Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen. Hans-Dietrich Genscher

„Den Islam vom Missbrauch befreien“

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide hält Reform für einen unverzichtbaren Bestandteil seiner Religion. Islamverbände werfen ihm deshalb vor, Grundsätze zu verwässern. Wie der umstrittene Professor eine Balance findet, erklärt er Clemens Lukitsch und Alexander Görlach.

The European: Herr Khorchide, wir debattieren, ob der Islam eine Reformation oder eine Aufklärung bräuchte. Was aber, wenn der Islam nicht einen Luther oder Voltaire braucht, sondern einen eigenen wissenschaftlichen Zugang zu seiner Heiligen Schrift?
Khorchide: Das hört man selten in Europa. Wir haben hier einen sehr stark eurozentrischen Blick und schauen aus dem Blickwinkel unserer Geschichte auf den Islam und denken: Wir haben das durchgemacht, der Islam sollte es auch durchmachen. Aber die Geschichte des Islam sieht anders aus. Es gibt hier keine Institution Kirche, die vorschreibt, wie die Politik zu funktionieren hat oder wie die Menschen zu glauben haben.

The European: Sondern?
Khorchide: Wir hatten von Anfang an große Vielfalt: Es gibt Rechts- und Glaubensschulen. Der Islam funktioniert von unten nach oben. Wenn man die Geschichte des Islam allerdings anschaut, dann sieht man, dass die Politik ihn schon im achten Jahrhundert instrumentalisiert hat. Kalifen nannten sich „Schatten Gottes auf Erden“. Das sollte heißen: Was ich hier mache, entspricht dem Willen Gottes. Jede politische Opposition wird so zu einer Opposition gegen die Religion. Es ist die Befreiung des Islam von dem politischen Missbrauch, die wir heute brauchen.

The European: Ein großer Streitpunkt ist die Authentizität des Textes. Es gibt durchaus verfügbares Wissen über die Editierung oder Bearbeitung des Korans, die breite Bevölkerung weiß aber nichts davon.
Khorchide: Wenn ich heute von Aufklärung in der islamischen Welt spreche, dann meine ich damit, dass jeder Gläubige den Glauben als sein eigenes Innenleben wahrnimmt und ihn nicht auf Gelehrte delegiert. Wir haben zwar keine Institutionskirche, aber mittlerweile haben wir Institutionsgelehrte.

The European: Sie meinen, die Leute tun etwas, weil der Gelehrte es gesagt hat …
Khorchide: … ohne sich mit dem Text auseinanderzusetzen. Man sagt, was der Exeget sagt. Teil einer islamischen Aufklärung wäre es, wieder zu mehr Mündigkeit im Sinne des Glaubens aufzurufen. Jeder Gläubige muss seine Religion ernst nehmen, als etwas Persönliches verstehen und sich bei Fragen an die dreifach wiederholten Worte des Propheten Mohammed halten: Frag dein Herz, frag dein Herz, frag dein Herz.

The European: Das heißt?
Khorchide: Egal, welche Fatwa sie dir geben: Höre dir an, was die Gelehrten sagen, reflektiere es, aber triff eine eigene Entscheidung, die du verantwortest.

The European: Was aber, wenn man des Arabischen nicht mächtig ist? Man kann den Koran ja so gar nicht verstehen. Jede Übersetzung ist eine Interpretation und der Durchschnittsmuslim ist angeblich dazu nicht in der Lage, selbst zu interpretieren. Es heißt, ihm fehlen die theologischen und islamwissenschaftlichen Werkzeuge.
Khorchide: Leider suggerieren das auch die Gelehrten: Du darfst den Koran nicht interpretieren, du bist ein Laie. Dann liest man den Koran ohne den Anspruch, etwas zu verstehen. Wenn man eine Frage hat, fragt man die Gelehrten. Aber das Anliegen des Korans ist es, dass das Individuum darin liest, selbst darüber nachdenkt und ihn auch selbst versteht. Von mir aus auch in einer Übersetzung.

„Mein Bild vom Islam ist ein sehr strenges.“

The European: Könnte das Missverständnisse verhindern?
Khorchide: Das Problem mit den Extremisten ist, dass sie sich gewisse Stellen aus dem Koran nehmen und entsprechend ihrer Zwecke interpretieren. Die Aufgabe der Gelehrten und Exegeten ist daher nicht, vorzuschreiben, wie man den Text zu verstehen hat, sondern Kriterien vorzugeben, innerhalb derer man so viel interpretieren kann, wie man will. Wenn man den Koran aber im Widerspruch zu diesen Kriterien interpretiert, dann entspricht man nicht der Intention des Textes. In meiner Koranhermeneutik ist das der Selbstanspruch des Korans.

The European: Können Sie uns ein Beispiel geben?
Khorchide: Gott sagt: „Wir haben dich Mohammed lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Wenn laut Koran die Maxime für die Entsendung Mohammeds die Barmherzigkeit ist, dann muss jede Interpretation den Kriterien der Barmherzigkeit gerecht werden – sonst widerspricht sie dem Geiste des Korans. Wenn man dem Laien dieses Kriterium an die Hand gibt, dann kann man Fragen stellen: Ist es barmherzig, von Gewalt zu sprechen? Menschen nicht auf Augenhöhe zu begegnen, sondern sich besser zu fühlen, weil man Muslim ist? Das ist unbarmherzig, das ist eine Vereinnahmung Gottes. Wenn man den Gläubigen dieses Kriterium gibt, dann hat man nicht die Gefahr, dass jeder sich herauspickt, was ihm gerade gefällt.

The European: Sicherlich ist das einer der Punkte, wofür sie von vielen Verbänden kritisiert werden: dass Sie einen Islam light vertreten oder den Islam verchristlichen. Verstehen Sie diese Kritik?
Khorchide: Ich glaube, dass sich meine Kritiker nicht wirklich mit meinen Argumenten auseinandersetzen. Mein Bild vom Islam ist eigentlich ein sehr strenges – eines, das Menschen im Sinne des Propheten herausfordert.

The European: Inwiefern?
Khorchide: Nehmen Sie das Beten. Es gibt viel Streit darum, wie man zu beten hat. Aber worauf es wirklich ankommt, ist, dass das Herz dabei ist. Spreche ich wirklich von Herzen mit Gott oder wiederhole ich Sätze, die ich auswendig gelernt habe? Es gibt eine bekannte Erzählung vom Propheten, der einen Menschen in einer Moschee beten sieht und zu ihm sagt: „Du hast nicht gebetet, wiederhole das Gebet.“ Er hatte alles richtig gemacht, doch auch beim zweiten und dritten Mal sagte der Prophet: „Du hast nicht gebetet“ – und klärte ihn auf: „Dein Herz hat nicht mitgebetet.“ Das ist viel schwieriger, als das Beten als technisch-mechanische Übung und das genaue Gegenteil von einem Islam light.

The European: Das heißt, die traditionell konservativen Verbände vertreten den Islam light, weil sie nur für Oberflächlichkeit stehen?
Khorchide: Ich kann nicht für andere sprechen, aber generell gilt: Je oberflächlicher der Glaube, umso mehr spielen die Äußerlichkeiten eine Rolle.

The European: Wie sehen Sie die Lage der Muslime in Deutschland und Europa?
Khorchide: Die Erwartungen der Muslime und der Nicht-Muslime aneinander werden immer höher. Am Anfang waren die Erwartungen rein wirtschaftlicher Natur. Die Muslime kamen als Arbeitsmigranten und sollten helfen, das Land wieder aufzubauen. Für Muslime war das eine wirtschaftliche Aufwertung, weil sie Zugang zu einem besseren Arbeitsmarkt bekamen. Für die zweite oder dritte Generation geht es aber nicht mehr um wirtschaftliche Faktoren, sondern um Heimat. Sie sind hier geboren und aufgewachsen.

„Wir sind verunsichert von der Pluralität.“

The European: Seit den Anschlägen von Paris diskutiert ganz Europa über das Zusammenleben.
Khorchide: Wenn der Bundespräsident sagt, der Islam gehöre zu Deutschland, wird monatelang diskutiert. Bei den Muslimen wirkt das nicht wie eine intellektuell-historische Diskussion, sondern wie eine um Zugehörigkeit. Sie fühlen sich als Objekte der Hinterfragung. Es ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, in Europa von einem Wir zu sprechen.

The European: Warum nicht?
Khorchide: Wir sind verunsichert von der Pluralität. Auf dem Papier erkennen wir sie an. Aber wenn man einmal genauer hinschaut, erkennen wir andere nicht in ihrer Andersartigkeit an, sondern nur dann, wenn sie möglichst so sind wie wir. Und dann hört man Politiker sagen: „Aleviten sind besser integriert, sie trinken Alkohol.“ Zur Akzeptanz muss man am besten genau das Gleiche machen wie die Menschen hier. Genau gleich aussehen und am besten auch noch blond werden.

The European: Aber der Islam hat ja selbst auch Probleme mit der Vielfältigkeit. Die „Scharia-Polizei“ in Wuppertal ist schließlich zu keinem deutschen Ehepaar gegangen und hat sie wegen ihrer Bockwurst verwarnt. Sondern sie hat Muslime angesprochen. In jeder europäischen Gesellschaft gibt es den Konflikt, was denn eigentlich der richtige Islam sei. Erleben Sie das hier in Deutschland auch – und wo verlaufen die Argumentationslinien?
Khorchide: Die Masse der Muslime in Deutschland beschäftigt sich gar nicht mit den Themen, über die wir gerade reden. Die Masse interessiert sich nicht für die Vereinbarung von Scharia und Demokratie – das ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Ihre Probleme sind ganz gewöhnlicher Natur: Ein Schüler sorgt sich über seine Klassenarbeit, ein Sportler möchte den Wettbewerb gewinnen, ein Angestellter wünscht sich eine Gehaltserhöhung. Die Sorgen der Mainstream-Muslime sind die gleichen, wie wir sie auch haben.

The European: Das würde ja auch bedeuten, dass die Menschen in den Verbänden ihre Lebenszeit damit verbringen, sich gegenseitig zu beschäftigen. Wer spricht denn nun für die Mainstream-Muslime?
Khorchide: Ich treffe noch immer Muslime in Münster, die mich fragen, was ich mache. Wenn ich dann berichte, dass ich an der Universität Religionslehrer ausbilde, wundern sie sich, dass es so etwas überhaupt gibt, dass es überhaupt islamischen Religionsunterricht gibt. Politik macht nicht den Alltag der Muslime aus.

The European: Es gab einen offenen Brief an den sogenannten „Islamischen Staat“ und seinen Anführer al-Baghdadi. Er sollte demonstrieren, warum die Lehren des „IS“ den Lehren des Islam widersprechen und wurde von über 130 Gelehrten unterschrieben. Nun gibt es in der katholischen Welt das Konzil, wo auch Gelehrte auf Herausforderungen der Zeit eine Antwort formulieren. Sehen wir mit so einem Brief etwas Ähnliches entstehen?
Khorchide: Ich sehe es als erste kleine Schritte in einem langen Prozess. Man macht so etwas, um ein Signal an die Welt zu senden. Aber es fruchtet erst, wenn es im Bewusstsein jedes Muslims ankommt. Wenn es in jeder Moschee gepredigt wird. Und es gibt viele andere Fragen, die wir beantworten müssen. Wie ich immer provozierend sage: Wir können nicht sagen, im Islam gäbe es keine Gewalt, solange wir die These vertreten, Gott werde im Paradies ewige Gewalt gegen Nicht-Muslime betreiben. Ich widerspreche dieser Interpretation. Aber der gängige Glaube ist: Jeder Nicht-Muslim ist für die Ewigkeit zur Hölle verdammt. Das bedeutet: Gott übt Gewalt gegen sie aus, nur weil sie den falschen Glauben haben.

The European: Gibt es die Möglichkeit, dass sich 130 Gelehrte zusammentun und eine neue Art von Gelehrsamkeit und Autorität erzeugen?
Khorchide: Es gibt eine berühmte Aussage des Propheten Mohammed: „Alle hundert Jahre schickt Gott euch jemanden, der eure Religion erneuert.“ Die Gelehrten interpretieren das allerdings so, dass damit nicht gemeint ist, die Religion alle hundert Jahre auf den Kopf zu stellen. Aber unser Verständnis von Religion muss immer aktualisiert werden. Deshalb ist es legitim, die Religion immer von Kontext zu Kontext neu zu reflektieren. Sollte es nun ein Konzil geben? Ich fände das bei großen Fragen gut.

The European: Zu Beginn des Gesprächs haben Sie gesagt: Reformen könnten den Islam aus der Geiselhaft der Politik befreien. Dazu fällt uns ein Zitat ein, das Ajatollah Chomeini zugeschrieben wird: „Der Islam ist nichts, wenn er nicht politisch ist.“
Khorchide: Man müsste hinterfragen, was damit gemeint ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Fragt man einen Muslim in der arabischen Welt, was er von Säkularität hält, bekommt man wahrscheinlich die Antwort „Teufelszeug.“ Fragt man dann nach, was verstehst du denn unter Säkularität, so hört man: „Säkularität ist die Verbannung von ethischen Grundsätzen aus dem Handeln der Politik.“ Erklärt man aber, dass Säkularität auch Schutz der Religion vor Missbrauch durch die Politik bedeuten kann, werden viele das vielleicht sogar unterstützen. Begriffe haben in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Konnotationen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Barbara Vinken: „Kristina Schröder macht sich überflüssig“

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Reformer haben dem Islamischen Staat und Boko Haram den Kampf angesagt. Die bislang schweigende Mehrheit der Muslime kämpft bereits für eine Erneuerung ihrer Religion. Was kann die islamische Gemeinschaft der Gläubigen den Radikalen unter ihnen entgegen?

Zudem: Der Westen vs. Putin. Linkspartei vs. Alle. Politik vs. Heuschrecken. Dazu Gespräche mit Anne Applebaum, John Major, Dietmar Bartsch.

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