Nichts ist gut in Afghanistan. Margot Käßmann

Wie der Sozialismus materielle und immaterielle Werte zerstört

Die Gründe für das regelmäßige Scheitern des Sozialismus liegen in der Wirtschaftsordnung. In der DDR, in Venezuela und besonders in Nordkorea fehlt(e) es an allem, was es für Wohlstand und Wachstum braucht: Rechtssicherheit, Schutz des Eigentums, Vertragsfreiheit, freier Wettbewerb, freie Berufswahl, freie Marktpreise, freier Handel, auch über die Landesgrenzen hinaus.

Die Nachrichten aus Venezuela sind bedrückend. Das Land mit den höchsten Ölreserven weltweit leidet unter der sozialistischen Politik. Die Inflation soll in diesem Jahr bei rund 700 Prozent liegen. Vor den Supermärkten bilden sich rekordverdächtige Schlangen, obwohl die Regale weitgehend leer sind. Das Gesundheitssystem bricht zusammen, Kranke werden nur noch notdürftig versorgt. Um Strom zu sparen, führte Präsident Manduro für Beamte im Frühjahr eine 2-Tage Woche ein. Die Liste des Niedergangs ließe sich problemlos fortführen.

Venezuela am Abgrund

Noch in den 80er Jahren zählte Venezuela zu den wohlhabendsten Ländern Südamerikas. Heute ist es nicht nur eines der ärmsten Länder Südamerikas, es ist auch eines der unsichersten weltweit. Nirgendwo auf der Welt ist die Chance höher, Opfer eines Verbrechens mit Schusswaffen zu werden. In Venezuela werden Tag für Tag materielle und immaterielle Werte zerstört. Millionen Menschen sind die Leidtragenden. Dass es so kommt, überrascht nicht. Entgegen der Kölner Weisheit ist es mit dem Sozialismus bisher noch nie gut gegangen. Warum und mit welchen Folgen der Sozialismus systematisch scheitert, zeigt sich besonders eindrucksvoll an geteilten Ländern, in denen zwei Wirtschaftssysteme parallel existieren.

Als die deutsche Teilung 1989 endete, war die DDR massiv verschuldet – alleine beim „nichtsozialistischen Ausland“ mit 21 Milliarden DM (Fuhrer (2009, S. 110). Rund 100.000 Menschen konnten ihre Häuser nicht genügend heizen. Fleisch gab es fast nur noch auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Wie in Venezuela waren die Regale leer, die Warteschlangen lang. Nach dem Fall der Mauer erreichte die Ost-Produktivität gerade mal ein Drittel des Westniveaus (Vgl. iw-Dienst Nr. 45). Die Löhne sanken beständig und betrugen 1989 im Vergleich zur Bundesrepublik nur noch 33,6 Prozent (Fuhrer (2009, S. 64).

Noch weiter als das geteilte Deutschland entwickelt sich das geteilte Korea auseinander. Der Lebensstandard in Südkorea liegt auf dem Niveau von Spanien und Portugal, der von Nordkorea dagegen zehnmal niedriger auf einem Niveau eines subsaharischen afrikanischen Landes (Vgl. Acemoglu und Robinson (2013)). Ein Nordkoreaner hat eine etwa 10 Jahre niedrigere Lebenserwartung als seine Landsleute in Südkorea. Das unterschiedliche Wohlstandsniveau zeigt sich nachts von ganz weit oben besonders anschaulich: Während Südkorea hell erleuchtet, versinkt Nordkorea in tiefster Finsternis.

Der Sozialismus scheitert an der Wirtschaftsordnung

Die Gründe für das regelmäßige Scheitern des Sozialismus liegen in der Wirtschaftsordnung. In der DDR, in Venezuela und besonders in Nordkorea fehlt(e) es an allem, was es für Wohlstand und Wachstum braucht: Rechtssicherheit, Schutz des Eigentums, Vertragsfreiheit, freier Wettbewerb, freie Berufswahl, freie Marktpreise, freier Handel, auch über die Landesgrenzen hinaus.

Doch diese theoretische Einsicht leuchtet nicht unmittelbar ein. Macht das wirtschaftliche System wirklich einen so großen Unterschied? Schließlich lebten im geteilten Deutschland und im geteilten Korea auf beiden Seiten der Mauer Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten, Präferenzen und Werten. Auf beiden Seiten der Mauer gingen die Menschen ähnlichen Tätigkeiten nach, etwa in der Landwirtschaft, in der Automobilproduktion oder im Lebensmittelhandel. Ein Bauer in Eberswalde war sicherlich nicht ungeschickter als ein Landwirt in Berchtesgaden, und der bewirtschaftete Boden nicht unfruchtbarer. Ein Ingenieur in Zwickau war nicht einfallsloser als ein Ingenieur in Wolfsburg, eine Kassiererin in Karl-Marx Stadt nicht böswilliger als eine Kassiererin in Neu-Ulm, zumindest nicht drei mal weniger geschickt, einfallsreich und böswillig.

Doch die gleichen Menschen handeln nun mal anders, je nach dem was für Anreizen und Signalen sie sich ausgesetzt sehen. Es macht einen Unterschied, ob ein Landwirt sein eigenes Land bewirtschaftet oder ob die Früchte der Arbeit einer Genossenschaft zufallen. Es macht einen Unterschied, ob sich die Ideen von Ingenieuren im Wettbewerb oder vor einer Behörde beweisen müssen. Und es macht einen Unterschied, ob Marktpreise oder Verordnungen den Wert von Waren und Dienstleistungen bestimmen.

Diese für sich genommen zunächst kleinen Unterschiede wachsen sich in einer sozialistischen Planwirtschaft zusammengenommen zu einem ernsten Problem aus. Wenn es an einer Stelle der Wertschöpfungskette hakt, wirkt sich das am anderen Ende aus. Fehlender Konkurrenzdruck, fehlende Preissignale, fehlende Rechtssicherheit kombiniert mit zentralisierten und undurchsichtigen Verwaltungsstrukturen führen zu einer Mangel-, Miss- und Günstlingswirtschaft.

Ostdeutsche haben eine höhere Präferenz für Statusgüter

Zudem ändern die Institutionen nicht nur die Anreize, auf die die Menschen reagieren. Mit der Zeit verändern sich auch die Fähigkeiten, Präferenzen und Werte der Menschen selbst. So zeigt der Vergleich zwischen Ost und West auch Jahre nach der Wiedervereinigung, dass Ostdeutsche eine deutlich höhere Präferenz für Statusgüter und weniger Vertrauen in ihre Mitmenschen haben sowie unzufriedener mit ihrem Leben, neidischer und weniger religiös sind.

Die SED wollte „neue Menschen“ mit einer sozialistischen Persönlichkeit schaffen, die nicht nur den Ideen des Sozialismus treu ergeben sind, sondern auch charakterfest, leistungsbereit und anständig sind.

Der Sozialismus änderte die Menschen tatsächlich, aber nicht im gewünschten Sinne. Das überrascht nicht. Weder Wohlstand noch Werte lassen sich verordnen. Sie entwickeln sich vielmehr in einer offenen Gesellschaft Stück für Stück und nach vielen Versuchen und fast so vielen Irrtümern. Geduldige und angesichts des eigenen begrenzten Wissens auch demütige Politiker müssen dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb nur etwas Raum lassen – auch und gerade wenn es schwer fällt.

Literatur
Acemoglu, Daron und James A. Robinson (2013): Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut.

Fuhrer, Armin (2009): Von Diktatur keine Spur? Mythen und Fakten über die DDR, OLZOG Verlag.

Mechtel, Mario und Tim Friehe (2012): Unterschiedliche Präferenzen für Status in Ost- und Westdeutschland.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Lorenz Sorgner, Dave Asprey, Chris Stringer.

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