Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Das Welt-Puzzle

Dass die Globalisierung am Ende ist, glauben nur die Europäer. Denn weltweit werden für jeden neuen Graben Dutzende neue Brücken gebaut.

Schottland erwägt die Unabhängigkeit von Großbritannien, Katalonien verlangt nach Autonomie innerhalb Spaniens, und die Bürger von ­Venedig haben sich jüngst in einer inoffiziellen Umfrage für eine Abspaltung von Italien ausgesprochen. In ­Europa wird den regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen also wieder verstärkt das Wort geredet – für manche Beobachter deutet dieser Trend sogar auf das Ende der Globalisierung hin: Transnationale Integration ist scheinbar aus der Mode gekommen und ersetzt worden durch die Regionalisierung der Politik.

Diese Sichtweise ist Ausdruck eines fatalen, kurzsichtigen Eurozentrismus: Europäische Trends können nicht länger als Indikatoren für weltweite Entwicklungen herhalten. Natürlich fußt die Globalisierung auf wichtigen, westlichen Fundamenten, von den Finanzinstitutionen der Nachkriegszeit – der Weltbank und dem IWF – bis hin zu multinationalen Unternehmen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren erstmals globale Märkte für sich erschlossen haben. Dieses westliche Erbe ist Fakt und sollte nicht verleugnet werden. Doch die Globalisierung ist ihren europäischen und nordamerikanischen Ursprüngen längst entwachsen.

Zwangsjacke der Nationalstaatlichkeit

Einschätzungen zu globalen Trends machen daher zwei gedankliche Neuausrichtungen ­erforderlich. Erstens müssen wir uns wohl von der Vorstellung verabschieden, dass Glo­ba­lisierung ein westliches Phänomen ist. Wer die Entwicklungen der Gegenwart verstehen und analysieren will, muss sich dazu der Perspektive globaler Geschichte bedienen. Zweitens müssen wir die Vorstellung aufgeben, dass Unabhän­gigkeits- und Autonomiebewegungen eine Antithese zur Globalisierung darstellen. Sie sind Teil eines natürlichen, evolutionären Prozesses hin zu einer vernetzten globalen Zivilisation. Der Grund ist folgender: Die Zwangsjacke der Nationalstaatlichkeit wird für Städte und Regionen oftmals zur Belastung. Die Forderung nach Unabhängigkeit ist Ausdruck eines Verlangens nach alternativen Organisationsmodellen.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Nationalstaaten bedeutungslos werden: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist ihre Zahl enorm gestiegen. Doch wir müssen konstatieren, dass immer mehr Entwicklungen grenzübergreifend ablaufen: Technologischer Wandel, die Verbreitung neuer Kommunikationstechnologien und der Ausbau von Infrastruktur folgen globalen Gesetzen. Für jeden Kilometer an Grenzzäunen errichtet die Menschheit heute mehrere Kilometer an grenzübergreifender Infrastruktur: Schienen, Straßen, Pipelines, Kabelverbindungen, Brücken, Tunnel. Global werden derzeit etwa 1,3 Billionen Euro pro Jahr in militärische Technologien investiert, aber 2,5 bis 4 Billionen Dollar in Infrastruktur. Das ist eine historisch einmalige Entwicklung, die zeigt: Der Nationalstaat muss nicht verschwinden, damit kleinere Entitäten an Einfluss gewinnen können.

Fragmentierung von Macht ist ­unausweichlich

Infrastruktur macht Vernetzung möglich und befähigt Städte und Regionen, ihre Beziehungen zum Rest der Welt eigenständiger zu bestimmen. Die Charakterisierung regionaler Bewegungen als engstirnig und rückwärtsgewandt ist daher eine Fehldeutung. Das Gegenteil trifft zu: Je mehr kleine Puzzleteile die globale Ordnung hat, desto weniger autark kann jedes einzelne Teil sein. Ein Beispiel: Die Anzahl der von Nahrungsmittelimporten abhängigen Länder steigt beständig an, und auch die Menge der grenzübergreifend gehandelten Nahrungsmittel nimmt zu. Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin verkündet, Importe aus bestimmten Ländern als Antwort auf westliche Sanktionen zu verbieten, so ist dies lediglich die Ausnahme, mit der sich die Regel bestätigen lässt. Ein gegenläufiger Trend lässt sich daraus nicht ableiten.

Die Welt von morgen ist notwendigerweise komplexer und vielschichtiger; die Fragmentierung von Macht unausweichlich und unwiderruflich. Der Zuwachs an souveränen Nationalstaaten ist dafür das beste Beispiel: Multiethnische Staaten zerfallen und werden­ ersetzt durch kleinere, nationalstaatlich-souveräne Entitäten. In den 1990er- und 2000er-Jahren ließ sich diese Entwicklung auf dem Balkan beobachten; heute sehen wir im Nahen Osten ähnliche Trends. Ein zweites Symptom ist die Verlagerung von Macht hin zu nichtstaatlichen Akteuren, von Unternehmen und NGOs bis hin zu terroristischen Vereinigungen.

Die historische Analogie dieser Entwicklungen ist die Welt des 12. und 13. Jahrhunderts. Damals waren Machtzentren über die ganze Welt verteilt, von der chinesischen Song-Dynastie hin zu den Kalifaten und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen. Grenzübergreifender Handel war bis zum Aufkommen der Pest die Norm im eurasischen Raum. Die Idee des Nationalstaats war noch nicht geboren; Macht lag stattdessen bei Städten, Handelsgilden, Söldnerbanden, im Vatikan, usw. Eine ähnliche Vielfalt an Akteuren lässt sich auch heute wieder beobachten.

Natürlich steigt damit auch die Gefahr globaler Ungleichheiten: Viele Länder und Regionen sind von Subventionen abhängig und laufen Gefahr, noch weiter abgehängt zu werden. Nationalstaatliche Zersetzung und Bürgerkriege sind mögliche Folgen – doch die Kosten-Nutzen-Logik der Globalisierung ist vor allem eine positive Dynamik, mit der sich ineffizientes, monopolistisches und uninspiriertes Regieren verhindern lässt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Iavor Rangelov, George Ritzer, Harold James.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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von Florian Guckelsberger
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