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Ist dieser Papst noch katholisch?

Ist Papst Franziskus ein „Gottesgaukler“, weil er von Kaninchen spricht? Wenn Katholiken fragen, ob der Papst noch katholisch ist, müssen sie sich diese Frage auch selbst gefallen lassen.

Papst Franziskus ist ein Papst der Rekorde. Deutlich sichtbar hat er das zuletzt unter Beweis gestellt, als er am vergangenen Sonntag mit mehr als sechs Millionen Gläubigen in Manila unter freiem Himmel – und bei regnerischem Wetter – die Heilige Messe gefeiert hat. Damit hat er einen Weltrekord aufgestellt und sogar noch seinen inzwischen heiliggesprochenen Vorgänger Johannes Paul II. getoppt, der 1995 am gleichen Ort mit fünf Millionen Menschen Gottesdienst gefeiert hatte.

Auch an anderer Stelle scheint Franziskus Rekorde zu brechen: War das Papstamt doch sonst die – ganz im positiven Sinne – unverrückbare letzte Instanz der Katholischen Kirche, so bieten seit der Wahl des Lateinamerikaners Bergoglio auf den Stuhl Petri erstmalig die Aussagen eines Papstes wirklich Raum zur Interpretation. Kurzum: Papst Franziskus sieht es gar nicht ein, sich in ein Format pressen zu lassen, ganz einfach weil er authentisch bleiben will. Am Anfang war es nur der Papst, der seine Hotelrechnung selbst bezahlt oder seinen Zahnarzttermin telefonisch absagt, den er eigentlich nach seiner Rückkehr vom Konklave wahrnehmen wollte. Doch ganz schnell merkten Christen in Rom und anderswo, dass es auch die Worte des Pontifex sein werden, die uns aufhorchen lassen werden.

Heraus aus der Wohlfühl-Zone

Mit 25 Jahren gehöre ich zur Generation derjenigen, die von Kindheit an nur einen Papst kannten: Johannes Paul II. – der unermüdliche Marathonmann Gottes, dem keine Entfernung zu weit und, vor allem zum Ende seines Pontifikates, keine Anstrengung zu groß war, die frohmachende Botschaft des Evangeliums zu allen Menschen zu tragen. Nicht wenige haben sich nach seinem Tod 2005 gefragt: Wie soll das nur weitergehen? Wer soll in diese Fußstapfen treten? Der Heilige Geist muss beim Konklave im gleichen Jahr mächtig geweht haben: Am 19. April 2005 stand der „einfache und bescheidene Arbeiter im Weinberg des Herrn“, wie er sich selbst bezeichnet hat auf der Loggia des Petersdoms und hat als Benedikt XVI. die Menge auf dem Petersplatz gesegnet.

Nach Johannes Paul II., der vor allem die Herzen der Menschen erreicht hat, legte Benedikt XVI. den Fokus auf den Verstand und hat vor allem eines nicht getan – seinen Vorgänger nachgeahmt. Viele hat das auch gestört, dieser Papst, der in einer brillanten Sprache über Gott, über die Liebe und über die Hoffnung schreiben und reden konnte. Und doch können wir heute sicherlich noch nicht von uns behaupten, den theologischen Schatz dieses Papstes vollständig gehoben zu haben.

Am Ende dieses Pontifikates steht der Tabubruch: Ein Papst, der von sich selbst sagt, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichen, verzichtet auf die Ausübung seines Amtes. Ich selbst konnte es nicht glauben, als ich von dieser Nachricht gehört habe und ich gebe zu, dass mich der Entschluss des Papstes, fortan in der Zurückgezogenheit wie ein Mönch zu leben und zu beten, gestört hat. Seinem Vorgänger sagte man nach, er hätte zu Leuten gesagt, die ihm geraten haben kürzer zu treten, dass Christus auch nicht hätte vom Kreuz herabsteigen können. Das hat mir imponiert – und Mut gemacht. Der Amtsverzicht seines Nachfolgers wenige Jahre später passte da einfach nicht ins Bild. Mittlerweile habe ich meinen Frieden mit dieser Entscheidung des „Papa emerito“ gemacht, einfach weil ich glaube, dass jeder Papst das Recht hat, dieses Amt mit seinem eigenen Stil auszuüben. Sicherlich macht man den Erfolg eines Pontifikates nicht vom Stil der Amtsführung abhängig, doch allein das noch junge Pontifikat von Franziskus zeigt, dass Stilfragen durchaus eine Rolle spielen.

Man muss zugeben, dass es gedauert hat, bis man Papst Franziskus einordnen konnte. Mir ging und geht es zumindest so. Vielleicht auch, weil er schlichtweg nicht in eine Schublade passt. Mir hat gefallen, wie Papst Johannes Paul II. die Jugend an der Hand genommen hat. Und mir hat gefallen, welchen Fokus Benedikt XVI. beispielsweise auf die Liturgie gelegt hat – weil das auch ein Schatz der Kirche ist, der mir persönlich immer sehr geholfen hat. Und ja, das fehlt mir auch ein bisschen. Aber für eine andere Akzentuierung beispielsweise bei der Liturgie kann ich Papst Franziskus nicht kritisieren und will das auch nicht, wenn ich auf der anderen Seite sehe, wie tief und hilfreiche seine geistlichen Impulse sind.

Kurzum: Ich glaube, Papst Franziskus führt uns heraus aus der Wohlfühl-Zone. Das hat er getan, als er im Juli 2013 vor Seminaristen gesagt hat „Es schmerzt mich, wenn ich einen Priester oder eine Nonne mit dem neuesten Automodell sehe: Das geht nicht!“. Das hat er auch getan, als er kurz vor Weihnachten letzten Jahres in einer Ansprache vor Vertretern der Kurie eben diese wortstark kritisiert und von den „15 Krankheiten der Kurie“ gesprochen hat. Sicherlich hatten sich die Zuhörer ein anderes Weihnachtsgeschenk vom Papst gewünscht, als von ihm „geistliches Alzheimer“ attestiert zu bekommen. Und ich gebe zu: Auch mich hat sowohl der Rahmen als auch die Deutlichkeit seiner Worte erschreckt.

Keine Entmystifizierung des Papstamtes

In diesen Tagen hat er es wieder getan. Auf dem Flug von Manila nach Rom hat Papst Franziskus den sicherlich erstaunten Journalisten gesagt: „Einige glauben – entschuldigt bitte das Wort –, um gute Katholiken zu sein, müssen wir sein wie Kaninchen, nicht wahr? Nein. Verantwortete Elternschaft. Das ist klar.“ Das sitzt – und hat Schlagzeilen-Format. Dass der Papst im gleichen Atemzug auch davon gesprochen, dass eine christliche Ehe die Offenheit für Kinder voraussetzt und, dass Kinder – auch viele – etwas Schönes sind, hat kaum einer wahrgenommen. Bei einer Gesellschaft, die auf schnelle, pointierte Berichterstattung steht, jetzt in eine Medienschelte zu verfallen, weil die Aussagen des Papstes verkürzt dargestellt werden, ist meines Erachtens ungerecht. Zumal der Papst mit seiner offenen Sprache dieses auch in Kauf nimmt und sich durchaus der Medien zu bedienen weiß. Ich unterstelle ihm, dass er mit dieser Art der Sprache eben auch die Menschen erreichen will, die keinen Katechismus im Bücherregal stehen haben. Vielleicht ist es gerade das, womit er uns beinahe überfordert.

Nach dem Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. hat Kardinal Woelki von einer „Entmystifizierung“ des Papstamtes gesprochen. Diese Feststellung mag zutreffen, ich glaube jedoch nicht daran, dass alle Katholiken den Schalter so schnell umgelegt haben. Auch ich gehöre zu denjenigen, die in der Endgültigkeit – und Überlegtheit – päpstlicher Aussagen immer etwas Beruhigendes und klares gesehen haben.

Bei Cicero Online geht Alexander Kissler hart mit Papst Franziskus ins Gericht. Er geht sogar so weit, den Papst einen „Gottesgaukler“ zu nennen, der den Stuhl Petri zur Bühne der eigenen Witzigkeit macht. Das geht mir zu weit, genauso wie die Tendenz in einigen Kreisen der Kirche, die lockere Art des Papstes als kritisch zu sehen. Dann wird er auch gerne mit seinen Vorgängern verglichen – ungeachtet dessen, dass man ihnen und auch dem Papst selbst damit genauso Unrecht tut, wie mit dem ewigen Versuch – gerade zu Beginn von Franziskus‘ Pontifikat – die Unterschiede zwischen Benedikt und ihm deutlich zu machen, um den Vorgänger in den Schatten zu stellen. Denn, wenn wir irgendwann anfangen uns zu fragen, ob der Papst noch katholisch ist, müssen wir uns spätestens dann diese Frage auch selbst gefallen lassen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alan Posener, Walter Kasper, Andreas Kern.

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