Neu-Stadt

Niko Paech4.01.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Unsere Wachstumsökonomie wird zusammen­fallen wie ein Kartenhaus. In einer neuen Stadt könnten wir den Beweis antreten, dass es auch anders geht. Autarkie ist das Zauberwort.

Die Entfesselung ungeheurer Kaufkraftzuwächse mittels weltweit verzweigter Produktionsketten wurde mit einer nie dagewesenen Krisenanfälligkeit erkauft. Europa wurde reich, weil es die schmutzigen Produktionsvorgänge einfach ins kostengünstige Asien verlagerte. Aber räumlich entgrenzte Versorgungsketten im globalen oder europäischen Maßstab sind dermaßen ressourcenintensiv, dass ihr partieller Kollaps nur eine Frage der Zeit sein kann. Außerdem ist das damit verbundene, hoch spezialisierte Industriemodell aufgrund seiner Kapitalbedürftigkeit ein Treiber für Finanzkrisen. Vonnöten ist deshalb ein Plan B: Er bestünde in dezentralen Rettungsinseln, die ökonomisch weitgehend autonom sind.

Im ersten Schritt wäre das auf Wirtschaftswachstum beruhende Wohlstandskartenhaus vorsorglich zurückzubauen, um den Aufprall – siehe Griechenland – zu dämpfen. Warum? Erstens scheitert Wachstum absehbar an Ressourcenengpässen („Peak Everything“), zweitens verringert es nicht per se Verteilungsungleichheiten, drittens sorgt es nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus für keine weiteren Glückszuwächse, sondern kann sogar in Überforderung ausarten. Und viertens ist es nie ohne ökologische Schäden zu haben.

Urbane Selbstversorgung

Politiker und Wissenschaftler propagieren ausgerechnet jetzt weiteres, wenngleich „grünes“ Wachstum. Das kann jedoch nicht funktionieren, weil auch vermeintlich grüne Produkte und Technologien nie zum ökologischen Nulltarif zu haben sind, sondern oft nur Schäden verlagern. Zudem steigert auch grünes Wachstum das Einkommen, sodass die erhöhte Nachfrage über den sogenannten „Bumerangeffekt“ jede Ressourceneinsparung wieder zunichtemacht.

Es verbleibt als einzig verantwortbare Option, das Industriesystem um die Hälfte zu verkleinern, teilweise zu regionalisieren und um eine Subsistenzökonomie zu ergänzen. Wenn diese – nach der Transformation verbliebene – Erwerbsarbeitszeit fair verteilt würde, könnte für jede erwachsene Person im Durchschnitt noch eine 20-Stunden-Beschäftigung verfügbar sein. Damit wäre zwar nur eine sparsame Güterausstattung finanzierbar, aber so ließe sich die Gesellschaft von jenem Überfluss befreien, der mittlerweile ohnehin nur zum Konsum-Burn-out beiträgt.

So würden die nunmehr freigestellten 20 Stunden Spielräume für eine urbane und moderne Selbstversorgung eröffnen, auf deren Grundlage sich postwachstumstaugliche Städte entwickeln ließen. Städtische Subsistenz umfasst insbesondere drei Versorgungsformen.

#1 Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung: Wer die Nutzung von Gebrauchsgegenständen mit anderen Personen teilt, trägt dazu bei, industrielle Herstellung durch soziale Beziehungen zu ersetzen. Doppelte Nutzung bedeutet halbierter Bedarf. Verschenkmärkte, Tauschbörsen, -ringe und -partys sind weitere Elemente.

#2 Nutzungsdauerverlängerung: Wer durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick die Nutzungsdauer von Konsumobjekten erhöht – zuweilen reicht schon die achtsame Behandlung, um frühen Verschleiß zu vermeiden –, substituiert materielle Produktion durch eigene produktive Leistungen. Und das ohne auf Konsumfunktionen zu verzichten. Wo es gelingt, die Nutzungsdauer durch Instandhaltung, Reparatur, Umbau etc. durchschnittlich zu verdoppeln, könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden. Offene Werkstätten, ­Reparatur-Cafés und Netzwerke des hierzu nötigen Leistungs- und Erfahrungstausches würden dazu beitragen, ein modernes Leben mit weniger Geld und Produktion zu ermöglichen.

#3 Eigenproduktion: Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten, Dachgärten, Gemeinschaftsgärten und andere Formen der urbanen Landwirtschaft als dynamischer Trend, der zur De-Industrialisierung dieses Bereichs beitragen kann. Künstlerische und handwerkliche Betätigungen reichen von der kreativen Verwertung ausrangierter Gegenstände – etwa wenn zwei ­kaputte Computer ausgeschlachtet werden, um daraus ein funktionsfähiges Gerät zu erzeugen – über selbst gefertigte Holz- oder Metallobjekte bis zur semi-professionellen Marke „Eigenbau“.

Improvisation, Zeit, soziale Netze

Moderne Subsistenz bedeutet Autonomie und Krisenstabilität, indem Industriegüter durch ­eigene Produktion ersetzt oder durch selbsttätige Instandhaltung und Gemeinschaftsnutzung „gestreckt“ werden. So wird das Potenzial der ­Bedürfnisbefriedigung einer bestimmten Produktionsmenge vervielfacht. Dazu sind drei ­Ressourcen nötig, die sehr kompatibel mit urbanen Umgebungen sind:

* Handwerkliches Improvisationsgeschick, künst­lerische und substanzielle Kompetenzen.
* Eigene Zeitressourcen, denn manuelle Tätigkeiten, die energie- und kapitalintensive In­dus­trieproduktion ersetzen, sind entsprechend ­arbeitsintensiv.
* Soziale Netze sind wichtig, damit sich verschiedene Neigungen und Talente synergetisch ergänzen können. Die urbane Siedlungsdichte bietet eine geradezu prädestinierte Basis für diese Ressourcen.

Kommunale Verwaltungen könnten Anbauflächen, brach gefallene Immobilien und Werkstätten verfügbar machen. Bildung und Erziehung könnten sich stärker an geldlosen Versorgungspraktiken, vor allem handwerklichen Befähigungen orientieren.­ Unternehmen würden weitaus weniger neue Produkte herstellen, die überdies langlebig und modular designt wären. Sie böten mehr Dienstleistungen an, um Vorhandenes instand zu halten und Reparaturworkshops, damit aus hilflosen Konsumenten souveräne Prosumenten würden. Natürlich wären dies nur einige unter mehreren Schritten, durch die sich eine Postwachstumsökonomie auf städtischer Ebene verankern ließe.

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