Die SPD bräuchte mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke. Johannes Kahrs

„Wir werden zu Medienkreaturen“

Aufgrund des Internets befinden wir uns inmitten eines kognitiven Wandels: allgegenwärtige Daten verändern unsere Wahrnehmung der Welt. Lars Mensel sprach mit dem Autor Nicholas Carr über die Vorteile des Gedruckten, den Verlust der Reflexion und darüber, wie unsere Vorfahren überlebten.

The European: In der Zeit des aufstrebenden Eisenbahnverkehrs wurde eine Studie veröffentlicht, die davor warnte, schneller als 30 km/h zu reisen, weil dies möglicherweise gesundheitliche Konsequenzen für das Gehirn haben könnte. Nun stehen wir wieder am Beginn eines neuen Zeitalters. Ist das Internet eine Gefahr für unser Denken?
Carr: Die Angst vor physischen Bewegungen unterscheidet sich stark von den Effekten des Internets auf unser Vermögen, Informationen zu sammeln und zu verarbeiten; wir müssen das Netz gesondert betrachten. Ich glaube, das Internet spielt eine ganz andere Rolle für die menschliche Welt: Nie zuvor gab es eine Technologie, die die Menschen in ihrem Alltag so konsequent begleitete und ihnen dabei half, Überlegungen anzustellen und Entscheidungen zu treffen. Dieser Trend hat sich insbesondere mit der Verbreitung mobiler Endgeräte verstärkt. Selbst im Vergleich zu anderen Massenmedien ist unser Verhältnis zu Computern viel intimer, beständiger und hat deswegen mehr Einfluss auf unsere aktuellen Denkprozesse.

The European: Liegt das an der Omnipräsenz der Technologie selbst oder eher an der Art, wie wir mit ihr umgehen? Sie haben erklärt, warum man die Vertiefung in ein Buch nicht mit dem Surfen im Internet vergleichen kann.
Carr: Wenn Sie beobachten, wie jemand das Internet nutzt, sehen Sie, wie er sich darin vertieft: Wir nehmen dann oft kaum wahr, was um uns herum passiert. Aber es ist eine ganz andere Art der Aufmerksamkeit als beim Lesen eines Buches. Printmedien richten unser Augenmerk auf das geschriebene Wort und fördern lineares Denken. Im Gegensatz dazu baut das Internet unsere Aufmerksamkeit nur auf, um sie dann wieder zu zerstreuen. Wir sind einem medialen Trommelfeuer ausgesetzt. Audio-visuelle Stimuli prasseln kontinuierlich auf uns ein und versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wenn wir uns mit technischen Geräten beschäftigen, sind wir einer ganzen Reihe von Ablenkungen ausgesetzt, anstatt gleichmäßig zu denken.

„Ein Buch ist wie ein Schutzwall vor medialer Ablenkung“

The European: So passiert es, dass man sich auf Wikipedia verzettelt und stundenlang von einem zum nächsten Artikel klickt.
Carr: Man muss betonen, dass es nicht mehr immer nur um Hyperlinks geht. Wir müssen alle Aspekte des Internets in Betracht ziehen. Nachrichten erreichen uns als E-Mails, Chats, SMS, Tweets usw. Alles auf dem Bildschirm lenkt uns ab: die verschiedenen Fenster, die laufenden Programme. Man muss sich das ganze Bild der Ablenkungen ansehen. Es fällt nicht schwer zu erkennen, dass die Nüchternheit einer gedruckten Seite ganz anders, ja im völligen Kontrast zur Informationsaufnahme durch das Internet steht. Das Printmedium schützt einen vor Ablenkung. Wir unterschätzen, wie gut gedruckte Medien unsere Aufmerksamkeit konzentrieren, während wir auf Bildschirmen der Versuchung erliegen, uns ständig ablenken zu lassen.

The European: Man kann heute natürlich nicht über mediale Reize sprechen, ohne auf soziale Netzwerke einzugehen. Seitdem immer mehr Services sozial anschlussfähig werden, teilen wir unsere Aktivitäten fast reflexartig mit Freunden und Bekannten. Werden wir dazu konditioniert oder liegt das am menschlichen Grundbedürfnis für Aufmerksamkeit?
Carr: Ich glaube, es handelt sich um eine Mischung mehrerer Faktoren. Wir sind soziale Wesen, die sehr bedacht um ihre soziale Position sind und ständig darüber nachdenken, wie wir wahrgenommen werden. Deswegen ist es ganz natürlich, ständig online kommunizieren zu wollen. Wir fühlen uns sehr schnell einsam, wenn wir merken, dass unsere Freunde Informationen teilen, von denen wir nichts mitbekommen haben. Diese Form sozialer Angst führt dazu, ständig auf dem Laufenden sein zu wollen. Es scheint bestimmte Vorgänge im Gehirn zu geben, die uns dazu ermutigen, so viele Informationen wie möglich aus unserem Umfeld zu suchen und zu sammeln. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unser Gehirn kleine Mengen Dopamin freisetzt, sobald wir eine Information erhalten. Das stimuliert uns dazu, die Aktion zu wiederholen. Chemische Substanzen sind dafür verantwortlich, dass wir uns immer mehr Informationen aneignen wollen. Das ist leicht nachvollziehbar, wenn man sich klarmacht, dass die Überlebenschancen unserer Vorfahren mit der Fähigkeit Informationen aufzunehmen stiegen. Obwohl uns im Zeitalter des Internets viel mehr Informationen umgeben, folgen wir noch immer diesem Urtrieb, alles wissen zu wollen.

„Wir halten niemals inne, um über neu erlangte Inhalte nachzudenken“

The European: Wie würden Sie die Vorteile des Erlangens von immer mehr Informationen gegenüber der erwähnten Ablenkung abwiegen?
Carr: Natürlich hat das Internet allerlei Vorteile. Schließlich benutzen wir es so viel, weil es ein unglaublich mächtiges und nützliches Tool ist, Informationen verfügbar zu machen. Dinge, die wir früher überhaupt nicht oder nur kostenaufwendig recherchieren konnten, sind heute einfach da. Wir alle haben gelernt, mit seiner Hilfe Entscheidungen leichter herbeizuführen. Erstaunlicherweise versteifen wir uns dabei so sehr auf das Sammeln von Informationen, dass wir vergessen, eindringlich nachzudenken. Wir können immer größere Datenmengen ansammeln, aber verlernen die Fähigkeit, über sie zu reflektieren und Unnützes zu filtern. Alle Arten von kontemplativem Denken gehen verloren, während wir ständiger Ablenkung ausgesetzt sind. Man kann das Gute hier nicht vom Schlechten trennen: Wir lernen etwas Wichtiges hinzu, während wir gleichzeitig etwas Wichtiges verlernen.

The European: Wird also alles von unserer Selbstdisziplin abhängen?
Carr: Das wäre schön. Wie schon gesagt, gibt es aber immensen sozialen Druck und die chemischen Substanzen unseres Gehirns, die dazu führen, dass wir in Verbindung bleiben wollen. Es wird sehr schwer, sich vom allgemeinen Informationsfluss abzukapseln. Je mehr Technologien in unsere sozialen Abläufe und Erwartungen Eingang finden, desto weniger kontrollierbar wird das durch persönliche Disziplin. In vielen Berufen fühlen sich Mitarbeiter schon heute dazu verpflichtet, ihren Nachrichteneingang ständig zu kontrollieren, um Mitteilungen von Kollegen und Kunden zu empfangen. Dieser Druck verlässt sie selbst außerhalb der Arbeitszeiten nicht. Sie überprüfen immer noch ständig ihre E-Mails. Dank Facebook & Co. schlägt dieser Druck nun auch auf unsere privaten Lebensbereiche über. Bekannte und Freunde benutzen Online-Applikationen, um ihr Sozialleben zu porträtieren und Informationen auszutauschen. Daraus entsteht automatisch der Druck, auch sein eigenes Leben zu teilen. Natürlich verlieren wir damit nicht gleich unseren freien Willen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass das Internet früheren Technologien wie dem Automobil ähnelt, indem es seinen Weg so tief in die Gesellschaft findet, dass es nicht nur eine Frage persönlicher Disziplin ist, wie wir es nutzen.

The European: Eine Studie hat nachgewiesen, dass Facebook dazu führt, das Leben unserer Mitmenschen zu romantisieren, während wir uns selbst in schlechterem Licht sehen. Ist das so, weil wir vornehmlich positive Neuigkeiten und schmeichelhafte Fotos veröffentlichen?
Carr: Ich habe eine Studie gesehen, die untersuchte, wie Menschen ihre Facebook-Freunde einschätzen. Wenn jemand dem spannenden Leben eines Freundes seine Anerkennung zum Ausdruck brachte, erwiderte dieser meistens das Gleiche. Das beweist doch, wie wir zu richtigen Medienkreaturen werden. Ähnlich wie bei Prominenten ist die Realität oft ganz anders als das öffentliche Bild.

„Alles fügt sich in den konstanten Informationsstrom“

The European: Man könnte meinen, dass uns die Fähigkeit, jedes kleinste Detail nachzuschlagen, frei macht und uns ermöglicht, die großen Zusammenhänge zu erkennen, statt sich mit peniblen Details herumzuplagen.
Carr: Ich denke, es ist sehr klar, dass man zum konzeptionellen Denken eine gewisse Aufmerksamkeit entwickeln muss. Es geht um die Art und Weise, wie wir Informationen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen. Nur in diesem Abschnitt der Informationsverarbeitung weben wir kleine Bausteine zu einem großen Gesamtbild und konzeptionalisieren unsere Eindrücke. Leider sieht man diese Art der Aufmerksamkeit kaum, wenn man sich das Verhalten von Internet- und Smartphone-Nutzern ansieht. Sie werden ständig abgelenkt. Stattdessen kann man beobachten, wie sie von Seite zu Seite springen, während sie ständig ihren Nachrichteneingang kontrollieren. Vor diesem Hintergrund ist es so schwierig, aus dem Informationsstrom auszubrechen und die Sinneseindrücke in ein ganzheitliches Weltverständnis zu bündeln. In der Theorie geht das vielleicht. Aber in der realen Welt kann ich nicht absehen, dass das passieren wird.

The European: Seit Kurzem gibt es immer beliebtere Software, welche die Betrachtung des Netzes zu vereinfachen versucht. Dabei nutzt sie den von Ihnen beschriebenen Effekt: Sie emuliert die gedruckte Seite oder die Schreibmaschine, blockt Ablenkungen und lässt Nutzer mit Text oder leerer Seite allein.
Carr: Dienste wie Instapaper, Readability oder Freedom finde ich aufmunternd – alle von ihnen versuchen, uns im Netz aufmerksamer zu machen, und das ist ein gutes Zeichen. Selbstverständlich ist es auch ironisch, ausgerechnet eine Lösung bei den Werkzeugen zu finden, die uns am meisten ablenken.
Die Frage ist: Wie verbreitet sind solche Programme? Noch sehe ich sie nicht im Online-Alltag der Nutzer angekommen. Doch besteht eine Spannung zwischen Werkzeugen, die aufmerksames Denken erleichtern, und der allgemeinen Entwicklung, dass alles zu einem Strom kleiner Datenbrocken wird, durch die wir die Welt wahrnehmen. Bislang scheint Letzteres zu gewinnen, aber ich hoffe, dass Werkzeuge für größere Aufmerksamkeit sich durchsetzen werden.

„Der Trend geht zum oberflächlichen Denken“

The European: Die Wahrnehmung eines Problems ist doch oftmals bereits der erste Schritt zur Besserung – doch wie können die von Ihnen erwähnten Effekte bekämpft werden? Es gibt schließlich kaum die Möglichkeit, der modernen Medienwelt zu entkommen, so kann ich nicht einfach meinen Computer abschalten.
Carr: Ich hoffe, dass wir eine Balance in unser Leben bekommen und dabei die Bereitschaft entwickeln, die Technik für längere Zeit abzuschalten, um besser nachzudenken. Ein Blick auf die jüngere Geschichte zeigt mir jedoch, dass wir stattdessen auf dem eingeschlagenen Pfad bleiben werden: Wir mögen die Ablenkung und die Technik durchdringt aus vielerlei Gründen unsere wachen Stunden. Das Internet ist der Gipfel einer längeren Entwicklung, die mit den Massenmedien begann. Menschen legen weniger Wert auf strukturiertes Nachdenken und stattdessen auf Sammeln von Daten, um damit wohldefinierte Fragen präzise beantworten zu können. So definieren wir unser Bild des Intellekts neu: weniger konzeptionelles Denken, kein Blick auf das große Ganze, sondern eine praktische Art des Datensammelns, bei der wir niemals aus dem Rhythmus kommen wollen. Die Gesellschaft und die Menschen mögen sich ändern, aber für mich geht der Trend zur Störung, Ablenkung und zum oberflächlichen Denken.

The European: Wie schätzen Sie die Zukunft ein? Das Netz ändert sich laufend, erfindet sich neu. Werden wir bald einen neuen Paradigmenwechsel sehen?
Carr: Ich denke eher, dass es mehr vom Gleichen geben wird: mehr Oberflächen, neue Wege, Datenströme an allgegenwärtige Bildschirme zu liefern. Eine weitere Betonung der Feed-Struktur. Ich denke, dass wir statt einer Kurskorrektur eine Beschleunigung der bestehenden Trends erkennen werden.

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