Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Frank-Walter Steinmeier

Die Welt guckt nach Deutschland

In die deutsche Energiepolitik ist Bewegung geraten. Auch in anderen Ländern hat es eine Atempause in Sachen Kernenergie gegeben, aber in keinem Land ist die Absetzbewegung von der Kernenergie so dramatisch ausgefallen wie bei uns. Woran liegt das?

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat vor allem in Deutschland große Wellen geschlagen. Mehr als 70 Prozent aller Artikel, die in Europa über Fukushima geschrieben wurden, sind in Deutschland erschienen, in Frankreich und England steht nach wie vor das Erdbeben mit dem anschließenden Tsunami im Mittelpunkt der Berichterstattung. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Politik macht sich ein Umdenken breit: So haben CDU und FDP eine Kehrtwende in der Energiepolitik vollzogen: die älteren Reaktoren wurden sofort für drei Monate abgeschaltet und eine Ethikkommission wurde eingesetzt, um die Risiken der Kernenergie und die Chancen einer Energiewende zu bewerten. Wie kam es dazu?

Politik, Angst und Wut

Zum Ersten spaltete die Atomenergie von Anfang an die politischen Lager in Deutschland. Die grüne Bewegung beispielsweise ging maßgeblich aus Anti-Atomkraft-Initiativen hervor und bildet bis heute in dieser Frage die prägende politische Kraft der Bundesrepublik. Immer noch eint der Protest gegen die Kernkraft alle Flügel der grünen Partei – von den Realos bis zu den restlichen noch vorhandenen Fundis. Mit Fukushima sehen sie nun die einzigartige Chance, endgültig aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen.

Zum Zweiten (und das ist nicht nur typisch für Deutschland) haben alle Technologien ein großes Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann – so wie die Strahlung von Kernbrennstoffen. Sie treten an die Stelle von realen Gefährdungen wie bestimmten Krankheiten oder Hunger, die früher die Menschen sorgten, aber heute weniger präsent sind oder gar völlig fehlen.

Ein dritter Punkt lässt sich auf die umstrittene Laufzeitverlängerung zurückführen, die zur Entstehung und Förderung des Wutbürgertums beigetragen hat. Fukushima stellt quasi eine Art Projektionswand dar, auf der Fragen zur Kernkraft wie die verlängerten Laufzeiten oder das fehlende Endlager nochmals abgebildet werden.

Die Welt guckt nach Deutschland

Alle Welt sieht jetzt auf Deutschland, ob es diesem Hochtechnologieland gelingt, in absehbarer Zeit aus der Kernenergie auszusteigen und gleichzeitig Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Es würde den gesamten Atomausstieg konterkarieren, wenn Deutschland den fehlenden Strom aus tschechischen oder französischen Kernkraftwerken importieren würde. Die Energiewende muss ein nationales Programm werden, das Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam angehen. Die Energiewende ist nach Ansicht der meisten Wissenschaftler und Energiefachleute möglich, allerdings nicht zum Nulltarif. Sie ist auf Investitionen in Infrastrukturleistungen und auf ambitionierte Effizienzgewinne angewiesen. Dies setzt nicht nur ein Umdenken in vielen Chefetagen von Wirtschaft und Politik, sondern auch eine Einsicht der Bürgerinnen und Bürger voraus, dass die Energiewende ohne neue Netzleitungen und Speicherkraftwerke Makulatur bleibt.

Ein zügiger Ausbau der Infrastruktur braucht aber nicht an dem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger an mehr Beteiligung zu scheitern. Im Gegenteil, je mehr die Bürgerschaft in die Entscheidungsfindung eingebunden wird, desto eher ist auch damit zu rechnen, dass das, was sie in jeder Umfrage mit über 80 Prozent als Präferenz äußert, auch in die Realität umgesetzt wird. Jetzt ist Zeit, dass Wahrnehmung und Realität zusammenkommen. Wenn das gelingt, wird das Ausland dies mit Hochachtung und Respekt kommentieren. Wenn nicht, wird der deutsche Sonderweg zum Gespött aller.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    einweitererleser – 31.05.2011 - 23:08

    Die Energiewende setzt die Einsicht bei den CitoyenNEs voraus, dass Netzwerke und Speicherkraftwerke v o r d e r e i g e n e n H a u s t ü r e n e u z u b a u e n eine unbedingte Notwendigkeit ist.

    Weil aber St. Florian, der z. B. verhindert, dass die Flugverkehr-Entlastungsstrecke zwischen Paris und Prag einen schicken subterranen Bahnhof nahe Daimler bekommt, der Genius unserer Zeit ist, werden Energieerzeugungsanlagen, die nicht zwingend außerhalb der Sichtweite von Stefan Austs Gestüt nahe Emden und somit nicht mind. 50 km vor der Küste platziert sind, keine Chance auf Realisierung haben.

    Ich wohne nordöstlich von Biblis und kann mir ein Gaskraftwerk an selben Standort vorstellen. Nur wenige der Anti-AKW-Demonstranten können das, zu wenige. Der Protest zementiert den Status Quo.

  • Theeuropean-placeholder
    kleinErna – 31.05.2011 - 23:58

    Wenn Jeder nach seinem eigenen Befinden schon im Vorfeld sagt, “das geht nicht”, dann geht’s auch nicht.

    Wenn man aber versucht, Jeden davon zu überzeugen, dass es nur gemeinsam und mit Abstrichen für Jeden (ohne Ausnahme!) geht, kann man vielleicht doch Alles zeitnah so umsetzen, dass es geht.

    Eine technische Frage stellt sich mir allerdings, vielleicht hab ich ja auch nicht richtig aufgepasst?
    “Warum brauchen wir neue Trassen? Die jetzige Versorgung läuft doch auch über schon bestehende Trassen, warum also Alles neu?”

    Klar, das Eine oder Andere ist marode und muss erneuert werden. Es scheint aber doch so, als könne erneuerbarer Strom nicht über dieselben Leitungen verteilt werden, als der bisherige Strom, egal woraus er hergestellt wird.

    Warum ist das so? Wer weiß das (definitiv!)? Wer kann’s erklären?

  • Theeuropean-placeholder
    jeremy – 01.06.2011 - 10:37

    liebe erna

    es braucht neue trassen, weil der strom z.b. bei windkraft im norden produziert wird und anschließend in den süden transportiert werden muss. den es wird auf absehbare zeit keine offshore-anlagen bei biblis und isaa1/2 geben.

  • Theeuropean-placeholder
    huber – 02.06.2011 - 20:14

    Man spricht gemeinhin immer vom “fließenden elektrischen Strom” – aber das ist eigentlich falsch. Denn in unseren Leitungen haben wir Wechselstrom und da fließt eigentlich so gut wie gar nichts. Es wird nur die Spannung gehalten mit 50 Hz Frequenz und natürlich hat´s auch ordentlich Stromstärke – sprich Ampere. Es ruckelt also nur 50x in der Sekunde hin und her – kein Transport im eigentlichen Sinne. Wenn es fließen müsste (z.B bei Gleichstrom) käme schon in 100km Entfernung nicht mehr viel an. Alles würde in Wärme verpuffen. Das hat man schon vor über 100 Jahren entdeckt und deshalb von Gleichstromm auf Wechselstrom umgestellt. In ganz Deutschland haben wir ein Verbundnetz zwischen den Energieversorgern, um regionale Stromausfälle abzusichern. Anders wie bei den Japanern, wo die Netze der Konzerne nur jeweils für sich alleine stehen. Deshalb gab´s ja auch tagelang keinen Strom im Versorgungsbereich von Tepco nach der Katastrophe von Fukushima. (Anm.: Und das soll ein Hochtechnolgieland sein?). Und deshalb sei trotzdem hier noch einmal die Frage gestellt: Warum überhaupt neue Stromtrassen durch das ohnehin schon gequälte Land ziehen. Es müsste doch im wesentlichen reichen die Bestehenden zu erneuern oder auszubauen. Und überhaupt: dezentrale Energiegewinnung ist viel besser. Also überall etwas einspeisen. Die Leitungen dafür gibt es jetzt schon.

Aus der Debatte

Ausstieg aus dem Atomausstieg

Strategie der Energiewende

H

Die Energiewende wird kompliziert. Was müssen wir tun, wenn die AKW planmäßig vom Netz gehen sollen? Effizienzsteigerungen sind eine Konsequenz, eine dezentrale Stromversorgung ebenfalls. Klar ist: Der Staat ist gefragt.

Faculty-christophburger-hd
von Christoph Burger
06.06.2011

Die Lehre aus Fukushima

110906806 2

Innovation entsteht aus Chaos – in diesem Sinne interpretiert bedeutet Fukushima nicht nur menschliches Leid, sondern auch Hoffnung. Nämlich die auf eine weiter...

Fk
von Florian Keisinger
30.05.2011

Klima- und Naturschutz

103498268 1

Kein anderes Politikfeld ist in Deutschland so umstritten wie die Energiepolitik. Der Widerstreit zwischen Klima- und Naturschutz ist da nur ein Beispiel v weiter...

M_ller_hildegard
von Hildegard Müller
24.05.2011

Mehr zum Thema: Atomausstieg, Atomkraft, Wohlstand

Debatte

Stockende Energiewende

Martin_abegglen_ccbysa

Stockende Energiewende

Solarstrom wird immer weniger subventioniert - die Energiewende ist auch deshalb ins Stocken gekommen. Stattdessen setzt Wirtschaftsminister Rösler mit Kohle auf die falsche Energiequelle. weiterlesen

Bautz1web
von Christoph Bautz
12.03.2012

Debatte

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Greg_dunlap_ccby

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Die Abschaltung der Atomreaktoren war die richtige Reaktion – denn die Technik birgt nicht nur Risiken, sondern sie eignet sich auch nicht als Brückentechnologie. Deutschland macht vor, wie der Spa... weiterlesen

Gr_ndinger_wolfgang
von Wolfgang Gründinger
11.03.2012

Debatte

Erneuerbare Energien in Deutschland

Energiedebatte

Erneuerbare Energien in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung torpediert die Energiewende und den Klimaschutz. Eine Bürgerbewegung wird beides erkämpfen müssen. weiterlesen

Hubert_weigner
von Hubert Weiger
29.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert