Ich werde der Präsident aller sein. François Hollande

„Ich war damals sehr wütend“

Seit den 90er Jahren engagiert sich die Gründerin der Organisation medica mondiale für Frauenrechte weltweit. Im Interview mit Alexandra Schade spricht die Trägerin des Alternativen Nobelpreises über ihre schwierige Kindheit, die oft frustrierende Arbeit für Frauenrechte und die Abzugsperspektive für Afghanistan.

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The European: Frau Dr. Hauser, Sie sind in der Schweiz geboren, italienische Staatsbürgerin, haben in Innsbruck und Bologna Medizin studiert und leben heute in Köln. Wie kommt man da in Verbindung mit Krisengebieten? Woher rührt Ihr Engagement?
Hauser: Für mich war das ein ganz logischer Weg. Meine Mutter, eine Südtirolerin, hat mir oft von ihren Kriegserlebnissen erzählt, wie sie mit ihrem kleinen Bruder Gänse gehütet hat und dann die amerikanischen Tiefflieger kamen und sie beschossen. Heute weiß ich, dass sich das, was sie unverarbeitet an mich weitergegeben hat und was dann wiederum in mir weiter arbeitete, transgenerationelle Traumatisierung nennt. So etwas geschieht häufig, wenn sich Menschen nicht mit ihren Traumatisierungen befassen. Das heißt, daraus entstand für mich auch eine Art Verantwortung, einerseits als Nachfahrin derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg verursacht haben, die aber andererseits auch Opfer waren und darunter gelitten haben, wie zum Beispiel meine Mutter. Der zweite Strang ist sexualisierte Gewalt. Meine Großmutter in Südtirol und viele meiner Tanten waren sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Für mich war das Thema, dass Frauen Gewalt erleben und dass das ihre Lebensrealität sowie ihre gesundheitliche Situation beeinflusst, daher schon sehr früh in meinem Bewusstsein präsent. Als junge Ärztin habe ich dann gesehen, dass sehr viele meiner Patientinnen, nicht nur Migrantinnen oder Flüchtlinge, sondern auch deutsche Patientinnen, Gewalt erfahren haben. Ich habe gesehen, dass die Hierarchie in der Klinik sich diesem Thema überhaupt nicht öffnen will. Daraus entstand dann bei mir mehr und mehr der Wunsch, mich fundamental für mehr Frauenrechte einzusetzen. Und als ich dann die Berichterstattung über Bosnien 1992 mitbekommen habe, da habe ich wohl so etwas wie einen inneren Ruf gehört – dass ich mich als Frau, als Gynäkologin, als Europäerin hier engagieren und Verantwortung übernehmen muss.

The European: Haben Sie diese Ereignisse damals überrascht?
Hauser: Ich war damals sehr wütend. Zum einen über das, was den Frauen dort geschieht, und zum anderen, wie die Welt darauf reagiert hat. Mit Welt meine ich sowohl die internationale Hilfe als auch die Presse. Das ganze Jahr 1992 gab es in den Medien mehr und mehr Berichte, über das, was den Frauen dort geschieht. Allerdings hat mich die Wortwahl und die Art und Weise, wie über die Frauen berichtet wurde, sehr wütend gemacht. „Geschändete Frauen“ – wer mit Schande beladen ist, das sind die Täter, aber doch nicht die Frauen! Ich war natürlich auch sehr betroffen und ich dachte mir, die Frauen brauchen wirklich empathische, auf sie ausgerichtete Unterstützung. Deswegen haben wir dann dieses Therapiezentrum zusammen mit bosnischen Frauen aufgebaut. Aber ich wollte mich auch politisch einmischen und die Untätigkeit der internationalen Politik nicht akzeptieren. Damals gab es überhaupt keine frauenspezifischen Projekte. Das hat sich alles erst in der Folge entwickelt und ich denke, dass wir hier viele wichtige Anstöße gegeben haben.

„Durch Preise öffnen sich die Türen jetzt etwas leichter“

The European: Sie haben für Ihre Arbeit viele Preise und Auszeichnungen bekommen, so 2008 auch den Alternativen Nobelpreis. In diesem Zusammenhang haben Sie die Hoffnung geäußert, dass diese Preise mehr Aufmerksamkeit schaffen. Haben sich diese Hoffnungen erfüllt?
Hauser: Ganz generell braucht man einen langen Atem, eine hohe Frustrationstoleranz und eine starke innere Überzeugung, wenn man feministische Arbeit macht und für Frauenrechte kämpft. Oft hatte ich das Gefühl, dass diese Preise eher eine Alibifunktion haben. Ich habe mich trotzdem immer darüber gefreut und die Preise als eine politische Anerkennung für unsere Arbeit verstanden.

The European: Wie ist Ihr Verhältnis zur Politik?
Hauser: Speziell der Alternative Nobelpreis war sehr wichtig. Er war ein politisches Signal, dieses Thema auf die gleiche Ebene zu stellen wie die anderen wichtigen politischen Weltthemen, die es zu bearbeiten gilt. Dieses Problem der Geschlechterungerechtigkeit als Zukunftsthema muss gelöst werden, bevor mehr Gerechtigkeit in diese Welt kommen kann. Ich habe die Preise immer mit den Kolleginnen hier in Köln als auch mit den Kolleginnen vor Ort geteilt. Gerade für die Kolleginnen vor Ort war dieser Preis eine Stärkung für ihre Sicherheit vor Ort. Oft genug sind sie gefährdet. Ich habe auch immer die Möglichkeit gehabt, Reden zu halten und den Menschen zu sagen, worum es mir geht. Es hat mich immer sehr gefreut, wenn Pressearbeit damit in Verbindung war. Durch diese Preise öffnen sich die Türen jetzt etwas leichter, aber ich bezweifele, ob der politische Wille bei den Entscheidern deswegen größer ist. Es hat viele Lippenbekundungen gegeben, aber die internationale Politik ist den Beweis noch schuldig, dass sie dieses Thema wirklich politisch ernst nimmt.

The European: Medica mondiale engagiert sich auch in Afghanistan. Ende Januar ist das Mandat für den Bundeswehreinsatz erneut verlängert worden. Die Stimmen, die ein konkretes Abzugsdatum fordern, werden immer lauter. Jetzt waren die wenigsten von uns schon einmal in Afghanistan. Sie hingegen schon. Wie realistisch ist denn die Abzugsperspektive? Oft wird das Jahr 2014 genannt …
Hauser: Es ist schwierig, Ihre Frage zu beantworten, da in Afghanistan sehr viele Fehler von der internationalen Gemeinschaft gemacht worden sind. Diese Fehler haben natürlich bei der afghanischen Bevölkerung sehr viel Vertrauen gekostet. Gerade die Bundesrepublik Deutschland hat 2002 ein hohes Ansehen in Afghanistan genossen. Das ist aber verspielt worden. Es sind viele Chancen ungenutzt geblieben, hier wirklich eine zivile Befriedung herzustellen. Man hat voll auf die militärische Karte gesetzt. Das klappt nirgends. Das Primat der Politik darf nie beim Militär sein. Wenn ich an die Billionen denke, die dafür ausgegeben wurden – mit einem Bruchteil dieses Geldes hätte man viel gezielter und nachhaltiger Wiederaufbau leisten und vor allem Rechtsstaatlichkeit herstellen und die Zivilgesellschaft stärken können. Schauen wir in das Justizsystem: Die afghanische Verfassung ist gut. Nur nimmt das juristische Personal seine eigene Verfassung oft nicht ernst und in der Provinz kennt man sie nicht einmal. Hier hätte man ernsthafte Schulungen durchführen müssen und nicht diese 0815-Trainings, mit denen Afghanistan seit 2002 überströmt wurde. Und gleichzeitig muss man gegen die Korruption kämpfen. Willkür und Korruption sind hier an der Tagesordnung. Der Hauptfehler aber ist, dass Warlords in der Regierung gelassen worden bzw. wieder in diese geholt worden sind. Zum Teil sind sie von der internationalen Gemeinschaft sogar hofiert worden. Es hat durchaus demokratische Kräfte gegeben, die sich aber aus berechtigter Angst wieder zurückgezogen haben, als sie merkten, dass man weiterhin auf die Warlords setzt.

The European: Viele befürchten, dass sich die Sicherheitslage durch einen Abzug schnell verschlechtern könnte – und dass darunter vor allem auch Frauen leiden würden…
Hauser: Inzwischen sind wir für den Abzug, zumindest in einigen Gebieten. Wie die Bundeswehr in den ersten Jahren in den Nordprovinzen agiert hat – das war noch von Zurückhaltung geprägt, daher brachte ihr die Bevölkerung noch Vertrauen entgegen. Seitdem aber die Deutschen mitgegangen sind auf Terroristenhatz, ist es gekippt. Die Sicherheitslage verschlechtert sich seit Jahren. Daher denke ich mittlerweile, dass ein Abzug in bestimmten Gebieten und eine Afghanisierung viel sinnvoller ist, selbst wenn auch wir natürlich Sorgen haben, was dann passiert. Wenn die Taliban weiter vorrückten, würde das natürlich nichts Gutes für die Frauen bedeuten. Aber so zu agieren, wie es die internationale Gemeinschaft getan hat, hat die Situation definitiv noch verschlechtert.

„Wir brauchen einen langen Atem in Afghanistan“

The European: Das heißt dann wohl aber, dass selbst wenn die Truppen abziehen, das Engagement der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan noch lange nicht beendet ist, oder?
Hauser: Nein, hier ist wirklich ein langer Atem von Nöten. Die große Frage ist die nach der Art des Engagements. Wir brauchen endlich klare Kriterien für den Wiederaufbau und die Stärkung der Zivilgesellschaft. Das ist jahrelang versäumt worden. Es ist ebenso jahrelang versäumt worden, zu kontrollieren, was dieses viele Geld vor Ort denn bewirkt hat. Können Sie sich das vorstellen? Wir müssen für jeden EU-Antrag ganz genau Rechenschaft ablegen, was wir mit dem Geld gemacht haben und das ist auch in Ordnung so. Die internationale Gemeinschaft hat Billionen in Afghanistan investiert, was nie kontrolliert wurde. Das ist doch unfassbar. Was das auch für den deutschen Steuerzahler bedeutet. Bei diesen Billionen heißt es, dass auch ein großer Teil auf westlicher Seite in Korruption geflossen sei. Eigentlich kann man gar nicht sagen, was diese nächsten Jahre bis 2014 noch bringen und was die richtige Art und Weise zu agieren ist, bevor nicht geprüft wurde, wohin das Geld mit welchen Resultaten geflossen ist.

The European: Frauen werden häufig nicht am Wiederaufbau von Staaten beteiligt, obwohl sie unzweifelhaft enorm wichtig sind für das Funktionieren der einzelnen Gesellschaften. Was können denn Frauen beim zivilgesellschaftlichen Wiederaufbau besser oder anders leisten als Männer?
Hauser: Zwei Ebenen: Frauen kennen die Frauenrealität und bringen sie ein. Ob Friedensverhandlungen, ob Wiederaufbaumaßnahmen, ob als Leitung für Flüchtlingslager – Frauen müssen mindestens zur Hälfte mit dabei sein, um überhaupt Frauenbelange mit einzubringen. Die andere Ebene ist: Frauen sind nicht die besseren Menschen, aber ich denke, dass Frauen aufgrund ihrer Lebenserfahrung Kompetenzen haben, die genau für solche Befriedungen notwendig sind: Kommunikation, Dialogbereitschaft und Dialogfähigkeit, Fantasie. Wer ein Kind hat, weiß, was Dialogfähigkeit und Argumentationskraft bedeuten. Männliche Entscheider malen oft schwarz-weiß und gehen nach ihren Machtinteressen, die nicht jene der Zivilbevölkerung sind, schon gar nicht die der weiblichen!

The European: Ist das nicht auch Schwarzweiß-Malerei?
Hauser: Ich will nicht pauschalisieren, aber das ist unsere Erfahrung nach 18 Jahren und Beobachtung von solchen Friedensprozessen. Frauen kommunizieren sehr ernsthaft und lösungsorientiert. Eine albanisch-serbische Frauendelegation ist vor Jahren zu Martti Ahtisaari gegangen, dem UN-Sondergesandten für ein neues Kosovo. Sie haben ihn gefragt, warum er nur Männer an den Friedensverhandlungen beteilige. Sie, serbische und kosovo-albanische Frauen, also ehemals feindlichen Seiten angehörend, hätten gemeinsame Vorschläge zu unterbreiten, die jenseits der Schwarz-weiß-Vorstellungen der Männer seien. Warum er sie nicht beteiligen würde. Seine Antwort war: „Ich wollte nicht die Kultur dieses Landes stören.“ Das Problem sind die Männer vor Ort, aber auch unsere „internationalen“ Männer, die nicht sehen, dass Frauen Fähigkeiten und Kompetenzen haben, die genau in solchen Situationen gebraucht würden.

The European: Die Bundesregierung behauptet, dass ihre Außenpolitik menschenrechtsgeleitet sei. Welchen Stellenwerte haben denn Frauenrechte im großen Komplex Menschenrechte und wie stark werden sie tatsächlich eingefordert?
Hauser: In dieser Regierung haben sie nicht unbedingt einen großen Stellenwert. Zu Zeiten der rot-grünen Bundesregierung hatten wir zuvor mehr Anlass zur Hoffnung. Jetzt gibt es immer wieder Lippenbekundungen, aber ich sehe keine Resultate. So fordern wir seit Jahren einen nationalen Aktionsplan zur UN-Resolution 1325. Viele Länder haben solch einen nationalen Aktionsplan, so z.B. Liberia und die Schweiz. In dieser wichtigen Resolution 1325 geht es um die Unterstützung von Frauen in Krisengebieten. Der nationale Aktionsplan soll gewährleisten, dass die Regierungsaktionen ministeriumsübergreifend kohärent sind. Dass man also nicht jedes Mal hier eine Mädchenschule aufmacht und dort eine kleine Unterstützung gibt, sondern eine wirkliche Strategie hinter diesen Aktionen steht. Die aktuelle Bundesregierung weigert sich und wehrt sich dagegen und es ist mir völlig unerklärlich warum. Es geht doch gerade darum, strategisch kohärent mit Nichtregierungsorganisationen wie medica mondiale zusammenzuarbeiten. In den Berichten steht dann zwar immer auch etwas zu Frauenrechten drin, aber ich sehe nicht wirklich den politischen Willen dazu. Mir fehlt die Ernsthaftigkeit.

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