Ich rotiere höchstens, wenn ich Opfer des Rotationsprinzips werde. Oliver Kahn

„Ich habe weltweit rund 200 TV-Fälschungen untergebracht“

Michael Born ist verantwortlich für einen der größten Betrugsfälle im deutschen Fernsehen. Weit über 30 gefälschte Filme hatte er in den 90er-Jahren an Magazinsendungen verkauft, die meisten an “Stern TV”. Mit The European spricht er über die Vorfälle und erklärt, warum Fernsehen zu Hause tabu ist.

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The European: Wegen über 30 Film-Fälschungen, die Sie an bekannte Magazine verkauft haben, sind Sie in deutschen Medien als Verbrecher gebrandmarkt. Wie haben Sie damals gearbeitet?
Born: Naja, die Sache ist lange her, man kann also dank Verjährung Klartext reden. Meine Crew und ich haben grob überschlagen etwa 200 Fälschungen weltweit untergebracht. “Stern” und “Spiegel TV” waren doch harmlos. In den Redaktionen waren die Gehälter unproportional zur Intelligenz. Schwieriger war es da schon mit BBC oder dem Schweizer Fernsehen. Wir kreierten eine Welt, eine, wie sie nur in den Köpfen der Redakteure existierte. Ob drogenabhängige Krötenlecker, den Fund der Asche von Neonazi Kühnen, die in Wahrheit aus unserem Ofen war, oder Geister, die vor der Kamera auftauchten. Im Prozess stellten wir die Schutzbehauptung auf, die Redaktionen hätten alles gewusst. Die Wahrheit ist viel schlimmer: Die waren einfach naiv und hatten keine Ahnung.

The European: An Rauschgift produzierende Kröten oder Gespenster zu glauben ist doch ohnehin eine Frage der Fantasie. Repräsentativ für das Vortäuschen von Realität wären die vermeintlichen Kindersklaven in Indien oder von ihren Freunden gespielte Ku-Klux-Klan-Treffen in der Eifel.
Born: Ach was – Wilhelm, der Geist, war einer unserer Knaller. Wir inszenierten bei uns im Keller eine Geisterbeschwörung, die später im Gerichtssaal bei der Vorführung für erhebliche Heiterkeit bei den Richtern sorgte. Besonders als der Geist tatsächlich mit Stimme auftauchte. Mit so einem Blödsinn haben wir die Grenzen ausgetestet und uns natürlich super amüsiert, dass so was über den Schirm geht. Dann gab es halt andere Filme, da verfolgten wir eigene politische Interessen. Wir wussten, dass Ikea-Teppiche unter Zuhilfenahme von Kindern in Indien produziert wurden. Wir arbeiteten zusammen mit dem Aktivisten gegen Kindersklaverei Kailash Sartiati, der sich in die Recherche einband. Kailash, der Aachener Friedenspreisträger war, hatte gewarnt. Einige seiner Prospektoren wurden erschlagen. Ich bin ja noch ganz bei Trost und hab die Szene in der Fabrik inszeniert. Was den KKK-Film betrifft: Gegen Nazis ist mir jedes Mittel recht.

“Das mit der Katze, die erschossen wurde, bereue ich”

The European: Sie haben sterbenden Kindern die Kamera ins Gesicht gehalten; wo keine waren, Komparsen mit Ketchup als Kunstblut verziert; lebendige Tiere für den Mitleid-Effekt vor laufender Kamera töten lassen. Wie steht es um Ihr Gewissen: kein bisschen Reue?
Born: Reue? Bei manchem ja, bei den sterbenden Kindern aber auf keinen Fall. Mit seinem Embargo-Terror gegen die irakische Bevölkerung hat Bush senior es geschafft, über 700.000 irakische Kinder krepieren zu lassen. Wir wollten mit der Reportage die Menschen aufrütteln und das haben wir geschafft. Europaweit sammelten die Zuschauer Medikamente im Wert von vielen Millionen Dollar. Wir waren Embargobrecher und haben medizinische Hightech heimlich in den Irak gebracht. Den Schuh ziehe ich mir also nicht an, von wegen Skrupellosigkeit und Sensationsgier für die Kamera. Skrupellos war das Verhalten des Senders. Die haben nicht mal ein Aspirin gespendet. Das mit der Katze, die erschossen wurde, bereue ich.

The European: War das Geld ausschlaggebend für Ihre künstlichen Inszenierungen, die Anerkennung in der Branche oder worin lag die Versuchung?
Born: Künstlerische Inszenierungen passt glaube ich besser. Ohne die Sensationsgier der Medien, die Quote, den Druck der Zuschauer hätten wir nicht so gehandelt. Wir bekamen für unsere künstlerischen Leistungen zwischen fünfundzwanzig- und fünfzigtausend Mark pro Film. Motiv? Tja, da wir alle Kommunisten sind, versuchten wir den Finger in Wunden zu legen. Klar braucht man dafür Geld.

The European: Kunstvoll oder nicht – es bleibt Betrug, solange Geld für eine Täuschung bezahlt wurde. Haben Sie mal daran gedacht, im Stil von “Aktenzeichen XY” das Nachgespielte offiziell anzukündigen?
Born: Ich habe nie behauptet, dass es kein Betrug war. Auf manche Filme und Inszenierungen bin ich bis heute stolz. Warum sollte ich das ankündigen, der Sender hat seine eigenen Fälschungen auch nicht angekündigt. Es findet zwischen Sender und Zuschauer auch eine Irrtumserregung statt, aber eben keine Vermögensverfügung, deshalb machen die dasselbe straffrei. Bei vielen Filmen wurden die Vorwürfe gegen mich eingestellt, weil die Staatsanwaltschaft bemerkte, dass ich das gar nicht war, sondern der Sender selbst.

The European: Sie saßen durch Halbstrafe zwei Jahre im Gefängnis. Was hat sich in den Jahren seit der Entlassung für Sie verändert?
Born: Ich mache den Fernseher kaum noch an, und wenn dann öffentlich-rechtlich. Wenn meine Kinder zu Besuch sind, ist Fernsehen tabu. Sie finden Inszenierungen in allen Bereichen. Viele erkenne ich selbst, aber eine Menge von Kollegen stecken mir immer mal was. Vor allem im Bereich Nachrichten. Gemeinsam mit einem Kollegen betreibe ich eine Produktionsfirma in Griechenland und seit Februar einen eigenen Sender. Die Konsequenz aus meinen Erfahrungen konnte doch nur sein: Ich versuche einfach mal, ein vernünftiges Programm auf die Beine zu stellen. Bei uns wird nichts inszeniert.

The European: Sie sind 1986 zum Islam konvertiert. War das ein Protest gegen die “Dekadenz” der westlichen Welt, die Sie ja mitgeprägt haben?
Born: Es ist weniger die Dekadenz der westlichen Welt, vielmehr deren Hochmut.

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