Weltanschauung vieler Muslime nicht kompatibel

von Niall Ferguson25.12.2016Europa, Gesellschaft & Kultur

Europa droht das Schicksal des Römischen Reichs, warnt der Historiker Niall Ferguson.

Ich werde hier nicht wiederholen, was Sie bereits überall gehört haben. Ich werde also nicht schreiben, dass zum Beispiel die Anschläge von Paris ohne Beispiel sind. Das sind sie nicht. Ich werde auch nicht sagen, dass daraufhin alle Welt an der Seite Frankreichs stand. Das ist nur eine leere Phrase. Daran glaubte ich ebenso wenig wie an die Ankündigung des französischen Präsidenten François Hollande, erbarmungslos Rache zu nehmen. Stattdessen werde ich Ihnen zeigen, wie unser Umgang mit dem Terrorismus zum Zerfall unserer Zivilisation führt.

Der englische Historiker Edward Gibbon beschrieb Ende des 18. Jahrhunderts die Plünderung Roms folgendermaßen: „Die Straßen waren übersät mit blutenden Körpern. Wann immer die Barbaren auf Widerstand trafen, massakrierten sie auch noch die Schwachen, Unschuldigen und Hilflosen.“ Beschreibt das nicht auch die Szenen, die wir im vorigen Jahr in Paris beobachten mussten?

Ende der Zivilisation?

Mein Kollege Bryan Ward-Perkins sieht den Untergang des Römischen Reichs als den Zerfall einer komplexen Zivilisation. Er spricht gar vom “Ende der Zivilisation”. Andere Historiker betonen die Rolle der Völkerwanderung und der organisierten Gewalt für den Untergang Roms.

Ähnliche Kräfte sind heute dabei, die Europäische Union zu zerstören. So, wie das Römische Reich im frühen fünften Jahrhundert nach Christi Geburt seinen äußeren Feinden das Feld überließ, so lässt auch Europa heute seine Verteidigungsbereitschaft zerbröseln. Im gleichen Maße wie der Reichtum Europas gewachsen ist, hat seine militärische Leistungsfähigkeit nachgelassen und ist sein Selbstbewusstsein gesunken. Diese Dekadenz zeigt sich in den Shopping Malls und in den Sportstadien. Zur gleichen Zeit hat Europa seine Türen geöffnet für Außenseiter, die am Reichtum des Kontinents teilhaben wollen, ohne aber der Gewalt des Glaubens ihrer Vorfahren abzuschwören.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat das wacklige europäische Haus ins Wanken gebracht. Er ist auch die Ursache für die große Völkerwanderung des Jahres 2015. Wie schon früher kommen Menschen aus vielen Himmelsrichtungen der Peripherie nach Europa. Sie kommen aus Nordafrika, aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Südasien. Aber diesmal kommen nicht Zehntausende, sondern es kommen Millionen. Die meisten kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber sie können auf ihrem Weg nach Norden die Malaise in ihrer Heimat nicht hinter sich lassen. Wie Gibbon es bereits für das Römische Reich richtig beschrieben hat, stellt ein tiefreligiöser, monotheistischer Glaube eine enorme Gefahr für ein säkulares Reich dar.

Mehrheit der Muslimen mit Weltanschauung, die sich nicht so einfach mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie vereinbaren lässt

Es ist zweifellos richtig, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa Gewalt ablehnt. Es ist aber auch richtig, dass eine Mehrheit eine Weltanschauung vertritt, die sich nicht so einfach mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie vereinbaren lässt. Dazu gehören zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Toleranz nicht nur gegenüber Andersgläubigen, sondern auch gegenüber fast allen sexuellen Neigungen.

Ich weiß nicht genug über das fünfte nachchristliche Jahrhundert, um hier Römer zu zitieren, die jeden Akt der Barbarei als beispiellos bezeichnet haben. Auch wenn das Gleiche sich zuvor schon viele Male wiederholt hatte. Oder jemanden zu nennen, der nach dem Fall Roms den frommen Wunsch nach Solidarität äußerte, auch wenn das Zusammenstehen in Wahrheit nur den gemeinsamen Untergang bedeutete. Und vielleicht hat es auch damals schon den Ruf nach gnadenloser Rache gegeben, auch wenn er nicht mehr als eine melodramatische Geste hätte sein können.

Ich weiß jedoch, dass Europa im 21. Jahrhundert selbst die Schuld für seine Misere trägt. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde die Geschichte so intensiv studiert wie im modernen Europa. Als ich vor 30 Jahren mein Studium in Oxford begann, gehörte das Studium von Gibbon wie selbstverständlich zum Lehrplan. Es hat wenig geholfen. Wir haben eine Menge Blödsinn gelernt, zum Beispiel, dass jeglicher Nationalismus und Nationalstaaten von Übel sind.

“Die Römer kurz vor ihrem Untergang“, schreibt der Historiker Ward-Perkins, „waren ebenso wie wir heute sicher, dass sich ihre Welt nicht grundlegend verändern würde. Das war ein Irrtum. Wir sind gut beraten, diese Selbstgefälligkeit nicht zu wiederholen.”

Das arme Paris. Es wurde umgebracht, weil wir zu selbstgefällig sind.

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