Mein Instinkt verbietet mir Stellungnahmen. Helge Schneider

Kollektives AfD-Bashing wird zum Rohrkrepierer

Wenn einem besonnenen Mann wie Kanzleramtschef Peter Altmaier vier Tage vor einer Bundestagswahl zur AfD nur der undemokratische Appell einfällt, dass Nichtwählen besser sei als AfD zu wählen, dann muss die Not des politischen Establishments groß sein. Dieser Wahlkampf war für mich ein Lehrstück, wie man eine sich selbst zerlegende Partei durch Dämonisierung und Stigmatisierung wieder stark macht.

Dieser Wahlkampf zeigte für mich lehrbuchmäßig, wie eine Partei, die sich durch persönliche Intrigen, öffentlich ausgetragene Machtkämpfe und juristische Scharmützel bei der Aufstellung von Landeslisten selbst aus dem Rennen um Bundestagsmandate zu nehmen schien, fröhliche Wiederauferstehung feiert – dank der Dämonisierung und Stigmatisierung durch die versammelte etablierte Konkurrenz.

Die AfD hat Honig aus der Stigmatisierung gesaugt

Ja, die AfD hat – je länger der Wahlkampf dauerte – immer mehr Honig aus der ihr von allen Seiten zugeschriebenen Rolle als „Tabubrecher“ und „Nazi-Partei“ saugen können. Eine Partei, über die sich alle etablierten politischen Lager und Medien so furchtbar aufregen, ist die ideale Projektionsfläche für von der Politik Frustrierte. Und davon gibt es ja weiß Gott viele – nicht nur im Osten. Wenn dann der Hausmeier der Kanzlerin, Kanzleramtschef Peter Altmaier, vier Tage vor dem Wahlsonntag das Nichtwählen in mißverständlichen Interviews als demokratischer einstuft als das AfD-Wählen, dann mobilisiert er Protestwähler erst recht zur AfD-Wahl. Was hat den besonnenen Altmaier zu diesem undemokratischen Ausfall bewogen? Das Gespür vielleicht, dass die Union am Sonntag prozentuale Verluste mindestens in der Größenordnung der SPD zu erwarten hat?

Kauder: “Mit denen möchte ich nicht in Talkshows sitzen.”

Nur zur Erinnerung: Nach der Abwahl des Parteigründers Bernd Lucke im Juli 2015 und der anschließenden Abspaltung der eurorettungsskeptischen „Professorenriege“ schien das Ende der AfD besiegelt. Abgesänge wurden bereits angestimmt. Doch eine etablierte Allparteien-Willkommenskultur entpuppte sich im Herbst 2015 als Katalysator einer AfD-Wiedergeburt, die zu hohen Wahlergebnissen bei den Landtagswahlen des Jahres 2016 führte. Statt die Sorgen vieler AfD-Wähler vor den Folgen der Masseneinwanderung, der Angst vor dem fundamentalistischen Islam und der Furcht vor zunehmender Kriminalität ernsthaft aufzugreifen, wurde monatelang mediale und politische Ausgrenzung betrieben. Der AfD-Wähler wurde pauschal als intoleranter Rassist geschmäht oder gleich in die Nazi-Schublade gesteckt. Das mochte für eine Reihe von Funktionären der AfD die zutreffende Einordnung sein, aber nicht für Millionen Wähler der neuen Partei. CDU-Fraktionschef Volker Kauder hatte bereits nach dem Einzug der AfD ins Europaparlament im Jahr 2014 die Devise ausgegeben: „Mit denen möchte ich nicht in Talkshows sitzen." Die AfD nahm die „Märtyrer-Rolle“ dankend an, lebt man damit bekanntlich doch ganz schön bequem und lange.

AfD-Bashing wird zum Rohrkrepierer

Inzwischen kann zwar von medialer Ausgrenzung keine Rede mehr sein. Es gibt kaum ein TV-Format, in dem nicht auch regelmäßig AfD-Vertreter einen Platz haben. Doch das kollektive „AfD-Bashing“ ist ihnen gewiss – von der Konkurrenz und oft auch von der Moderation. Weil am Ende dieses Wahlkampfs entweder die Fortsetzung der ausgelaugten „Großen“ Koalition oder ein Dreierbündnis aus Union, FDP und Grünen stehen dürfte, taten sich die etablierten Akteure bei keinem Thema wirklich weh. Man weiß ja schließlich nie, ob man nach der Wahl nicht mit am Kabinettstisch sitzt. Allein die AfD ist zum gemeinsamen Feindbild erkoren worden, hat diese Rolle auch nur zu gern provoziert und kultiviert. Deshalb wissen die meisten Unzufriedenen am Wahltag, wo sie ihr Kreuz machen müssen, wenn sie das politische Establishment düpieren wollen. So könnte das AfD-Bashing für das Establishment zum Rohrkrepierer werden.

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