Die Menschen interessieren sich zu wenig für Europa. Anthony Grayling

Ohne Orient kein Okzident

Der Islam war schon immer Teil der europäischen Kultur. Beide sind durch eine lange gemeinsame Entwicklung verbunden.

Der Islam gehört nicht zu Europa! Das zumindest legte Ulrich Greiner in der ZEIT nahe und ergänzte noch, dass man sich dies auch nicht wünschen solle.

Greiners Artikel ist Ausdruck für die Schwierigkeit des Abendlandes mit seinem eigenen noch nicht überwundenen Essentialismus. Indem die “westliche Welt” die Vernunft und die Freiheit für sich in Anspruch nimmt, kann in der allgemeinen Wahrnehmung der Islam hierzu keinen Beitrag geleistet haben. Das imaginäre Bild des Islam ist das einer antimodernen Gegenkultur zum Westen. Diese Sichtweise führte dazu, dass der Einfluss islamischer Philosophen und Wissenschaftler mitsamt ihrem Wirken weitestgehend im europäischen Bildungswissen verdrängt wurden. Wo dies nicht möglich war, latinisierte man die muslimischen Namen.

Wer heute eine Apotheke mit dem weitverbreiteten Namen Avicenna betritt, wird wohl kaum vermuten, dass sich dahinter der Name des muslimischen Philosophen und Arzt Ibn Sina verbirgt. Ihm verdanken wir die Erfindung der Arznei in Tablettenform und sein Kanon der Medizin war bis in das 17. Jahrhundert Pflichtlektüre in der Ärzteausbildung Europas.

Es gibt genügend Stützen für die Annahme, dass die Renaissance und die frühe Form der europäischen Aufklärung durch die islamische Philosophie und die islamischen Bildungseinrichtungen in Europa mit angestoßen wurden. Doch wie konnte es passieren, dass 700 Jahre Islam in Südwesteuropa und 500 Jahre Islam auf dem Balkan im kollektiven Gedächtnis Europas verdrängt wurden?

Der Islam als Feind und Vorbild

Das der Islam zum verdrängten dritten Erbe der Europäer geworden ist, ist der militärischen Konfrontation zwischen Europa und der islamischen Welt im Mittelalter geschuldet. Europa wurde sowohl vom Osten wie Westen durch die Muslime in seiner Existenz bedroht. Die islamische Zivilisation wurde damals als die fortschrittlichere und wohlhabendere angesehen. Dieses Defizit musste schnellstmöglich aufgeholt werden, indem man sich das Wissen und die Technik des Feindes aneignete, ohne dabei das eingelebte Feindbild vom Anderen aufzugeben. Statt den Gegner weiter aufzuwerten, verwurzelte man das neue Wissen in der eigenen Geisteskultur, quasi als verschüttetes Wissen, das nur ausgegraben und gleich der reifen Frucht am Baume nur noch gepflückt werden musste.

Gleich einer Massenpsychose einte das Feindbild Islam die neuen Intellektuellen des Abendlandes, ohne dass es hierfür eine Organisation gebraucht hätte. Deshalb empfand man es auch als kein Unrecht muslimische Werke zu plagiieren und den Muslimen nur die Rolle der Übermittler griechischer Werke zuzugestehen. Zugleich denunzierte man die Muslime als Barbaren, die die Bibliothek von Alexandria und die in ihr enthaltenen Bücher zerstört hätten, da sie dem Koran widersprochen hätten. Heute wissen wir, dass dies eine Legende aus dem 13. Jahrhundert ist, also jener Zeit, in der man sich in Europa den wissenschaftlichen Fortschritt der Muslime aneignete.

Das Abendland hat zu danken

Annemarie Schimmel erinnerte in Islam und Europa an die tiefen Spuren islamischer Philosophie in der europäischen Geistesgeschichte, als sie schrieb: „Sie alle kennen den Averroisten-Streit, der die christliche Kirche bewegte. Aber wenige sind sich darüber im klaren, dass ein Teil der katholischen Gelehrten, beim Kampf gegen den Averroismus, jener Philosophie, die von Ibn Ruschd aus Marokko vertreten wurde, der als zweiter Kommentator des Aristoteles galt, die gleichen Argumente benutzten, die zwei Jahrhunderte vorher der große al-Ghazali gegen die Philosophen verwendet hatte. Christliche Apologeten benutzten also den Angriff eines islamischen Theologen gegen islamische Philosophie. Eine sehr merkwürdige Konstellation.“

Die Muslime waren keine Vermittler der griechischen Philosophie, sondern sie nahmen eine Reihe von prinzipiellen Veränderungen und Ergänzungen der griechischen Philosophie vor. Gerade diese umwälzenden Modifikationen sind es, die dann zu einer Selbstständigkeit der islamischen Philosophie führte mit der die Europäer in Kontakt kamen. Das Abendland verdankt den Muslimen den experimentellen Geist, der den Griechen fremd war. Zwischen der experimentellen Naturforschung der Griechen und ihrer spekulativen Philosophie klaffte ein unverkennbarer Abgrund. Dies hing zusammen mit der Eigenart der antiken Gesellschaftsordnung, in der die verachtete körperliche Arbeit ganz den Sklaven überlassen blieb.

Gebildete kamen kaum in unmittelbare Berührung mit den technischen Herstellungsprozessen. Der Begriff Arbeit war in der Antike grundsätzlich negativ besetzt und bezeichnete in der griechischen Sklavenhaltergesellschaft alle körperlichen Arbeiten. Ausgenommen waren die politische Arbeit, der Waffendienst, wissenschaftliche und kultische Betätigungen, die ein Vorrecht der Freien waren. Jedoch hätte man diese niemals mit dem negativen Begriff Arbeit belegt. Hieran lag es, dass die wissenschaftliche Betätigung der Griechen rein spekulativ blieb.

Musilimische Wissenschaftler mit bahnbrechenden Erkenntnissen

Die Muslime selber wiederum verdanken die experimentelle Methode dem Koran, der dutzendfach dazu auffordert zur Mehrung des Wissens über die Welt die Natur zu beobachten. Sie gilt im Koran als ein göttliches Zeichen. Dieser Naturappell ermutigte muslimische Wissenschaftler dann bereits im frühen Mittelalter zu empirischen Forschungen und bahnbrechenden Erkenntnissen in Biologie, Zoologie, Geografie, Optik, Medizin, Astronomie und Mathematik.

Die Übernahme experimenteller wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der muslimischen Welt durch Europa geschah zunächst durch Reisende, Händler, Pilger und Europäer, die sich entschlossen hatten, in der islamischen Welt zu studieren. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Gerbert von Aurillac (gest. 1003), später Papst Silvester II., der die muslimischen Universitäten in Sevilla und Cordoba besuchte. Schließlich sorgten die Kreuzzüge (1095-1291) und die Reconquista (11.-15. Jahrhundert) für einen weniger friedlichen Wissenstransfer.

Es verwundert nicht, dass zunächst vor allem Spanien und Portugal einen kräftigen Entwicklungsschub erhielten, jene Orte, an denen sich die Muslime am längsten auf dem europäischen Festland aufgehalten hatten.

Die gängige europäische Geschichtsschreibung ist Wunschdenken

Vom 12. bis hinein in das 15. Jahrhundert begann man in Europa arabische Schriften zu übersetzen. Arabisch wurde zur Gelehrtensprache der Europäer, so dass Paulus Alvarus (ca. 800-861) verzweifelt schrieb: „Meine Glaubensgenossen lesen die Gedichte und Erzählungen der Araber gern. Sie studieren die Schriften der Theologen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um an ihnen einen guten Stil zu lernen. Alle durch ihre Begabung hervorragenden jungen Christen kennen nur die arabische Sprache und Literatur. Sie lesen und studieren mit dem größten Eifer arabische Bücher. Sie geben viel Geld aus für riesige Bibliotheken und verkünden überall, wie wunderbar diese Literatur sei (…) Welch ein Jammer!“

Ab dem 13. Jahrhundert begann man mit der Gründung von Universitäten (Paris, Oxford, Cambridge, Montpellier, Salamanca, Padua), die sich an den islamischen Vorläufern, der madrasa (Al-Azhar in Kairo, Al-Qarawiyyin in Fes, Al-Zaytuna in Tunis) orientierten.

Insofern ist die europäischen Geschichtsschreibung, wonach der Rückgriff auf die Griechen Grundlage der Renaissance (15.-16. Jahrhundert) sei, eine imaginäre Vorstellung, die den nicht unwesentlichen Anteil der islamischen Kultur gänzlich verdrängt. Ein bloßer Rückgriff auf die Griechen hätte ein Ausklammern der experimentellen Methode und vieler Korrekturen und Weiterentwicklungen des griechischen Kenntnisstandes bedeutet. Ebenso der wissenschaftlichen Eigenleistungen der Muslime. Doch die Schriften muslimischer Philosophen wie Al-Farabi (latinisiert: Alpharabius) und Al-Ghazali (latinisiert: Algazel) lagen im Mittelalter sowohl in Arabisch, wie auch in Hebräisch und Lateinisch vor, also in den drei wichtigsten Kultur- und Wissenschaftssprachen jener Zeit.

Gehört der Islam zu Europa?

Wer das Fresko Die Schule von Athen von Raffael betrachtet, das die Ursprünge der Renaissance hervorhebt, dem dürfte nicht entgehen, dass sich darunter (links unten) auch der muslimische Philosoph Ibn Ruschd (latinisiert: Averroës) befindet.

Europas Kultur ist ein Zweistromland und wird von drei Flüssen bewässert. Die Quelle des einen Stroms sprudelt in Israel, die des anderen in Griechenland. Und die Flüsse, das sind die Texte der griechischen Philosophie, der islamischen Wissenschaften und die Bibel.

Greiners Beitrag strotzt vor irrationalen Feindbildern und einer verengten Weltsicht, wodurch gerade die Werte der Aufklärung verleugnet werden, auf die wir Europäer uns so gerne berufen. Der Islam gehört schon lange zu Europa. Und dies ist auch gut so.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kamel Daoud , Henryk Broder, Sahra Wagenknecht.

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