Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Eine verhängnisvolle Politik

Der Islam gehört zu Deutschland. Doch immer öfter werden Muslime von Organisationen vertreten, die eigentlich ganz andere Interessen verfolgen – und zurück wollen in eine Welt des Patriarchats. Das darf die Regierung nicht mitmachen.

Man kann natürlich über den Islam als Religion reden, doch meine Position ist, dass ich den Islam kritisiere, wie ich alle Religionen kritisiere. Ich bin der Ansicht, dass Religionen der Vergangenheit angehören. Es gibt genug menschenfeindliche und frauenfeindliche Worte Gottes in allen religiösen Büchern.

Der politische Islam ist eine Bewegung, die seit über 30 Jahren in Ländern wie Iran und Afghanistan an der Macht ist und auch in einigen Ländern wie Algerien und Sudan politischen Einfluss gewonnen hat. Eine politische Bewegung, die versucht, sich in Europa auszubreiten, um in Politik und Alltag Einfluss zu gewinnen. In Deutschland und Europa muss man diese islamischen oder religiösen Organisationen als solche erkennen und ihre Tätigkeiten beobachten. Die deutsche Regierung hat diese Organisationen aber als politische Partner anerkannt und legitimiert damit deren Anspruch, die 3 Millionen Muslime in Deutschland zu vertreten.

Hauptidentität Mensch

Im Iran, Afghanistan, Sudan oder Saudi-Arabien waren Muslime die ersten Opfer dieser Bewegungen. Iran ist ein gutes Beispiel. Ich habe erlebt, wie nach der islamischen Revolution der erste Aufruf gegen Frauen gerichtet war: Entweder tragt ihr ein Kopftuch oder wir schlagen euch. Dann gab es 30 Jahre Elend, Hinrichtungen, Steinigungen, all diese barbarischen Praktiken. Diese wurden gegen Muslime eingesetzt. Es gibt Muslime und auch Nichtmuslime in diesen islamischen Ländern, manche sind auch Atheisten. Wir sprechen über Menschen mit verschiedenen Identitäten, und daher muss man differenzieren zwischen Muslimen und islamischen Organisationen. Zwischen religiösen Menschen zum einen und religiösen Organisationen, die um Macht kämpfen, zum anderen.

Ich kritisiere diese Politik auf das Schärfste, weil Menschen aus sogenannten islamischen Ländern in erster Linie als Gastarbeiter oder Flüchtlinge hierhergekommen sind und häufig genug Probleme mit islamischen Regierungen oder islamischen Terrororganisationen gehabt haben. Und auch wenn sie diese Probleme nicht hatten, sind sie Menschen. Ihre Hauptidentität ist Mensch und nicht ihre Religion. Es ist nicht gut, wenn im 21. Jahrhundert Menschen ein Etikett “Moslem” angeheftet bekommen, und auch nicht in Ordnung, wenn islamische, fanatische, frauenfeindliche Organisationen von der Regierung als Vertreter von Millionen von Menschen betrachtet werden.

Religiös, fanatisch und reaktionär

Die deutsche Regierung hat auf internationaler Ebene mit dieser politischen, unmenschlichen Bewegung immer Geschäfte gemacht. Seit 20 Jahren kämpfe ich als Leiterin einer großen Organisation gegen die Steinigung und habe sehr schlechte Erfahrungen mit der deutschen Politik gemacht. Von den Grünen bis zur SPD, von CDU bis FDP kennen mich alle, und ich habe mit mehreren von ihnen über die Steinigung gesprochen, jedoch wurde nicht gehandelt. Es ist unglaublich, dass man die Augen verschließt und nur politische und wirtschaftliche Interessen verfolgt.

So haben diese Organisationen politische Macht und Einfluss gewonnen in Diskussionen, wie zum Beispiel über Ehrenmord, Kopftuch, Kinderhijab, Religionsunterricht. Die deutsche Regierung hat da nicht modern und für Menschenrechte entschieden, sondern sehr religiös, fanatisch und reaktionär. Wir brauchen in Deutschland aber mehr Säkularismus, mehr Trennung zwischen Religion und Staat. Der Einfluss des politischen Islams hat sehr zugenommen im Leben der muslimischen Frauen in Deutschland. Das ist ein Ergebnis der deutschen Politik.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Mechtild Schilling – 25.10.2010 - 19:12

    Danke, Mina Ahadi, für diese notwendigen Worte!
    Wer religiös ist, sollte es im Privatleben sein.
    In der Öffentlichkeit dürfen nur mitmenschliche Kriterien gelten.
    Ich finde, feindliche Auffassungen müssen sich vor allen rechtfertigen und dann ganz schnell abgelegt werden. Und darüber müsste die Gesellschaft wachen.

  • Theeuropean-placeholder
    D.Heinemann – 03.04.2011 - 11:36

    Danke Mina Ahadi, es stimmt: Religion sollte Privat-sache sein und allen politisch motivierten ‘Religionsgemeinschaften’ zur Erlangung von Macht, sollte Einhalt geboten werden. Der deutsche Verfassungsschutz gewährleistet dies, die gewählten Volksvertreter = Regierung versucht dies über Dialog. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, gegen die Ungerechtigkeit, hier gegen Frauen (im Fall von Steinigung) und falsche Glaubensausrichtung demokratisch vorzugehen: ein weltweites Frauennetz-werk bilden, um täglich den Finger in die Wunden des Patriarchats zu legen, denn nur in einer ‘Massen-bewegung’, die ganz klar die Mißstände benennt und deutlich die notwendigen Forderungen benennt, kann überhaupt etwas erreicht werden. Ansonsten ist es so wie bei Ihnen: Sie benötigen als Einzelne oder Kleingruppierung sehr viel Energie, um gehört und möglicherweise ‘belächelt’ zu werden, weil Ihre einzelne Stimme im Patriachat untergeht. Also: weltweites, überparteiliches, unreligiöses aber human ausgerichtetes Frauennetzwerk gründen und gezielte Initiativen gegen Ungerechtigkeit starten. Am Beispiel des friedlichen Wandels in Ägypten kann man sich dessen bewusst werden, welche Macht ‘Einigkeit’ in sich vereint – ‘Frau’ muß sich dessen bewußt werden und sich solidarisieren – denn nichts ist unmöglich!!!!

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