In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

„Wir sind glücklich, wenn Kinder Physik belegen“

Für Google Israel setzt sich Michal Segalov nicht nur für die Suchmaschine, sondern auch für den Nachwuchs ein. Inanna Fronius und Alexandra Schade sprachen mit ihr über weibliche Ingenieure und verständliche Informatik.

The European: Gibt es viele weibliche Ingenieure bei Google?
Segalov: Ich denke, es gibt generell nicht viele weibliche Ingenieure. Wenn Sie sich die Zahl der weiblichen Ingenieure bei Google anschauen, sehen Sie so ziemlich genau das, was Sie erwarten – denselben Prozentsatz wie der von Absolventen überall auf der Welt. Also ist die Antwort ja und nein.

The European: Warum gibt es so wenige Frauen, die beispielsweise Informatik studieren?
Segalov: Grundsätzlich ist es ein Wahrnehmungsproblem. Ich glaube, oft ist es so, dass junge Mädchen Ingenieurswesen oder Naturwissenschaften als etwas ansehen, das nur für Jungen ist, oder auch als etwas wenig Interessantes, Innovatives oder Kreatives. So kommen sie von diesem Karriereweg ab. Was mich betrifft, hat Ingenieurswesen etwas hoch Innovatives und ausgesprochen Kreatives. Ich lerne und mache laufend Neues, weswegen es mich überrascht, dass es nicht viele weibliche Ingenieure gibt.

The European: Also ist es im Grunde nicht so schwer, wie es scheint? Ich persönlich halte Ingenieurswesen, Informatik oder Google für etwas sehr Abstraktes.
Segalov: Für mich geht es bei Informatik prinzipiell darum, die Probleme der Menschen zu lösen bzw. ihre Leben einfacher und besser zu machen. Denken Sie an die Suchmaschine – das klassische Beispiel. Sie können auf Informationen zugreifen, die Sie zuvor nicht hatten. YouTube läuft nach demselben Prinzip, ein Medium, das es den Menschen erlaubt zu kommunizieren – und zwar sehr einfach, über das Internet und auf der ganzen Welt. So ziemlich alle Google-Produkte versuchen, innovativ zu sein und Sachen einfacher zu gestalten. Dinge werden mit der Zeit besser und besser, da sich ihre Anwendungsmöglichkeiten ändern. Es ist sehr interessant, in diesem Umfeld zu arbeiten. Obwohl wir eine funktionierende Suchmaschine haben, gibt es immer noch ständig etwas zu tun, um sie zu verbessern, schneller zu machen und mehr Daten zu verarbeiten. Das bedeutet Informatik für mich.

„Die Suchmaschine ist nur ein Teil unserer Mission“

The European: Google ist wahrscheinlich eine der mächtigsten Firmen der Welt, die unser Leben in vielen Aspekten beeinflusst. Wie Sie gesagt haben, begann Google als Suchmaschine. Nun gibt es so viele andere Teile, wie zum Beispiel Google Docs, oder sogar Bildungsprogramme. Warum ist Google in so vielen Bereichen tätig? Warum ist eine Suchmaschine nicht genug?
Segalov: Googles Leitbild ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und sie universell abrufbar und nützlich zu machen. Eine Suchmaschine ist nur ein kleiner Teil dieser Mission. Es ist nur eine Art von Information, die global verfügbar wird. Zum Beispiel ist das Telefon eine neue Form von globaler Verfügbarkeit: Sie haben Google Maps immer bei sich, egal wohin Sie gehen. So wie sich die Technologie verändert, kann sich auch unser Leitbild bzw. die Interpretation unseres Leitbildes verändern. Aber alles, was wir tun, ist immer noch unter dem Dach, alles zu organisieren und universell abrufbar zu machen.

The European: Da Google so mächtig ist, gibt es auch eine gewisse Verantwortung. Stimmen Sie zu?
Segalov: Ich denke, wir sind als Gesellschaft alle verantwortlich für den Inhalt. Kinder sind potenziell Inhalten ausgesetzt, für die sie nicht geeignet sind. Diese Inhalte sind frei in der Netzwelt. Deswegen gibt es definitiv eine Debatte in der modernen Welt zur Frage, ob Eltern mehr darauf achtgeben müssen, was ihre Kinder online machen können. Jedoch bringt genau das aber auch einen wirklich großen Vorteil. Als ich ein Kind war und etwas Neues lernen wollte, musste ich in die Bibliothek gehen und nach einer Enzyklopädie suchen. Das war ein Prozess, den nicht alle Kinder durchmachen konnten. Meine Eltern konnten es sich leisten, ein Auto zu haben, um mich dorthin zu fahren, aber nicht jeder hat die Möglichkeit, zu solchen Orten zu gelangen. Ich denke daher, dass alles seinen Preis hat. Aber wenn man den großen Nutzen betrachtet, sage ich, dass es definitiv etwas ist, das gefördert werden sollte.

The European: Jetzt, wo so viele Informationen da draußen sind, kann jeder etwas ins Internet stellen. Man muss den Leuten helfen, dies in gewisser Weise zu organisieren und die Informationen zu verstehen. Ist das auch ein Teil von Google?
Segalov: Wir stellen selbst keine Inhalte ins Netz – wir machen es einfacher, sie abzurufen. Wir erleichtern es den Nutzern, Inhalte zu finden – wir kreieren nichts aktiv.

The European: Können Sie uns etwas über Ihre Projekte in Israel erzählen?
Segalov: Die Idee ist grundsätzlich, dass sich bei uns junge Mädchen mit Technologie und Informatik auseinandersetzen. Dazu organisieren wir monatlich Besuche im Google-Büro in Israel. Wir führen die Mädchen in drei Bereiche ein: Zuerst zeigen wir ihnen, wie eine hochtechnologische Arbeitsumgebung aussieht, danach erklären wir ihnen, was Informatik wirklich ist. Und dann – wie ich finde, der wichtigste Teil – bringen wir sie mit weiblichen Ingenieuren zusammen, Menschen, die einmal so waren, wie sie selbst. So können sie sich wirklich gut unterhalten und sie fragen, was auch immer sie beschäftigt. Viele dieser Mädchen kommen mit falschen Vorstellungen über den Beruf der Ingenieurin zu uns. Sie denken, dass wir morgens ankommen und den ganzen Tag über mit keinem sprechen, was selbstverständlich nicht wahr ist. Wenn die Mädchen uns besuchen und sehen, wie innovativ und kreativ die Arbeitsumgebung ist, verändert es manchmal wirklich ihre Vorstellung von Informatik. Indem wir dieses Projekt durchführen, erhöhen wir die Anzahl von Mädchen, die Informatik in der Schule belegen.

„Wir sind glücklich, wenn Kinder Physik belegen“

The European: Das ist wirklich verblüffend, denn in Deutschland haben wir so etwas nicht flächendeckend an allen Schulen. Für wie wichtig halten sie Informatikunterricht in der Schule?
Segalov: Ich denke, dass es wichtig ist, Naturwissenschaften in der Schule zu haben. Informatik ist eine Form davon. Aber ich finde, dass in der Sekundarstufe Physik, Mathematik oder Informatik alle eines gemeinsam haben: Sie entwickeln wirklich die Art zu denken. Es ist cool, Informatik zu belegen, jedoch kann man sehr ähnliche Effekte bei jeder Art von Naturwissenschaft erzielen. In dem Programm, das wir durchführen, fördern wir alle Naturwissenschaften. Wir sind froh über Mathematik, wir sind glücklich, wenn die Kinder Physik belegen, wir sind mit allem zufrieden. Mit Google zeigen wir ihnen Anwendungsgebiete der Informatik, aber dasselbe gilt auch für alle anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen.

The European: Wir sind alle täglich im Internet. Wenn wir wenigstens ein bisschen verstehen, wie es funktioniert, wäre das toll, nicht? Ich selbst weiß nicht, wie das Ganze läuft.
Segalov: Dann sollten Sie zu meinem Programm kommen. (lacht) Aber ja, ich stimme Ihnen absolut zu.

The European: Gerade Medienkompetenz ist aber auch wichtig, um den Anschluss zu wahren – unterrichten Sie das auch in Ihrem Kurs?
Segalov: Nicht wirklich. Es ist auch in dem Sinne kein Kurs, sondern ein zweistündiger Besuch, während dem wir den Teilnehmern erklären, wie eine Suchmaschine funktioniert. Die Menschen verlassen den Kurs mit dem Gefühl, dass sie mit dem richtigen Hintergrundwissen selbst eine kleine Suchmaschine aufbauen könnten. Das ist die Idee – ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen Vertrauen in sich selbst und ihr Potenzial zu geben.

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