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Billigarbeiter in App-Hängigkeit

Die Shareconomisten agieren ungebremst, aggressiv und schnell. Sie schaffen ein Heer an rechtlosen Handlangern. Wollen wir das?

Es ist absurd. Während sich unsere Gesellschaft nach jahrelangen Diskussionen auf einen Mindestlohn verständigt, erzeugt die Shareconomy per App-Business ein Heer an rechtlosen Handlangern – abseits von Mindestlohn, Schutzmechanismen oder gar Steuern. Investoren applaudieren. Und nicht nur die.

Lasst uns teilen! Das Digitalbusiness macht aus der Tugend eine Shareconomy. Und die funktioniert ganz einfach: Ein digitaler Meetingpoint, eine App für smarte Phones, führt Problem und Lösung zusammen. Man vernetzt Bedürfnisse, man könnte auch sagen, makelt. Das leerstehende Zimmer in der privaten Wohnung wird zum Hotelersatz, der private Wagen zum Möchtegerntaxi und in Zukunft der geschickte Handwerker zum Günstig-Klempner. Das ist teils bereits Realität, sei es bei einer Art deutscher „Tramper- App“ oder via internationale Anbieter im Mietwagen/Taxi- und Hotelgewerbe. Wer bei der Tochter eines deutschen Startups in Indien Fahrer werden will, müsse schlicht ein eigenes Motorrad mitbringen, bekomme ein T-Shirt und einen GPS-Sender gestellt, heißt es auf einer Handelskonferenz in Paris zur Zukunft der Logistikbranche. Und UBER-CEO Travis Kalanick schildert, dass er sich eine App für Gelegenheitsklempner vorstellen könne. Nachzulesen im Wall- Street-Journal.

Der App-Anbieter hat kein Risiko

Der App-Vermittelte semiprofessionelle Dienstleister ist unter Businessblickwinkel vor allem ein Sparmodell. Der App-Anbieter, also der Makler, hat keine Angestellten, zahlt keinen Mindestlohn. Er vermittelt lediglich, gibt den Preis vor, steuert gegenseitige Bewertungen und verteilt die Aufträge. Sein Business via App ist ein Provisionsmodell. Und weil das Ganze eine Art Massen-„Nachbarschaftshilfe“ ist, entfallen aus seiner Sicht die üblichen Brancheneinschränkungen. Es gilt: Ich habe ein Auto, also bin ich Taxi. Ich habe ein freies Zimmer, dann kann ich auch Hotel. Ich brauche dazu weder einen Personenbeförderungsschein, noch eine Ortskenntnisprüfung, ein jährlicher Gesundheitstest entfällt und zuhause gibt es weder Feuerlöscher noch Notausgang. Einnahmen bleiben beim App-Anbieter versteckt. Das ist Teil des Modells, schließlich ist der Privat-Fahrer weder ein Taxi-Unternehmen, noch der Zimmeranbieter ein Hotel. Steuern und Finanzamt entfallen. Und selbst wenn die Finanzbehörden nachfragen: Jeder vermakelte Dienstleister handelt eigenverantwortlich. Er ist keineswegs Angestellter des App-Anbieters, er ist lediglich App-Hängiger, denn er erhält seine Kunden via Internet. So wächst ein wirtschaftliches Irgendwo dazwischen. Der App-Anbieter hat kein Risiko.

Übertrieben – nein, keineswegs. Die Idee der Shareconomy boomt. Besonders bei Investoren. Sie hoffen auf das ganz große Geschäft. Der Hotel-Ersatz airbnb und Möchte-Gern-Taxi-Services wie Uber und Co. erhalten als Investorenwette auf die Zukunft Milliardensummen. Uber erlangt damit einen Börsenwert von 18,6 Milliarden US-Dollar, airbnb von 10 Milliarden US-Dollar. Und es gibt Beifall, etwa von EU-Kommissarin Kroes oder der deutschen Monopolkommission. Innovative Services sind schließlich Zukunft. Das Internet wird zum Heilsbringer erklärt.

Hoteliers und Taxifahrer werden dagegen zu Relikten aus der Pre-Internet-Zeit tituliert, als Dinosaurier gestriger Geschäftsmodelle diffamiert. Argumentieren diese Businesszweige mit einschränkenden Regeln, mit denen der Gesetzgeber eigentlich Wildwuchs vorbeugt, verweisen Startups darauf, dass die Gesetze doch aus der Vor-Internet Zeit stammten, eigentlich überholt sein…

An allen Regeln vorbei

Die Shareconomisten agieren ungebremst, aggressiv und vor allem schnell. Innovativ ist eine Idee nur, welche die Kraft hat, ganze Märkte neu zu gestalten. Egal wie. Investoren orientieren sich dabei nach möglichen Gewinnen. Aggression heißt in der logischen Konsequenz, bestehende Marktregularien außer Kraft zu setzen und schnell Tatsachen schaffen, am besten weltweit. Das Digitalbusiness ist international. Nur so können bestehende Märkte überrollt werden.

Geschwindigkeit ist Strategie. Man muss schnell sein. Sehr schnell. Mit rasanter Verbreitung werden alle Kritiker überfahren – Mitbewerber, Politik und die Kontrollbehörden. Es werden Markttatsachen geschaffen, an allen Regeln vorbei. Es gilt: Ein Fortschrittsrad lässt sich nicht zurückdrehen. Diskutiert wird hinterher. Vielleicht.

Doch was scheinbar verheißungsvoll als neue Idee in Richtung Zukunft weist, kann auch als Rückschritt verstanden werden. Der Gewinner einer solchen Shareconomy ist ausschließlich der Makler, er verdient bei jedem Teilen. Er besetzt die Schlüsselposition; er verteilt; er gestaltet die Regeln für Geber und Nehmer. Er kreiert seine eigenen Regeln. Kunden verlieren dabei ihre Schutzmechanismen und die neuen Dienstleister arbeiten in rechtlicher Grauzone. Kunde und Dienstleister sind bestenfalls in der benötigten kritischen Masse Kriterium.
Demgegenüber steht eine, zugegeben old fashioned wirkende, doch funktionierende und durchaus schützenswerte Sharingkultur. Hierzulande stützt jeder Umsatz, jede Dienstleistung, jeder Einkauf, jede Lohnzahlung, indirekt die Errungenschaften unserer Gesellschaft. Dieses Modell ermöglicht erst Diskussionen um Themen wie ein bedingungsloses Mindesteinkommen. Diese Form der Sharingkultur ist ein starkes Fundament.

Die Frage wird ignoriert, schlicht überfahren

Zugleich hat unsere Gesellschaft aus gutem Grund vielen Branchen mit Blick auf den Kunden harte Bandagen angelegt: Notausgang- und Feuerlöscherpflicht im Hotel, Tarifbindung, Techniktest fürs Fahrzeug, Orts- und Gesundheitsprüfung der Taxi-Fahrer und vieles mehr. Ein Regelwerk für jede Branche, gewachsen aus Erfahrungswerten, um den Kunden schützen. Es werden demnach keineswegs Branchen oder gar Kartelle bevorteilt, wie es aus der Politik formuliert wird, es werden über diese Regelungen Kunden geschützt. Und bei der etablierten Branche werden diese Einschränkungen kontrolliert, hart geprüft. Ein Beispiel: Während App-Anbieter Billigfahrten über Privat- Fahrer anbieten, misst das vorgeschriebene Fiskaltaxameter eines jeden Taxis in Hamburg die penible Einhaltung der Tarifpflicht. Der Preis ist festgezurrt – Tarifsicherheit für den Fahrgast, das Finanzamt liest mit.

Diese Grundlagen sollen nun alle durch eine wildwuchernde Shareconomy überflüssig werden? Die Frage wird erstaunlicherweise gar nicht diskutiert. Sie wird ignoriert, schlicht überfahren. Obwohl die gesetzlichen Regelungen eindeutig sind, werden mit Investorenkapital die neuen Geschäftsmodelle quer übers Land zementiert. Es gibt Proteste, jeder kennt die Regeln. Doch: harte Reaktionen seitens der Politik oder der zuständigen Ämter fehlen größtenteils.

Das ist verwunderlich, in einem Land, das sogar von Straßenmusikanten in der Fußgängerzone eine behördliche Genehmigung abverlangt. Es wird Zeit, die neue Shareconomy kritisch zu betrachten. Oder wollen wir tatsächlich ein Heer an Billigarbeitern in App-Hängigkeit?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Wolfgang Ockenfels , Thilo Spahl.

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