Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

VW: hier herrscht Hochspannung!

Der Abgasskandal verschlingt noch immer Milliarden, doch Quartal um Quartal steigt der Absatz. Einerseits spielte bislang mit der Zukunft der Mobilität kaum eine Rolle, andererseits stehen seit der IAA plötzlich Milliardeninvestitionen in die Elektrifizierung der Modellpalette im Raum – und zwar derart massiv, dass der Konkurrenz schwindelig werden kann. Stürmt VW nun an die DAX-Spitze?

Die deutsche Automobilindustrie hat es derzeit wahrlich nicht leicht. Die Grünen, die allem Anschein nach bald Teil einer Regierung sein werden, wollen das Aus des Verbrennungsmotors bis 2030, Feinstaubhöchstwerte in den Städten und der Abgasskandal machen dem Diesel das Überleben zur Herausforderung und Anbieter wie Tesla, aber auch Renault, Nissan oder die Chinesen tun ihr Bestes, um Deutschlands Vorzeigeindustrie mit innovativen Antriebstechnologien in Zukunft düpieren zu können. All diese Faktoren haben sich zu einem großen Angst- und Unsicherheitsgemisch zusammengebraut. Von den Autokäufern über die Politik bis hin zum Anleger scheint jeder verunsichert. Und wie so oft sind die Auswirkungen von Unsicherheit vor allem am Finanzmarkt am deutlichsten zu spüren.

Nachdem es nach Bekanntwerden des VW-Dieselskandals 2015 sowohl für Volkswagen selbst als auch für Daimler und BMW an der Börse abrupt und steil bergab ging, konnten sich deren Papiere bis heute nicht mehr wirklich erholen. Auch wenn zuletzt ein Aufwärtstrend erkennbar war, steht seit jenem März bei Daimler und BMW ein Verlust von 27 Prozent und bei Volkswagen einer von stolzen 44 Prozent. Während die Konzerne aus München und Stuttgart hauptsächlich unter dem schlechten Bild leiden, dass die deutsche Autoindustrie derzeit von der Öffentlichkeit „geschenkt“ bekommt, ist die Börsenzukunft von VW besonders spannend. Hier scheint zwischen Kurssturz und Gipfelsturm alles möglich.

Erst vor kurzem mussten die Niedersachsen mal wieder eine Belastung ihrer Quartalsergebnisse aufgrund des Abgasbetrugs vermelden. 2,5 Milliarden Euro dienen in Quartal drei erzwungenermaßen der Risiko-Aufstockung. Insgesamt summieren sich die mit dem Skandal verbundenen Aufwendungen damit auf 25,1 Milliarden Euro. Und weiterhin ist unklar, was noch an Klagen hinzu kommt und welche der laufenden gut oder schlecht für VW ausgehen. Überstanden hat man seinen größten Fehler der Konzerngeschichte wohl noch lange nicht. Und das ist gefährlich. Denn die damit einhergehenden Milliardenverluste könnten Investitionen in wichtige Zukunftsfelder erschweren. Wobei von solchen Schwierigkeiten, angesichts der Milliarden, die man nun in die E-Mobilität investieren will, bisher wenig zu sehen ist. Wir wollen Volkswagen bis 2025 zur weltweiten Nummer Eins in der E-Mobilität machen. Und dieses Ziel werden wir erreichen.“, gab sich Chef Matthias Müller am Rande der IAA kämpferisch wie selten zuvor.

Bereits 2015 drei Millionen e-Volkswagen jährlich?

Was er dann ankündigte, lies aufhorchen: 20 Milliarden Euro sollen bis 2030 in die Entwicklung neuer E-Modelle fließen, 50 Milliarden in die Batterieproduktion. Bis zum Jahr 2025 sollen konzernübergreifend 80 neue PKW mit Elektro-Antrieb auf den Markt. 50 davon, so der Plan, werden einzig und allein mit Strom fahren, die restlichen 30 sollen Plug-In-Hybride werden. Alle Töchter mit inbegriffen will VW bis 2030 für jedes seiner 300 Modelle und in allen Segmenten mindestens eine elektrisch angetriebene Variante. Schafft es Volkswagen diese Pläne in die Tat umzusetzen, werden ab dem Jahr 2025 25 Prozent der neu produzierten PKW mit Batterie fahren, was einer Zahl von bis zu drei Millionen pro Jahr entspricht.

Zudem scheint der VW-Konzern, was die Absatzzahlen betrifft, wieder in der Spur. Und das überraschenderweise vor allem in den USA. In den ersten neun Monaten 2017 können die Wolfsburger hier auf ein Absatzplus in Höhe von 9,2 Prozent verweisen. Im vergangenen September verkaufte man knapp über 32.000 Autos, zirka 33 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Allerdings lief das Jahr 2016 für VW auch selten schlecht. Weltweit steht 2017 bisher ein Absatzplus in Höhe von 2,7 Prozent zu Buche. Einzig in Deutschland will es nicht laufen. In den ersten sechs Monaten 2017 ging der Absatz um etwa ein Prozent zurück. Markenvertriebschef Jürgen Stackmann blickt allerdings positiv in die Zukunft. „Auch im Heimatmarkt Deutschland zeichnet sich ein kräftiger Aufwärtstrend ab, die aktuellen Bestellungen liegen deutlich über denen aus dem Vorjahresmonat.“ Den Umsatz konnten die Wolfsburger im ersten Halbjahr 2017 weltweit um 7,3 Prozent auf knapp 116 Milliarden Euro steigern. Beim operativen Ergebnis ging es um 18,6 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro nach oben.

Analysten mehrheitlich auf der positiven Seite

Für Barclays-Analystin Kristina Church genug positive Aspekte, um die Aktie des Großkonzerns mit einem Kursziel von 174 Euro zum Kauf zu empfehlen. VW-Papiere seien im Automobilsektor offensichtlich unterbewertet, schreibt sie in einer Studie. Investoren würden allerdings noch daran zweifeln, ob das VW-Management durch aggressive Veränderungen den Wert des eigenen Unternehmens wirklich erhöht. Die Investmentbank Equinet setzt ihr Kursziel mit 166 Euro etwas niedriger, rät damit aber ebenfalls klar zum Kauf. In Bezug auf die guten Absatzzahlen im September schrieb Analyst Tim Schuldt: Der Autobauer sei auf Erfolgskurs geblieben und es seien weniger Anreize für Autokäufer nötig gewesen. Dies sei ein gutes Zeichen. Marc-Rene Tonn vom Analysehaus Warburg Research ist vorsichtiger und rät bei einem Kursziel von 155 Euro dazu die Aktie zu halten. Die zusätzlichen Rückstellungen für etwaige Garantieanspräche der US-Kunden im dritten Quartal unterstrichen die anhaltenden Risiken, welchen der Konzern durch den Abgasskandal ausgesetzt sei.

Die Analystentendenz, sie ist im Durchschnitt sehr positiv, aber natürlich ist der Abgasskandal noch lange nicht überwunden. Langfristig dürfte es wohl entscheidend sein, ob man seine hochgesteckten Ziele auch erreichen kann. Die Konkurrenz schläft nicht und innovative Antriebs- und Mobilitätslösungen werden von Volkswagen kommen müssen. Ebenso entscheidend: Die Rechtsstreitigkeiten in Sachen Abgasbetrug dürfen sich nicht zu einem Desaster entwickeln, wie es die Deutsche Bank durch ihre Machenschaften nach der Finanzkrise erleben musste.

Und was folgt daraus für Anleger? Wenn er Mut zum Risiko hat, greift er zu. Ansonsten reicht es vielleicht auch erstmal, den gespannten Beobachter zu spielen und auf kleinere Rücksetzer zu warten. Wer Börsianerblut in den Adern hat, wird indes längerfristig um VW kaum herumkommen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oliver Götz, Oliver Götz, Ulrich Stephan.

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