigen stammen.

Um halb eins gibt es ein Mittagessen, gefolgt von Mittagsruhe, persönlicher Gebets- und Studiumszeit. Um 16 Uhr folgt die Vesper. Und dann ist wieder Arbeitszeit. Dann folgen zumeist Gespräche mit Leuten, die einen Termin beim Bischof haben. Das mache ich meistens, wenn ich es mir einrichten kann, gegen Abend, weil die Menschen dann am ehesten kommen können. Tagsüber müssen sie ja arbeiten. Das geht grundsätzlich bis 20 Uhr. Nach dem gemeinsamen Nachtessen ist der Tag eigentlich für mich gelaufen. Dann sehe ich die Nachrichten oder manchmal auch einen Fernsehfilm. Oder wir sitzen einfach zusammen und plaudern. So sieht ein normaler Tag zu Hause aus, aber ich bin etwa ein Drittel des Jahres unterwegs. Nicht nur in der Diözese – es kann auch sein, dass ich zu Sitzungen nach Rom muss oder Kontakte pflegen muss in einem der Länder, aus dem unsere Christen kommen. Dazu kommen dann noch Gremien, in denen ich einen Sitz habe.

„Wir Christen haben hier eine Sonderstellung“

The European: In der Region, in der sie tätig sind, gibt es neben dem Christentum noch andere religiöse Minderheiten, wie etwa das Judentum oder den Hinduismus. Wie ist das Verhältnis? Wie ist das Christentum im Vergleich gestellt?
Hinder: Die Christen haben im Koran ohnehin eine Sonderstellung und sind etwa im Vergleich zu den asiatischen Religionen sicher privilegiert, weil sie im Verständnis des Islam anerkannt werden als eine der beiden anderen Buchreligionen; zusammen mit dem Judentum. Insofern erfreuen wir uns einer Anerkennung, die sicher größer ist als diejenige z.B. der Hindus oder der Buddhisten. Das wirkt sich insofern aus, als dass die Bereitschaft Gottesdiensträume für die Christen zu ermöglichen größer ist als etwa die Bereitschaft einen Tempel zu errichten. Das ist unterdessen allerdings auch vereinzelt möglich geworden, z.B. in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

The European: Zum Thema Migration: Wie ist es denn für Sie, tagtäglich in einem Gebiet tätig zu sein, das lange Zeit und zum Teil immer noch von Nomaden bevölkert ist?
Hinder: In der ansässigen Gesellschaft ist eine Umwälzung im Gang. Die meisten sind inzwischen sesshaft geworden; zum Teil freiwillig, zum Teil staatlich gesteuert. Es gibt allerdings noch immer welche, die einen Beduinenstil leben, aber das sieht natürlich nicht mehr so aus wie noch vor 100 Jahren. Vor diesen Niederlassungen in der Wüste, die relativ aufwendig organisiert sind, sieht man durchaus kostspielige Fahrzeuge herumstehen. Man darf sich das also nicht mehr so romantisch vorstellen, wie wir das von früher her von Filmen oder Bildern kennen. Grundsätzlich gilt aber, dass eine Sesshaftigkeit eingetreten ist in Bezug auf die Lokalbevölkerung. Die Migranten von außen werden einfach gebraucht. Die Politik entwickelt sich allerdings eher in die Richtung, ihre Aufenthaltsdauer zu beschränken bzw. sie zu verkürzen, damit keine zu große Stabilität entsteht. Das gilt vor allem für die Bauarbeiter. Man will vermeiden, dass ein Integrationsbedürfnis entstehen könnte. Das wird bis jetzt bewusst nicht gewollt.

The European: Inwieweit vermittelt denn die Zugehörigkeit zu einer Religion ein bestimmtes Heimatgefühl? Ist bei Ihnen vor Ort Religionszugehörigkeit eher hinderlich oder eher förderlich für eine Integration?
Hinder: Ich würde schon sagen, dass das innerhalb einer bestimmten Gruppierung ein wichtiger Faktor ist. Das ist vielleicht auch mit ein Grund, warum bei uns die religiöse Praxis derjenigen, die sie nicht aufgegeben haben, besonders stark ist. Es ist durchaus möglich, dass indische Katholiken, wenn sie hier am Golf arbeiten, aktiver sind als zu Hause. Das gilt auch für einige Philippiner. Und das hat sicher damit zu tun, dass die Entwurzelung aus dem angestammten, sozialen, religiösen Feld, wo die Familien oder die Einzelnen herkommen, zu einem Bedürfnis führt, wenigstens irgendwo wieder eine gleichsame Einwurzelung zu erleben, auch wenn diese sehr limitiert oder partiell ist. Ich meine, die können ja auch nicht den ganzen Tag in der Kirche sein. Aber es gibt doch dort ein Heimatgefühl und die Chance, dass sie dort ihresgleichen wiedertreffen, ist relativ groß. Das konnte man ja früher und auch zum Teil heute bei den Migrantengemeinden in Europa feststellen. Wenn ich an meine Erfahrungen in der Schweiz denke: da kamen die Italiener in Strömen zum Italiener-Gottesdienst; aber nicht nur der Religion wegen, sondern weil das gleichzeitig Orte der Beziehungspflege waren.

The European: Ich zielte mit der Frage mehr auf die Integration in die einzelnen Länder wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate ab.
Hinder: Das ist ja nicht gewollt. Niemand möchte, dass Ausländer in die lokale Bevölkerung integriert werden. Da wird strikt darauf geachtet. Es ist sehr selten, dass jemand überhaupt das Bürgerrecht eines einzelnen Landes bekommt. Es hat allerdings einzelne Fälle gegeben, aber da handelte es sich in der Regel um Muslime und nicht um Christen. Das muss jedoch nicht immer ein Hindernis sein. Ich weiß, dass z.B. in Bahrain auch Christen das Bürgerrecht bekommen haben. Aber im Königreich Bahrain haben noch andere Elemente, mehr politischer Art, eine Rolle gespielt. Das Königshaus stammt aus der Minderheit der sunnitischen Gemeinschaft und es ist natürlich daran interessiert, die Bürgerschaft so auszuweiten, dass die schiitische Mehrheit zumindest tendenziell balanciert wird. Es geht also nicht nur um die Anerkennung des Rechtsstatus des Einzelnen, sondern auch um politische Interessen.

„Kirche oder Christentum ist etwas, was mit dem Westen assoziiert wird“

The European: Es entsteht manchmal der Eindruck, dass das Christentum als ein Symbol des Westens angesehen wird. Ist das in Ihrem Vikariat auch der Fall oder ist es dort eben gerade nicht so, weil die Christen zumeist nicht aus dem Westen kommen, sondern z.B. aus Asien?
Hinder: Auf diese Frage zu antworten, ist gar nicht so leicht. Tatsächlich ist es schon so, dass das Christentum sehr stark als etwas angesehen wird, das in irgendeiner Beziehung steht zum Westen, auch wenn die Leute nicht von dort stammen. Das ist natürlich eine Contradictio. In unserem Gebiet stammen mindestens 95 Prozent der katholischen Gläubigen aus Asien, den arabischen Staaten der Levante, und so weiter. Der Prozentsatz der Europäer oder Amerikaner ist relativ gering. Dennoch gilt nach wie vor: Kirche oder Christentum ist etwas, was mit dem Westen assoziiert wird.

The European: Wir werden momentan Zeuge von demokratischen Umbrüchen in der Region. Ist die Hoffnung auf Demokratisierung und dass die Demokratisierung ein bisschen mehr Religionsfreiheit mit sich bringt aus Ihrer Sicht berechtigt?
Hinder: Das ist sicher ein langer Prozess und keine Frage von einigen Wochen oder Monaten. Bis das Allgemeingut wird, braucht es sicher eine längere Zeit. Ich glaube also nicht, dass sich jetzt plötzlich schlagartig diese Grundrechte einfach durchsetzen werden. Umso mehr, als dass in den jeweiligen Ländern, selbst jetzt nach dem Umbruch in Ägypten, zu viele Kräfte am Werk sind, die ein Eigeninteresse daran haben, retardierend zu wirken. Insgesamt aber denke ich schon, dass hier etwas in Gang gekommen ist, das nicht so leicht aufzuhalten ist. Ich wäre schon zufrieden, wenn die Verfolgungen in einzelnen Ländern eingedämmt würden und eine größere Offenheit und gegenseitige Toleranz bestünden. Und mit der Zeit kommt dann vielleicht ein Durchbruch bei der echten, individuellen Religionsfreiheit; dass ein Muslim auch Christ werden kann und dass das Recht des Individuums anerkannt wird. Da erwarte ich schon, dass etwas in Gang kommt; aber nicht revolutionär, dass morgen schon die Verfassungen geändert werden. Es kommt nicht nur auf den formellen Rahmen an. In den einzelnen Staaten sind einzelne stammesmäßige Familientraditionen ungleich stärker und haben eine viel größere Bedeutung als das Recht.

The European: In Europa ist seit einiger Zeit das Phänomen zu beobachten, dass sich immer mehr rechtspopulistische Parteien auf die jüdisch-christliche Tradition Europas berufen, um sich vom Islam abzugrenzen und vor einer angeblich drohenden Islamisierung zu schützen. Das ist oberflächlich betrachtet für die Kirche vielleicht ganz gut, andererseits sind die dahinterstehenden Motive natürlich sehr fragwürdig. Was kann die Kirche hier tun, um sich zu distanzieren?
Hinder: Ich denke, dass sich die Kirche selbst schützen muss vor falschen Freundschaften. Es ist richtig und es ist gut, wenn man sich auf die eigenen Wurzeln besinnt. Ich habe nur den Eindruck, dass in einzelnen Fällen die Geschichte instrumentalisiert und zurechtgebogen wird in einer Weise, die einfach nicht stimmt. Schon allein den Ausdruck „jüdisch-christliche Tradition Europas“ müsste man einmal hinterfragen. Es gibt eine jüdische Tradition und es gibt eine christliche Tradition. Aber das geht nicht so schön harmonisch zusammen, wenn man in die Geschichte hineinschaut. Da muss man schon aufpassen, dass man nicht plötzlich etwas zusammenlegt, was geschichtlich nicht stimmt und auch in der Auswertung fragwürdig ist.

Zumindest territorial gehört der Islam ja durchaus zur Geschichte Europas, auch wenn er in Westeuropa – abgesehen von der wichtigen Ausnahme Spaniens – kulturell nicht prägend gewirkt hat. Zumindest auf dem Balkan und den sehr östlichen Gebieten Europas ist der Islam Mehrheitsreligion. Was die Kirche hier tun kann? Einen kühlen Kopf bewahren. Die Reform der Kirche muss primär aus dem eigenen Fundus geschehen. Man darf sich nicht auf politische Krücken stellen, die populistisch oder anders sind. Ich finde das sehr gefährlich.

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