In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

„In gewissem Sinne war Jesus Atheist“

Die Rituale des Religiösen – wie etwa Weihnachten – schaffen Sicherheit, meint der Theologe Michael von Brück. Politik könne Religion an dieser Stelle nicht ersetzen. Im Gespräch mit Roderick Panchaud und Alexander Görlach erklärt er außerdem, warum Jesus und Buddha auf eine gewisse Weise Atheisten waren.

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The European: Rituale teilen unser Leben ein – woher kommt unser Hang zu Rhythmen?
Von Brück: Rituale sind Rhythmisierungen des Lebens, des gesellschaftlichen sowie des individuellen. Ritual-Rhythmen entsprechen den Rhythmen der Natur, das Ritual inszeniert solche Rhythmen in sozialen Kontexten. Der Jahres- und der Tag-Nacht-Rhythmus sind beispielsweise solche Rhythmen. Dann haben wir Zeitgeber und Rhythmisierungen, die im physiologisch-psychologischen System des Menschen vorgegeben sind. Beispiele hierfür sind das Kreislaufsystem, der Schlafrhythmus oder der Atemrhythmus. Auch die Informationsverarbeitung, die zu sprachlichen Begriffen führt, unterliegt Rhythmen. Das haben Menschen intuitiv aufgenommen und durch die Rhythmisierung des Lebens – Geburt, Reife, Alter und Tod – in einen größeren, einen kosmischen Zusammenhang eingebettet.

The European: Was gewinnt der Mensch, wenn er diesen Zusammenhang herstellt?
Von Brück: Dadurch erhält das individuelle Leben einen Sinn und die Menschen gewinnen Stabilität, Sicherheit und Zugehörigkeit. Kurz: Sie gewinnen Identität. Dieser Zusammenhang wird durch Rituale hergestellt, die in einen religiösen Kontext gestellt werden.

„Das Religiöse stellt alles in einen universalen Zusammenhang“

The European: Wieso haben es Religionen geschafft, das Monopol auf diese Rhythmen zu erlangen?
Von Brück: Das hängt mit Ausdifferenzierungen in der Kulturgeschichte des Menschen zusammen. Zunächst ist ja die Frage zu stellen: Ist Religion ein eigenes System gegenüber anderen sozialen Systemen? Das ist eine moderne Frage. Wenn wir die Kulturgeschichte der Menschheit betrachten – wobei wir ja nur einen ganz kleinen Teil, nämlich die letzten 3.000 bis 4.000 Jahre studieren können, weil zuvor wenig dokumentiert ist – so sind bis in die europäische Neuzeit hinein kulturelles, gesellschaftliches, künstlerisches, politisches, und religiöses Leben nicht voneinander zu trennen. Dies bedeutet, dass allgemeine sozial inszenierte Rhythmen nicht von religiösen Rhythmen zu trennen sind. Das Religiöse ist die Dimension, die verschiedene Lebensbereiche menschlicher Aktivitäten mit den von der Natur her vorgegebenen Rhythmen in eine Beziehung setzt und alles in einen universalen Zusammenhang stellt.

The European: Gilt das noch heute – zum Beispiel bei uns in Europa?
Von Brück: Aufgrund einer spezifischen Kulturentwicklung in Europa hat sich das in den letzten 500 Jahren ausdifferenziert. Aber dennoch hat auch hier die Religion noch heute ein Monopol auf diese Ritualisierungen, das allerdings seit etwa 200 Jahren auch pluralisiert wird, d.h. es gibt Rituale, die dezidiert nicht-religiös sein können. Dennoch ist Religion, durchaus auch außerhalb kirchlicher Institutionen, eine starke Kraft. Warum? Weil Religion das Ganze beschreibt, mit ihren Symboliken und Ritualen. Und der Mensch ist mit nichts zufrieden, das weniger als das Ganze ist. Warum? Weil ein Bereich, der nicht dem Gesamt-Sinn zugeordnet wäre, ein abgespaltener Teil also, potenzielle Gefahr bedeutet, sozial wie psychisch.

The European: Im Abendland hat sich ein eigener Religionsbegriff etabliert, der sich von denen anderer Kulturkreise, beispielsweise Asiens, unterscheidet. Wie wird dort Religion definiert?
Von Brück: Im Sanskrit, der alten indischen Sprache, wird das, was wir Religion nennen, als dharma bezeichnet. Und dharma heißt: „das Gesetz“; es meint in einem umfassenden Sinn das gesamte Weltgesetz. Dharma bedeutet aber auch „das Tragende“. Dharma meint das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Darum ist Religion nicht nur eine kognitive Angelegenheit, sondern auch eine ästhetische, psychische und soziale. Das religiös gedeutete Universum entspricht also der Sehnsucht nach Ganzheit, der Hoffnung, dem Rhythmus, der Beheimatung und der Zugehörigkeit für den Menschen.

The European: Lassen Sie uns über den Atheismus sprechen. Es gehört ja dabei immer – zumindest mit der abendländischen Brille betrachtet – ein metaphysisches Element dazu, also ein Gott, der dann abgelehnt wird. Ist das ein Spezifikum der Europäisierung des Christentums?
Von Brück: Atheismus verneint den Theismus. Theismus bedeutet, dass ein Gott der Welt gegenübersteht und dieselbe schafft und oft auch regiert. Diese Behauptung wird dann dem Wahrheitstest unterzogen, und der Atheismus verneint, dass diese Behauptung wahr ist. Der religiöse Begriff der Wahrheit ist aber nicht identisch mit dem Begriff für Wahrheit, wie wir ihn aus dem Alltag oder der Wissenschaft kennen, dass nämlich eine bestimmte Aussage kognitiv wahr oder falsch ist. Im religiösen Sinne bedeutet Wahrheit Vertrauen und Gewissheit, was sich nicht im Kognitiven erschöpft, die kognitive Komponente aber durchaus einbeziehen kann. Nun hat sich aber in Europa in Verbindung mit der griechischen Philosophie, die mit diesem Wahrheitsaspekt arbeitet, die Meinung herausgebildet, dass Wahrheit definierbar wäre und damit auch Gott. Dadurch entsteht eine religiöse Metaphysik, die eigentlich eine Unmöglichkeit ist.

Wäre Gott nämlich definierbar, dann wäre er begrenzt, weltlich, eben gerade nicht Gott. Ein Unbegrenztes kann nicht definiert werden. Dann aber kann eine Aussage über dasselbe auch nicht falsifiziert werden. Die Mystiker, und im Anschluss daran der Kardinal und Philosoph Nikolaus von Kues (1401-1464), sprechen darum von der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze. Das ist rational nicht formulierbar, weder in einem bejahenden noch in einem verneinenden Satz. Der Mensch möchte aber Gott definieren, um gewiss zu sein, dass sein Leben dem Gottesbild entspricht, also richtig ist. Der Atheismus bestreitet diese Definierbarkeit: einen „Gott“ als etwas gibt es nicht. Diese Haltung gibt es in der gesamten Religionsgeschichte, auch im Christentum. Und das auch in einem ganz „frommen“ Sinn.

„Man kann von Gott nur sagen, was er nicht ist“

The European: Sie sagten doch, dass der Mensch Religion habe, damit er keine Angst vor dem Fremden da draußen haben muss. Also muss ich doch auch wissen wollen, wer Gott ist?
Von Brück: Genau. Und das ist das Problem. In vielen Religionen ist deshalb die „Erkenntnis“ Gottes nicht durch den Begriff gegeben, sondern durch eine über-begriffliche Erfahrung oder durch ästhetische Anschauung oder durch voraussetzungslosen Glauben. Dann gibt man sich der Wirklichkeit hin, ohne sie be-greifen zu wollen. Manche Religionen vollziehen sich vor allem in Opferritualen: Gott (oder eine vielgestaltig vorgestellte göttliche Sphäre) gibt das Leben, der Mensch gibt im Austausch seinen Anteil als Opfer zurück. Es ist wechselseitige Abhängigkeit, die rituell inszeniert wird, und das genügt.

In der europäisch-christlichen Tradition bestand darüber hinaus ein starkes Bedürfnis, das Göttliche bzw. Gott zu definieren. Aber früh wusste man auch schon: das geht nur durch negative Bilder und Begriffe. Man kann dann von Gott nur sagen, was er nicht ist. Dann ist Atheismus sogar eine notwendige Ausdrucksform. Das alles nennen wir Metaphysik. Die sogenannte „negative Theologie“ geht bis auf die Bibel zurück, sie ist dann in der frühchristlichen Kirche und in der Scholastik durchaus prägend gewesen. Aber wenn ich nicht definieren kann, was Gott ist, kann ich, streng genommen, auch nicht sagen, was „er“ will. Wenn man das nicht sagen kann, gibt es Schwierigkeiten, die Macht- und Lebensmuster, die die religiösen Institutionen durchsetzen wollen, zu legitimieren. Der Machtanspruch der institutionalisierten Religion erzwingt Definitionen, und das ist das Problem. Deshalb haben wir die schauerliche Verfolgung und systematische Vernichtung der sogenannten „Ketzer“ in der Christentumsgeschichte. Und die Revolte dagegen ist einer der wesentlichen Gründe für den neuzeitlichen Atheismus als Religionskritik, auch und gerade als Institutionenkritik. Der Formulierungsstreit und die Intoleranz gegenüber den Andersdenkenden haben schon im 2. Jahrhundert begonnen, das ist geradezu zur Antriebskraft für die europäische Theologie- und Geistesgeschichte geworden.

The European: Woher kommt diese Intoleranz?
Von Brück: Europa hat unterschiedliche Wurzeln. Wir haben die griechische Philosophie, die eine religionskritische Bewegung gegenüber den Ritualen und Mythen der homerischen Welt ist. Was tut die Philosophie? Sie versucht, Begriffe zu finden, die einer allgemeinen Vernunft plausibel erscheinen und begründet werden können, damit die religiösen, partikularen Ansprüche der religiösen Traditionen (der griechischen Götter, die die rivalisierenden Stadtstaaten legitimierten) unter einer gemeinsamen Instanz vernünftig diskutierbar werden und ein umfassenderes Gemeinwesen entstehen kann.

Es ist der Logos, der hier zählt, der ist göttlich, der ist universal. Das hat dann auch in der frühchristlichen Theologie eine Rolle gespielt. Anders verhält es sich in der hebräischen Tradition, wo der Begriff der Hoffnung auf die Treue des einen Gottes zentral ist. Auch darin liegt ein partikulares Element, denn die Hoffnung ist an den Bund gekoppelt, den Gott mit diesem einen Volk, und mit keinem anderen, geschlossen hat. Die Geschichte der Landnahme der zwölf Stämme Israels, die mit göttlich legitimierter Gewalt gegenüber den anderen Völkern erfolgt, zeigt dies. Das spätere Judentum und dann auch das Christentum versuchen, diesen Partikularismus zu universalisieren, mit mehr oder weniger Erfolg und Konsequenz.

Aber das Erbe des „eifersüchtigen“ Gottes hat die Religionspolitik vieler Jahrhunderte herausgefordert. Auch die Umdeutung der Messiaserwartung im Christentum hat diese Partikularität aufgebrochen und universalisiert. Das war die Bedingung für die Herausbildung eines „christlichen Europas“, das unterschiedliche Völker, Kulturen, Sprachen, Religionssysteme unter ein Dach brachte. Aber eben: ein Dach. D.h. es wurden Normen, Geltungsansprüche, Wahrheitsansprüche und politische Institutionen geschaffen, die das durchsetzen konnten: die kirchlichen Strukturen des Papsttums vor allem. Und es kommt hinzu: Mit der Übersetzung des Christentums aus dem Griechischen ins Lateinische und damit in die lateinische Rechtssprache, verbunden natürlich mit der politischen Bedeutung des Bischofs von Rom, der in mancher Hinsicht das Erbe der römischen Cäsaren antrat im Machtvakuum, das durch die Völkerwanderungen entstanden war, wurde das Christentum im Kontext einer imperialen Strategie umgedeutet. Und imperiale Machtansprüche vertragen sich nur selten oder höchst eingeschränkt mit pluralistischen Lebens- und Wahrheitsmodellen.

„Das Ritual gibt Sicherheit“

The European: Also ist der Machtanspruch, den das Papsttum über die Jahrhunderte entwickelt und durchgesetzt hat, Ihrer Meinung nach verantwortlich für diese intolerante Entwicklung auf dem europäischen Kontinent?
Von Brück: Indem der Bischof von Rom nicht einfach ein lokaler Bischof blieb, sondern als eine lokal-universelle Macht das ganze Römische Reich beherrschte, trat er das Erbe der römischen Cäsaren an. Er hält das „Reich“ zusammen; sowohl nach außen als auch nach innen. Und zwar politisch wie geistig. Das ist die unvermeidliche Konsequenz der Verbindung der verschiedenen Wurzeln in der europäischen Geschichte. Bezeichnenderweise kommt es dann im 11. Jahrhundert auch zur formalen Kirchenspaltung und damit zum endgültigen Bruch zwischen Rom und Byzanz, zwischen Westen und Osten. Diese Teilung war nicht nur sprachlicher und administrativer Natur, sondern auch kultureller und selbstverständlich religiöser. Sie hatte sich über Jahrhunderte hinweg bereits abgezeichnet. Und diese Spaltung ermöglichte letztlich auch den Vormarsch des Islam und die Eroberung Konstantinopels 1453, denn das Byzantinische Reich war schwach geworden und hatte es schwer, Bündnisse mit Rom und/oder den oberitalienischen Städten (Venedig) zu schließen.

Zentraler Streitpunkt war (und ist) dabei eine einfach scheinende Formel: das Glaubensbekenntnis. Beim ursprünglichen Glaubensbekenntnis geht der Heilige Geist vom Vater aus. Die römische Kirche hingegen fügte dort noch ein Wörtchen ein: filioque. Der Geist geht nun vom Vater und vom Sohn aus. Also: „… qui ex patre filioque procedit“. Warum sollte er nicht? Das ist interessant! Wenn der Geist von einer universalen Größe abhängig ist, ist er nicht definierbar, weder begrifflich noch auf einen Ort oder eine Lokaltradition beschränkbar. Wenn er aber vom Vater und vom Sohn ausgeht, ist er abhängig auch vom Sohn. Der Sohn ist der in der Menschheitsgeschichte erschienene, also „definierte“ Gott. Insofern die Kirche die Kirche dieses Sohnes ist und der Papst stellvertretend für diesen Sohn regiert, werden der Geist und die Definition des Geistes abhängig von dieser Institution. Das spürte die Ostkirche und lehnte diesen Machtanspruch ab, der auf der theologischen „Bindung“ des Heiligen Geistes an die römisch-kirchliche Institution beruht.

The European: Wenn wir von Ritualen und Rhythmen sprechen, dann sprechen wir von Geschichte. Welches Geschichtsverständnis liegt Ihren Überlegungen zugrunde?
Von Brück: Das Ritual lebt vom immer wiederkehrenden Gleichen, und das gibt Sicherheit: Nehmen Sie den Sonnenkreislauf oder den Beginn des neuen Jahres. Das Ritual inszeniert die Garantie, dass die Sonne wieder aufgeht und jedes Jahr wiederkehrt. Das Ritual bestätigt die Kontinuität der Welt, des Lebens, der geschichtlichen Konstanten. Die menschliche Lebenserfahrung – außerhalb der Rituale – ist ja durchaus anders. Diese menschliche Lebenserfahrung ist nicht die Sicherheit des Beständigen, sondern Menschen werden ständig mit Unvorhersehbarem, mit Schicksalsschlägen, mit Katastrophen, mit neuen Konstellationen konfrontiert, mit Kriegen, plötzlicher Krankheit, Hunger und Tod. Dieses Unvorhersehbare und Unberechenbare erzeugt Angst. Daher die Astrologie: Man will aus den kontinuierlichen Abläufen der Himmelsmechanik, die man genau beobachtete, auf die Ereignisse in der Geschichte schließen können – politisch ebenso wie individuell.

Ursprüngliche religiöse Rituale sind sehr eng an die Astrologie geknüpft, sie setzt das Maß für rituelle Zeitstrukturen – ob bei den Babyloniern, den Indern, den Chinesen. Auch das frühe Christentum kommt nicht ohne die Astrologie aus: dass das zufällige Ereignis der geschichtlichen Geburt Jesu in Bethlehem als Heilsgeschichte verstanden werden kann, also nicht mehr nur als zufälliges Geschehen, bedarf der Bestätigung durch die Sterne – die „Könige aus dem Morgenland“ repräsentieren diese Autorität. So wird zufällige Geschichts-Erfahrung zur notwendigen Heilsgeschichts-Erfahrung. Das scheinbar Sinnlose bekommt darin einen höheren Sinn. Durch Heilsgeschichte wird Geschichts-Angst bewältigt. Geschichte wird in eine höhere Ordnungs-Struktur eingebunden. Und dies wird in Ritualen inszeniert, wiederholt, eingeprägt.

The European: Was ist die Charakteristik der Heilsgeschichte?
Von Brück: Menschen erleben ständig Bedrohliches. Die Zukunft ist offen, gefährlich. Nur die Vergangenheit ist faktisch. Wenn das Faktische als ein Zusammenhang gedeutet wird, der einen Sinn hat oder nach einem verstehbaren Plan verläuft, kann die Gegenwart bewältig werden. Und daraus entstehen Erwartungen für die Zukunft. Dies zähmt die Angst. Das ist die Heilsgeschichte. Die zufälligen Ereignisse des Lebens werden mit höheren Ordnungen in Beziehung gesetzt und verrechnet, also sinnvoll gedeutet: „wie im Himmel so auf Erden“. Das ist gut zu sehen an den Lebensritualen, den Ritualen des Übergangs von einem Lebenszustand in den anderen (rites de passage): Geburt, Reife, Alter, Tod sind das, was jeder Mensch erlebt in seiner individuellen Geschichte. Jeder Übergang in eine neue Phase des Lebens wird mit einem Ritual begleitet, um zu zeigen, dass nichts zufällig ist. Vielmehr wiederholt sich hier das Gesetzmäßige in je besonderer Form. Dadurch entstehen Kontinuität und Sicherheit, vor allem auch Zugehörigkeit – kosmisch und sozial. Das Individuelle bekommt einen Sinn, und daraus entsteht ein Zusammenhang im Ganzen. Das wird im Ritual in Szene gesetzt, damit das Zufällige zusammengefügt und Individuen verbunden werden.

„Sollte die Welt jedoch Gott begrenzen, dann ist er kein Gott“

The European: In welcher Weise entspricht denn der Atheismus einer Religion? Kann er beispielsweise eigene Rituale entwickeln, die ihn auf lange Sicht vergleichbar mit dem machen, was wir als Religion bezeichnen?
Von Brück: In Europa wirkt der Atheismus auf drei Ebenen. Die erste ist eine theoretische Ebene mit der Ablehnung eines theistischen Gottes, das heißt eines Gottes, der die Welt schafft und sie von außen lenkt, der der Welt gegenübersteht. Diese Ablehnung kann verschiedene Gründe haben. Erstens den erkenntnistheoretischen Grund, den wir schon besprochen haben: Ein der Welt gegenüberstehender Gott ist begrenzt, er hätte seine Grenze an der Welt. Sollte die Welt jedoch Gott begrenzen, dann ist er kein Gott. Dies ist letztlich ein religiöses Argument. Daraus entstanden verschiedene Denkformen, wie zum Beispiel der Pantheismus von Spinoza.

The European: Was sind die beiden weiteren Ebenen?
Von Brück: Die zweite Form des Atheismus ist antikirchlich. Das ist nicht Atheismus im Wortsinne, wird aber meistens unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Der marxistische Atheismus richtet sich vor allem gegen die Kirche als Institution, weil sie einerseits als fortschrittshemmend, anderseits als Konkurrenz im politischen Kampf wahrgenommen wird. Diese Form des Atheismus geht zurück bis an die Wurzeln des Christentums, und in diesem Sinne war Jesus der erste Atheist. Er übte Grundlagenkritik an der Religion seiner Zeit, und dafür wurde er hingerichtet. Auch Sokrates wurde hingerichtet, weil er die Jugend zur „Unfrömmigkeit“ gegenüber den klassischen religiösen Institutionen erzog. Im Mittelalter waren es die Franziskaner, die knapp der blutigen Verfolgung entgingen, weil Papst Innozenz III. erkannte, dass diese Bewegung so stark war, dass es klüger war, sie zu integrieren. Aber Franziskus übte scharfe Kritik an der verfassten Kirche seiner Zeit. Auch der Buddha war Atheist in diesem Sinne, weil er das religiös begründete Kastenwesen und den Opferkult, also die fundamentalen religiösen Institutionen seiner Zeit, radikal ablehnte. Er war aber auch Atheist im oben genannten ersten Sinn, weil er die Vorstellung eines Schöpfergottes ablehnte.

Die dritte Form des Atheismus ist die Gleichgültigkeit oder die Ablehnung, sich mit der Gottesfrage überhaupt zu beschäftigen. Der Ursprung dafür liegt wohl in der modernen Lebenshaltung. Diese kritisiert bewusst und zum großen Teil auch unbewusst die Religionsgeschichte, die Gewaltgeschichte des Christentums, die konfessionelle Spaltung, und natürlich auch die hierarchischen Strukturen der Kirche. Diese Bewegung begann bereits im 18. Jahrhundert, ganz gewiss auch als Antwort auf den 30-jährigen Krieg, sie wurde dann im 19. Jahrhundert stark, auch unter den Arbeitern, die ihr neues Evangelium im Marxismus fanden. Diese Gestalt des Atheismus scheint heute in Mitteleuropa die größte Gruppe zu stellen. Viele Menschen führen ein „säkulares“ Leben, und selbst wenn die Leute formal noch zu den Kirchen gehören, haben sie doch mit der religiösen Praxis oft nicht mehr viel im Sinn. Hinzu kommt, dass die moderne Industriegesellschaft und ihr Sozialstaat Institutionen geschaffen haben, die viele Funktionen übernommen haben, für welche zuvor religiöse Institutionen zuständig waren: Sicherheit und Identität zu stiften. Zu nennen sind hier die staatlich garantierten Sozialsysteme.

The European: Kann der Atheismus Rituale ausprägen, wie wir es von den Religionen her kennen?
Von Brück: Nehmen wir die Französische Revolution, welche die erste atheistische machtvolle Politbewegung der Neuzeit gewesen ist. Sie hat nicht nur alte Rituale abgeschafft, sondern auch neue geschaffen. Erfolglos wurde zum Beispiel eine neue Zeitrechnung eingeführt. Warum erfolglos? Weil diese Rituale abhängig waren von politischen Machtverhältnissen, von Moden und individuellen Vorlieben. Der Wechsel ist zu schnell. Rituale hingegen wachsen über Jahrhunderte und wirken dadurch stabilisierend, sie stiften ein „kulturelles Gedächtnis“. Der Unterschied zwischen den religiösen und den weltlichen Ritualen liegt darin, dass weltliche Rituale dem Geschmack und der politischen Macht unterworfen sind, also zeitlich stark bedingt sind. Auch religiöse Rituale sind Veränderungen unterworfen, sie prägen sich geschichtlich sehr unterschiedlich aus. Dennoch beansprucht Religion, in ihren großen mythischen Erzählungen und „uralten“ Ritualen Überzeitliches anzubieten. Die Sehnsucht danach scheint auch in der Gegenwart anzudauern.

Mehr zum Thema: Regina und Michael von Brück, Leben in der Kraft der Rituale. Religion und Spiritualität in Indien, München: C. H. Beck 2011.

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