Ein neuer politischer Manichäismus greift um sich

von Nils Heisterhagen31.03.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ein neues Freund-Feind-Denken macht sich breit. Das philosophische Fundament dafür zum Beispiel schafft die Wut-Philosophie des AfD-Philosophen Marc Jongen. Aber selbst wenn Empörung angemessen ist, mit Wut muss das noch lange nichts zu tun haben

Ursprünglich war der Manichäismus eine Offenbarungsreligion in der Spätantike, benannt nach ihrem Gründer, dem Perser Mani. Heute ist der Manichäismus ein Begriff für einen starken Dualismus geworden. Manichäismus prägt eine Weltsicht, in der die Welt in gut und böse oder in Freund und Feind aufgeteilt wird.

Politischer Manichäismus

Und in politischer Hinsicht erlebt so ein Dualismus von gut und böse wieder eine Renaissance. Donald Trump spricht etwa diese manichäistische Sprache. Aber auch Ted Cruz, Frauke Petry, Björn Höcke, Geert Wilders, Marine Le Pen, Viktor Orbán oder Nigel Farage.Die Liste der politischen Manichäer ist lang.

Ihr politischer Manichäismus erinnert ganz im Sinne des Nazi-Philosophen und Staatsrechtlers Carl Schmitt an einen existenziellen Kampf gegen den Feind. Ihre Rhetorik erinnert an Kriegsrhetorik und Schlachtgebrüll. Kampf ist hier Motto. Aber kein politischer Kampf, wo der politische Kontrahent geachtet wird und wo die politische Debatte im Mittelpunkt steht. Wettstreit der Gedanken ist nicht das Motiv des politischen Manichäers.Der politische Manichäer kennt nur zwei Ausrichtungen: Richtig und falsch. Wir und die Anderen.

Und dann: Wir haben Recht, die Anderen Unrecht. Und große Symbolik und harte Worte sollen dann helfen sein Recht umzusetzen. Das Recht des Stärkeren, ein Neodarwinismus, ist das Instrument und das Ziel dieser Weltsicht.

Marc Jongen und seine Wut-Philosophie

Dem neuen politischen Manichäer geht es eher um die Entäußerung von Wut und um die Durchsetzung der eigenen Meinung gegen den Feind. Dieser Wut-Philosophie versucht der Hausphilosoph der AfD Marc Jongen, lange Assistent von Peter Sloterdijk, ein Fundament zu geben. Thymos ist eines seiner altgriechischen Lieblingswörter. Es lässt sich mit Wut oder Zorn übersetzen. Es ginge darum, dass man diesen Thymos auslebe. Und die AfD sei es, die diese Wut und den Zorn als politische Emotionen ernst nehme und diese befördere. Das sei wichtig, denn es gebe einen Mangel, eine Armut an Thymos in der Gesellschaft. Mehr Thymos – mehr Wut – sei gut, so Jongens Denkweg. Mehr Wutbürger sind so gut – gut für Deutschland insbesondere. Die AfD sei es, die den deutschen Thymos wieder stärken könne, weil sie die Wutbürger nicht nur begrüße, sondern auch ermutige ihre Wut zu äußern. Darum ist Jongen bei der AfD.

Jongen rekurriert bei seinen Überlegungen stark auf den Urvater der europäischen Philosophie, nämlich Platon. Thymos, das sei neben Logos und Eros nach Platon Teil des Gemütshaushaltes des Menschen. „Seelenfakultäten“ seien Logos, Eros und Thymos, so Jongen. Zu wenig Thymos sei daher letztlich nicht nur schlecht für die Gesellschaft, sondern auch schlecht für das Individuum. Die Wut müsse halt raus.

Empören sich Linke nicht?

Aber die Frage darf doch erlaubt sein: Wenn unsere liberale Gesellschaft zu wenig Empörung der Bürger habe, warum soll diese Empörung identisch mit Wut sein und warum soll sie vor allem einen Rechtseinschlag haben?

Empören sich viele Linke nicht schon seit Jahrzehnten über den Kapitalismus bei linken Demonstrationen, bei G20-Gipfeln, bei Occupy-Protesten, bei Stuttgart 21, bei Attac? Und empört sich der Greenpeace-Aktivist nicht? Empört sich die Feministin nicht? Empört sich der Schwulen- und Lesbenaktivist nicht?

Und sollte man dem Franzosen Stéphane Hessel, der im Jahr 2010 große mediale Resonanz für seinen Essay „Empört euch“ bekam, in dem er zum Widerstand gegen die politischen Entwicklungen aufrief, wirklich Wut als Leitmotiv unterstellen? War es bei Hessel, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebte, und zeitlebens eins engagierter Menschenrechtler war, nicht vielleicht vielmehr eine Form von Eros, eine Liebe zu Welt, die ihn zur Empörung brachte, weil die Welt eben nicht liebenswürdig ist, so wie sie sich bis zum Finanzcrash entwickelt hat? Wollte Hessel die Finanzkrise nicht eher als Geschichtszeichen sehen, dass sich nun wieder etwas politisch ändern müsse, damit die Welt liebenswürdiger wird? Mit anderen Worten: Warum sollte der Platoniker, in dessen Denkzentrum der Eros steht, nicht empört sein können über den Zustand der Welt?

Ein Linker darf sich doch auch aufregen darüber, dass der globalisierte Kapitalismus stetig mehr zu einem Profitprojekt für Eliten wird. Angesichts der massiven Verfestigung sozialer Verhältnisse und dem rasanten Anstieg der sozialen Ungleichheit, der kaum gelösten Finanzmarktkrise und dem bislang kaum regulierten Finanzmarkt und dem Anstieg prekärer Beschäftigung ist Empörung ja sogar angebracht. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts empört – in der Tat.

Empörung kann auch auf Eros basieren

Aber es ist nicht Wut, die diese Empörung auslöst, sondern wenn überhaupt Eros. Vor allem richtet der von Eros angetriebene Empörte seine Empörung nicht gegen andere. Er führt keinen existenziellen Kampf gegen andere Menschen. Gewalt verachtet er. Gewalt hat für ihn in der Politik nichts zu suchen. Schlachtgebrüll und Kriegsrhetorik verachtet er auch. Das sah auch Hessel so oder Martin Luther King. Protest ist friedlich – idealerweise. Linker Protest ist idealerweise ein Kampf mit Worten – wie bei King. So ein linker Protest sucht nach einem Konsens aus Gründen und Emotionen. Dieser Protest will Macht entwickeln – eine Macht der Mehrheitsmeinung. Es geht um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Macht, nicht Gewalt ist das Ziel dieses Protestes, kann man vielleicht mit der Philosophin Hannah Arendt sagen.

Linker Protest ist so ein friedlicher Macht-Protest nicht immer. Viele 1968er und die
RAF später setzten – ähnlich wie einige Rechte heute – auch auf Kriegsrhetorik.
Auch bei G7- und G20-Gipfeln hat schon so manches Auto gebrannt. Linke Protestler
sind per se nicht besser als rechte Protestler, wenn sie lieber ihre Wut an Polizisten,
Autos und Gegendemonstranten auslassen, anstatt auf die Macht der Worte zu
vertrauen.

Martin Luther King etwa, hat mit seinem emotionalem Appell, seinem Traum, mit
einer einzigen Rede mehr bewegt, mehr progressiven Fortschritt ermöglicht, als alle
linken Krawalldemos zusammen.

Warum eine Wut-Philosophie und ein politischer Manichäismus fehllaufen

Also, ja Empörung ist nicht zu verurteilen. Dort kann man Jongen sogar Recht
geben. Aber sie ist nicht absolut identisch mit Wut und Zorn. Und die Empörung
braucht immer auch gute Gründe auf ihrer Seite. Eine Debatte kann man nicht ohne
gute Gründe führen. Ein politischer Manichäismus, der nur schwarz und weiß sieht
und jegliche Debatte ablehnt, der kann gar nicht dauerhaft erfolgreich sein. Denn er
basiert auf Angst und verbreitet Angst. Er ist nicht nachhaltig. Er kann keine Macht
gewinnen, weil Macht sich nur durch Überzeugung gewinnen lässt. Macht braucht
gute Argumente, keine Schlagstöcke. Nur so kann man mächtig werden. Den Feind
kann man nicht besiegen. Aber man könnte ihn überzeugen, für sich gewinnen, zum
Freund machen – durch Argumente. Wer überhaupt in einem Freund-Feind-Schema
denkt, hat schon den ersten Fehler begangen – so vergrößert er nicht seine Macht.
Die Wut und der Kampf gegen den Anderen laufen daher fehl.

Ein Dualismus, wie ein politischer Manichäismus, verhindert von vorneherein, dass
man überhaupt seine eigenen Überzeugungen dauerhaft mehrheitsfähig machen
kann. Man könnte zwar diese Mehrheitsfähigkeit dauerhaft auf Angst, Repression
und Gewalt aufbauen, aber so etwas nennt man Diktatur, die das ermöglicht. So eine
Rückkehr des Autoritären kann sich auch Marc Jongen letztlich nicht wünschen.
Auch wenn er der Hausphilosoph der AfD ist, ein Demokrat wird er am Ende des
Tages auch sein – sein wollen. Einen politischen Manichäismus kann er somit nicht
gut heißen – zu genau diesem führt aber eine Wut-Philosophie.

Die Wut-Philosophie hat sogar eine eigene Dynamik, die die Demokratie selbst
angreift. Und diese Abschaffung der Demokratie, auf die seine Wut-Philosophie
letztlich hinausläuft, kann auch Herr Jongen nicht ernsthaft wollen.
Vielleicht sollte Herr Jongen umdenken: Nicht Thymos ist das, was fehlt, sondern es
braucht mehr Eros, damit die Welt besser werden kann als sie ist. Es braucht nicht
mehr Gegeneinander, sondern mehr Miteinander. Es braucht keinen Dualismus, es
braucht mehr Einheit. Es braucht eine neue Zivilreligion der Freiheit, von der, der
Platoniker sagen würde: Sie kann und muss auf Eros gebaut sein.

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