Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer – und schon gar nicht der bessere Banker. Christoph Kaserer

Die Kurve brennt

Pyrotechnik ist die heilige Kuh der Debatte um Fangewalt. Obwohl Ultras konkrete Konzepte zur Legalisierung vorgelegt haben, lehnt der DFB den Dialog ab – und die Medien dämonisieren.

Viele Vorfälle in der vergangenen Saison haben dafür gesorgt, das Geschehen in den Fankurven immer mehr in den Blickpunkt zu rücken. Kaum ein Wochenende ist vergangen ohne Schlagzeilen, in denen von „sogenannten Fans“ die Rede ist, und aus der Politik werden vermehrt Forderungen nach schärferen Maßnahmen laut. Mit viel Tamtam fand dann im Juli ein Sicherheitsgipfel in Berlin statt, eingeladen waren Vertreter der Verbände, Vereine und Politik. Außen vor blieben die, über die geredet werden sollte: Wir Fans! Ergebnis waren zahlreiche öffentlichkeitswirksame Schnellschüsse, die in der Praxis aber wenig bewirken werden, weil sie über unsere Köpfe hinweg entschieden wurden. Die organisierten Fans sind längst nicht so obrigkeitstreu wie vom DFB gewünscht, sondern haben ihre eigenen Standpunkte und Sichtweisen, die sie auch bereit sind, offensiv zu vertreten.

Legalize it!

In den meisten Fällen fallen diese Bemühungen aber der Medienhoheit der Verbände zum Opfer, bestes Beispiel ist die Diskussion um eine Legalisierung von Pyrotechnik, aktuell sozusagen die heilige Kuh in der gesamten Debatte. Bei diesem Thema haben die Ultras ein Konzept entwickelt, das unter Einhaltung bestimmter Rahmenbedingungen einen weitgehend gefahrlosen und legalen Einsatz von Bengalischen Feuern im Stadion möglich macht – rechtliche Gutachten bestätigten dies. Ausgestattet mit diesem Konzept und einer durchdachten Argumentationsgrundlage, wandte sich die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ an den DFB. Nach anfänglicher Gesprächsbereitschaft brach der DFB diesen Dialog einseitig ab und änderte seine Strategie gegenüber den Ultras. Die Medien wurden fortan genutzt, um bei jeder Gelegenheit das Thema Pyrotechnik in der Öffentlichkeit zu dämonisieren und so jede Gesprächsgrundlage aus dem Weg zu räumen. Im Anschluss an den Sicherheitsgipfel beispielsweise sollten die Kapitäne der Mannschaften vor dem Anpfiff der Bundesligaspiele einen Text verlesen, in dem sie sich gegen Gewalt, Rassismus und Pyrotechnik gleichermaßen aussprechen. Egal ob man für oder gegen eine Legalisierung ist, Pyrotechnik mit Rassismus oder Gewalt gleichzusetzen, ist schlichtweg manipulativ.

Aber auch die Ultras haben in dieser Frage Fehler begangen, so wurden von manchen Fangruppen selbst auferlegte Regeln im Umgang mit Pyrotechnik gebrochen. Wenn Pyrotechnik als Waffe oder um einen Spielabbruch zu erzwingen missbraucht wird, werden all denen Steine in den Weg gelegt, für die Begriffe wie Selbstregulierung oder Verantwortungsbewusstsein nicht nur reine Lippenbekenntnisse sind. Den Kritikern wurden damit jedenfalls beste Argumente geliefert, sodass eine zufriedenstellende Lösung in dieser Frage mittlerweile nur noch reine Utopie ist.

Diese gesamte Situation ist sinnbildlich für die meisten Entwicklungen, viel zu selten kommt es wirklich zu einem Dialog zwischen den Beteiligten. Stattdessen werden vorschnell überharte Maßnahmen ergriffen, die Verunsicherung schaffen und Druck auf alle Seiten aufbauen. Ein großes Problem sind dabei unter anderem die Richtlinien zur Vergabe von Stadionverboten, ein völlig intransparentes System, das ermöglicht, Fans für mehrere Jahre ohne jeden Beweis vom Stadionbesuch auszuschließen. Da es sich hierbei um eine Sache des Hausrechts handelt, sind rechtsstaatliche Prinzipien wie die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt und so einer willkürlichen Vergabe Tür und Tor geöffnet. Ein solches Vorgehen gegenüber insbesondere jungen Menschen, für die der Stadionbesuch ein zentraler sozialer Bezugspunkt ist, fördert Unverständnis und Wut gegenüber den handelnden Institutionen.

Keine Narrenfreiheit für Ultras

Allgemein ist zu sagen, dass vielen der Verantwortlichen der nötige Einblick in die Welt der Fans fehlt, typische Rituale und Verhaltensweisen werden als gefährlicher wahrgenommen, als sie letztendlich sind. Die Ultrakultur ist eine Subkultur, das beinhaltet auch, dass sie in gewissen Punkten gesellschaftliche Normen und Zwänge bewusst übertritt. Das bedeutet allerdings keine Narrenfreiheit, auch innerhalb der Szene gibt es Regeln und Verhaltensweisen, welche beachtet werden müssen. Die Ultras bewegen sich hier aber auf einem schmalen Grat, der gelegentlich auch übertreten wird, u.a. dann, wenn Steine auf Busse geschmissen oder Spieler bedroht werden. Solche Vorfälle haben mit der bunten, kreativen aber auch kritischen Ultrakultur, die ich vertreten möchte, nichts gemein. Die Szene muss sich in Zukunft stärker in die Pflicht nehmen, solche Szenarien zu vermeiden und versuchen, selbstkritischer und mit mehr Weitblick zu agieren. Wenn sie das schafft, ohne gleichzeitig ihre Authentizität zu verlieren, wäre man ein ganzes Stück weiter auf dem Weg dorthin, als seriöser Dialogpartner auf Augenhöhe angesehen zu werden.

Die Verantwortlichen aus Sport, Sicherheit und Politik wären gut damit beraten, zu versuchen, die Ultrakultur wenigstens punktuell zu verstehen, dann würden sie erkennen, dass sie ihr nichts oktroyieren können. Der Aufbau einer Drohkulisse, wie aktuell durch ein angedachtes Stehplatzverbot, führt am Ende nur zu Verunsicherung und Verhärtung der Fronten. Wenn das Vorgehen immer rigoroser wird, werden sich in den Reihen der Ultras die radikalen Kräfte durchsetzen. Diese Spirale muss durchbrochen werden, den gemäßigten und gesprächsbereiten Ultras müssen Anreize geboten werden. Ein Ansatz wäre es daher, den Ultras mehr Freiräume zu geben, um sie so stärker in die Verantwortung zu ziehen und ein Gefühl des Miteinanders zu vermitteln. Die meisten Fankurven in den vergangenen Jahren sind so gereift, dass sie damit umzugehen wüssten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Feltes, Martin Gerster, Thomas Gander.

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