Das Turiner Grabtuch stammt aus dem Herzen der Christenheit. Das ist jene winzige Kammer im Labyrinth der Altstadt Jerusalems, wo Jesus von Nazareth nach seiner Hinrichtung am 6. April des Jahres 30 beigesetzt wurde, bevor die Venus am Abendhimmel sichtbar wurde: bevor Pessach begann, das große Fest vom “Vorübergang Gottes”. Das Grab wurde später zugeschüttet, überbaut und wieder freigelegt, zerstört und wieder aufgebaut.
Johannes, ein Augenzeuge dieser Ereignisse, hat uns am genauesten über all das informiert. Zwei Nächte nach der Hinrichtung hatte Maria Magdalena ihn und Petrus in der Morgendämmerung alarmiert. Das Grab sei leer, rief sie aufgeregt. Irgendetwas sei geschehen. Doch wenig später heißt es dann: “Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden da liegen.” Da war es, das “Turiner Grabtuch”, jene kostbare lange Leinwand, die Joseph von Arimatäa am Vorabend des Paschafestes im Jerusalemer Basar für das Begräbnis Jesu gekauft hatte, um ihn darin “nach jüdischer Sitte” bestatten zu können.
Das Tuch hält die Majestät des Gekreuzigten fest
Bis jetzt erzählt dieses Grabtuch mit seinen Blutspuren jede Wunde einzeln nach, die Jesus bei seinem Foltertod beigebracht wurde. Es ist der allererste Bericht seiner Passion. Dazwischen ruht ein zartes Negativabbild des nackten Gekreuzigten ohne Kontur, ohne Farbe, das nur noch unerklärlich ist. Es ist ein Lichtbild, das zwischen den Blut- und Wasserflecken überlebt hat, gegen alle Wahrscheinlichkeit und ohne einen einzigen Widerspruch zu allen Aussagen der Evangelien über die Passion Christi. Das Tuch hält die Majestät des Gekreuzigten ebenso fest wie forensische Details einer doppelten Auspeitschung mit anschließender Kreuzigung, die kein Mensch mehr wusste, seit Kaiser Konstantin im Jahr 320 diese Hinrichtungsmethode für das gesamte römische Weltreich verbot.
Dass aber Johannes das Bild auf dem Tuch später nirgendwo erwähnt und auch nicht das Tuch, hat Ursachen, die mit dem jüdischen Bilderverbot nur wenig zu tun haben. Dafür kann es nur eine Erklärung geben. Denn das Widerlichste und Unreinste, was man sich in der Welt des Judentums vorstellen kann, sind Objekte, die mit einer Leiche in Berührung gekommen sind. Undenkbar, Gegenstände aus einem Grab zu verehren! Die Grabtücher Christi durften deshalb also auf gar keinen Fall von den Anhängern Jesu öffentlich verehrt werden. Es war nicht nur klug, die Grabtücher augenblicklich zu verstecken. Es war ein Muss.
Das war nur rätselhaft, unerklärlich und wunderbar
Diese Notwendigkeit schuf von Anfang an einen Geheimraum im Herzen der Ur-Gemeinde, dessen Inhalt nicht kundgetan werden konnte. Danach darf sich keiner mehr über den “garstigen Graben” des Schweigens wundern, in dem das Grabtuch jahrhundertelang verborgen blieb. Denn nicht die Bilderschrift war das eigentlich Skandalöse, mit der dem Tuch hier ein allererster Bericht der Passion Christi eingeschrieben war. Das war nur rätselhaft unerklärlich und wunderbar. Wahrhaft skandalös hingegen war es, dass dieses erste Bilddokument der Osternacht auf dem unreinsten Material abgefasst war, das sich im Judentum überhaupt nur denken ließ. Mit diesem Tuch aus dem Grab Christi war das jüdische Reinheitsgebot für das “neue, weltweite Israel”, als das sich die frühe Kirche bald verstand, schon in der Osternacht für immer gefallen, für jenen Umkehrschub der jüdischen Geschichte, den wir uns nicht revolutionär genug vorstellen können.
Paul Badde ist Autor des Buches Das Grabtuch von Turin oder Das Geheimnis der heiligen Bilder (Pattloch-Verlag)
















